Phrasensammler
Federleicht gleitet eine Phrase nach der Anderen in seinen Müllsack, denn die Bedeutung, die ihnen Gewicht verleihen könnte, ist kaum mehr vorhanden.
Seufzend steht er da und starrt die Häuserwände entlang auf den Gehweg, halb die Straße im Blick. Überall liegen sie herum, lehnen manches Mal sogar an Hauswänden, schwängern die Luft. „Das sieht wieder einmal nach viel Arbeit aus“, denkt er kopfschüttelnd, als er beginnt die leeren Worthülsen aufzuklauben. Federleicht gleitet eine Phrase nach der Anderen in seinen Müllsack, denn die Bedeutung, die ihnen Gewicht verleihen könnte, ist kaum mehr vorhanden.
Es gibt Zeiten, da sieht er sie eine Weile an, bevor er sie zu den Anderen in den Müllsack steckt, und fragt sich, warum wohl so viele in Worte gekleidetes Nichts in die Welt entlassen, statt wirklich etwas zu sagen. Vielleicht hatten sie gar nichts zu sagen, denkt er dann.
Aus seinem Müllsack dringt ihm ein Wimmern ans Ohr, doch er ist taub dafür geworden. Bitterlich weinen sie, weil sie so ausgelaugt nichtssagend sind, nicht mal missverstanden, sondern überhaupt nicht mehr verstanden werden, und wie der Abklatsch eines Satzes in aller Munde sind, aber nie wirklich gehört werden.
Früher hatte er das Gefühl, sie dann in den Arm nehmen zu müssen, ihnen – den weinenden Phrasen – zu versichern, dass alles wieder gut werden wird, aber heute...heute weiß er, dass er damit nur ein weiteres Floskelgebilde auf die Straßen geworfen hätte, und so achtlos war er schon lange nicht mehr. Und außerdem: diese Worte von ihm, der er doch am Ende des Tages, der war, der den Sprachmüll entsorgte?
Er schüttelt den Kopf, während ihm eine kleine Phrase zuflüstert, sie wäre früher mal ein richtiger Satz gewesen, einer, der auch etwas bedeutet hättet. Er nickt milde und wirft sie zu den Anderen.
Es mochte ja sein, dass sie den Alptraum eines jeden Satzes lebte, das, wovor sich jedes Fragment fürchtete, aber irgendwann war ihm das egal geworden.
Er schultert den gut gefüllten Müllsack und wirft ihn zu dem Haufen auf der Ladefläche seines Wagens.
Nur wenig später hält er an einem Platz, an dem tausende solcher Säcke liegen, wie er sie ankarrt. Rasch wandern die Phrasen von seinem Wagen auf den Platz, und als er davon fährt, wirft er noch einen kurzen Blick auf das – ihm so wohl vertraute – Schild, über den Toren des Platzes.
Bedeutungslosigkeit, liest er rein routinemäßig, bevor sein Wagen um die nächste Ecke verschwindet.






Kommentare
Starker Text. Gefällt mir gut :)
12.10.2012, 19:01 von Oktoberstern4Dankeschön =)
12.10.2012, 19:02 von sheenamyGern geschehen ;)
12.10.2012, 19:02 von Oktoberstern4Wunderbare Idee, schön umgesetzt und schade, dass der Text bisher noch recht unbeachtet blieb, wo er inhaltlich doch so gut hierher passt. Oder gerade deswegen? Wirklich fein und gelungen.
23.09.2012, 15:40 von Mrs.McHFind den ganz süß, den Text. Vor allem:
20.09.2012, 10:47 von halbkindmfwährend ihm eine kleine Phrase zuflüstert, sie wäre früher
mal ein richtiger Satz gewesen
oooooh....... ach ne, das heißt ja jetzt: awwwww... egal, nette idee jedenfalls.
dass eine Phrase kein Satz ist? Nun, ich weiß, dass an sich natürlich ein Satz ist, oder zumindest ein Satzfragment. Was ich damit sagen will ist einfach, dass ein normaler Satz eben bedeutungstragend ist, während eine Phrase häufig ein institutionalisiert-floskelhaftes Wortgebilde ist, dass man meistens eben aus Texten streichen kann, ohne dass sich dessen Sinngehalt verändert.
20.09.2012, 13:02 von sheenamyhä? Ich hab gar nix gefragt/kritisiert, ich finde diesen Satz einfach wirklich schön!
20.09.2012, 13:05 von halbkindmfNa dann, hab ich dich wohl einfach falsch verstanden, vielleicht weil ich den Satz selbst ein bisschen fragwürdig finde^^
20.09.2012, 13:08 von sheenamyIch stell mir das nur so niedlich vor, die arme kleine traurige Phrase. Hach.
20.09.2012, 13:10 von halbkindmf