der_Pudel 16.10.2012, 19:58 Uhr 0 0

Putzfimmel

Sie schrubbte. Hin und her, hin und her, vornüber gebeugt. Einmal hoch zur Spüle, den Lappen ausgewaschen, dann wieder: Hin und her, hin und her.

Ihre Finger waren schon ganz eingeweicht und rot, der Lappen löste sich langsam in seine Bestandteile auf.
So wie ihre Wut langsam verschwand, verschwanden die verkrusteten dunklen Flächen im Ofen.
Hin und her, hin und her.

Sie trug noch ihre Bluse von der Arbeit, aber die musste sie eh waschen. Sie sagte gerne Arbeit und zog sich hübsch an dafür, business casual, tatsächlich war es aber nur ein unbezahltes Praktikum. Dennoch hoffte sie, später einmal bei diesem Unternehmen arbeiten zu können. Es gefiel ihr außerordentlich gut, wie sie mit ihrer kleinen Plastikkarte jeden Morgen durch die gläserne Drehtür stöckeln konnte.

Hin und her, einmal auswaschen.
Langsam konnte sie einen Glanz erkennen, der sie sehr zufrieden machte. Ordnung machte sie immer zufrieden.
Leider war ihre Mitbewohnerin das genaue Gegenteil von ihr. Schon ihre Dreadlocks hätten ihr ein Warnzeichen sein müssen. Sie kochte sehr gerne und sehr oft, hinterließ die Küche aber wie eine Schnäppchenkiste im Sommerschlussverkauf. Totales Durcheinander. Und da sie das nun mal nicht ertragen konnte, schrubbte sie nun den Ofen.

Dass ihr neuer Wok zerstört war, darüber würden sie auch noch reden müssen. Immerhin blätterte der Lack ab! Das war nicht OK, immerhin war es ihr Wok, sie hatte ihn vor zwei Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen und jetzt konnte sie ihn wegschmeißen! Sie kochte innerlich.
Gleichzeitig wurde ihr jetzt schon flau im Magen, wenn sie an das Gespräch mit ihrer Mitbewohnerin dachte, Konflikte konnte sie immer sehr schlecht ertragen.

So, noch einmal ausgewrungen, dann wars vollbracht, die Küche glänzte wie eh und je.
Ob sie wohl gleich noch das Treppenhaus saubermachte, damit die Nachbarn Ruhe gaben? Na gut, das war ja schnell gemacht. Wenn sie dann schon einmal unten war, konnte sie gleich den Müll rausbringen. Sie schnappte sich den Wassereimer und spritzte ein wenig Putzmittel hinein. Es schäumte. Noch tanzte der weiße Schaum unter dem Wasserstrahl, doch gleich würde er braun werden, und sie konnte den ganzen Dreck am Ende ins Klo schütten, und dann war alles wieder sauber, glänzend, ohne ein Staubkörnchen.

Sie hievte den Eimer aus der Spüle und ging zur Haustür. Da hörte sie auf der anderen Seite einen Schlüssel klimpern.
Oh nein, doch noch nicht jetzt! Schnell drehte sie sich um, darauf bedacht, dass sie keinen Tropfen Wasser verschüttete. Sie lief ins Bad, schloss die Tür ab.
Mist! Sie wollte nicht, dass ihre Mitbewohnerin sie putzen sah. Sie machte das gerne allein, und am Ende glänzte alles, aber keinem fiel es so auf, dass er etwas gesagt hätte.

"Susanne, bist du da?"
"Ja, auf dem Klo! Ich bin gleich da!"
Erschöpft ließ sie sich auf dem Klodeckel nieder. Na gut, aber morgen.
Da waren dann zwar auch die Fenster dran, aber irgendwie würde sie das schon hinkriegen.

"Susanne, hast du schon WIEDER geputzt?!"
"Äh.. nein, warum?"
Sie klammerte sich an den Henkel des Eimers, er schnitt ihr in die Finger.
"Das ist doch nicht zu fassen, ich war doch mit der Küche dran! Warum machst du das denn immer? Putze ich dir nicht genug, oder was? Das gibts doch nicht.."

Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie durfte doch nicht wissen, dass sie geputzt hatte! Nicht, dass sie es ihrer Mutter sagte, die dann wieder ihren Hausarzt anrief..
Ihr wurde schlecht.

"Nein, nein, ich habe überhaupt nichts gemacht!"
"Komm da jetzt mal raus und zeig mir deine Hände!"
Bestürzt blickte sie selbst darauf.Sie waren rot und rissig, man sah ihr die stundenlange Putzaktion an.
"Nein!", rief sie verzweifelt.
"Ich, äh, habe Durchfall, lass mich in Ruhe!"
"Susanne, komm schon,ich will dir doch nur helfen! Ich ruf mal deine Mutter an."
"Nein, auf keinen Fall!", schrie sie verzweifelt.
Wie konnte sie nur verhindern, dass sie es ihrer Mutter erzählte?
Alles drehte sich um sie herum, sie glaubte schon, das Bewusstsein zu verlieren.
Doch dann wusste sie, was sie zu tun hatte.

Kurzerhand kramte sie in ihrem Kulturbeutel.
Da fand sie, was sie gesucht hatte. Alles war bei ihr an seinem Platz.

Sie drehte den Schlüssel im Schloss.
"Kannst reinkommen!"

In der rechten Hand hielt sie eine Rasierklinge.

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare