nirgendwasser
...
was nicht geschehen ist, darüber weiß man nichts, soviel hat der verstand, dieses hübsch uniformierte persönchen, den menschen zweifelsfrei in die köpfe gebumst, da braucht es keine erklärung mehr, weder von rechts noch von links, es ist eben so und fertig.
aber kaputtmachen kann man so einen gedanken doch, vielleicht muß man das sogar ab und zu, mit einem fleischwolf zum beispiel, oder mit einem lachen, auch ein herzhaftes schweigen würde wohl gehen, oder eben eine geschichte, die das gegenteil beweist, weil sie etwas erzählt, das nie passiert ist und von dem niemand weiß, jedenfalls nicht so, wie man das wort wissen im allgemeinen gebraucht.
so eine geschichte wäre dann aber natürlich auch kein beweis für den verstand, denn der würde dann den gepflegten zeigefinger erheben und
"ha ! ausgedacht! lüge!" rufen,
was mir allerdings ganz egal ist, denn diese geschichte hier zum beispiel ist trotzdem da und sie stammt direkt von meiner ururururgroßmutter und da gehen die probleme schon weiter, denn die meisten menschen würden wohl annehmen, ich könne keine geschichte von meiner ururururgroßmutter erzählt bekommen haben, weil die uhren und der kalender da mächtig was dagegen hätten, und das kann schon auch sein, aber es war keine uhr und kein kalender dabei, als ich vor dreiundfünfzig jahren einen ordentlichen februarsturm nutzen wollte, um ein paar bernsteine zusammenzuklauben, denn die kleine tochter vom olaf würde bald geburtstag haben und da wollte ich ihr eine kette schenken und man muß dann schon auch mal sagen, daß die bernsteine so ziemlich das hübscheste sind, was man einem mädchen von der küste um den hals hängen kann, auch wenn so ein meer wie das bernsteinmeer nichteinmal ebbe und flut kennt, aber es ist ein meer, trotzdem, denn es ist eigensinnig und wild, auch wenn man das zunächst vielleicht gar nicht denkt, und das sind ja oft, bei den meeren wie bei den menschen, genau die, die einen nie mehr loslassen, wenn sie einen erstmal am kragen haben, also so sprichtwörtlich.
wie ich da also nach dem sturm über den sand stapfte, die augen schön aufgesperrt nach den lohnensten algennestern, da stand plötzlich eine verhutzelte alte vor mir, als hätte der sturm auch sie an den strand gespült, ganz naß und zerzaust, und ich wollte gerade zu ihr sagen, mütterchen, das geht mal nicht gut, wir bringen dich besser nach hause, obwohl ich sie noch nie zuvor gesehen hatte, aber sie hat nur abgewinkt, mit einer geste wie eine ungeduldige königin und mir einen kräftigen schwall salzwasser in das gesicht gespuckt und vor lauter schreck bin ich nach hinten umgekippt wie ein loser holzpfahl und hab mir dabei den schädel gestoßen am größten klumpen bernstein, der an diesem strand je gefunden wurde, jedenfalls bis jetzt, und drei honigbienen waren darin eingeschlossen, und sahen aus, als wären sie gestern noch lebendig gewesen.
aber das mit dem bernstein wußte ich in diesem augenblick, ich mein, als ich so umgefallen bin, noch nicht, denn in dem moment hat es nur kurz wehgetan und dann war ich erstmal bewußtlos, vermutlich, aber auch nicht so richtig, denn die stimme der alten war in meinem kopf und jedes wort von ihr war zugleich ein bild und alles zusammen hatte geruch und geschmack und war nicht anders als die dinge in meinem leben sonst so waren und deshalb war es wirklich und wahr, jedenfalls was mich angeht, bloß das ich eben nicht mehr zuhause am strand war, sondern in der geschichte meiner ururururgroßmutter, niemand anderes nämlich war diese zerzauste alte, und sie sagte zu mir, daß ich gefälligst still sein sollte und zuhören, auch wenn ich nur ein mann geworden wäre, was eigentlich nicht hätte sein sollen, aber wer hätte schon wissen können, daß meine mutter sich kurz und heftig mit so einem adlernasigen gesellen vom fahrenden volk einlassen würde, das war nicht teil des planes, und auch das fuhrwerk und der betrunkene kutscher nicht, von dem es später noch zu erzählen gäbe, verdammter saufbold, so sagte meine ururururgroßmutter und dann holte sie ein messer aus ihren nassen röcken und schlitzte sich den unterleib auf, von rechts nach links.
donnerschlag, da hätte ich fast gekotzt, so ein anblick war das, wie da zuerst ihre eingeweide in einem schwall herausglibberten vor ihre füße und überall blut und dann spülte eine welle über sie und mich und die ganze schweinerei hinweg und plötzlich waren wir an einem anderen strand, die luft schmeckte ungewöhnlich und das wasser war rot und der himmel war ichweißnichtwie und der rote meer war der herrscher über alles, denn aus ihm kamen die dinge des lebens, alle, weil es auf dem land nichts gab außer blankem stein, und die männer der menschen reisten und jagten auf dem meer und waren ein brutales und blutrünstiges volk, unnachgiebig und gedankenlos gegen sich selbst und alles, immer nur von einem speerstoß zum nächsten denkend, von einem netzwurf zum andern, von keulenschlag zu keulenschlag, und der meer fand das großartig und liebte sie und feuerte sie an mit aller macht, denn so wollte er sein volk immer haben und alles wäre immer so weiter gegangen, hätte nicht irgendwann eine frau sich geweigert, ihr erstgeborenes für den meer zu opfern und alle standen wie vom donner gerührt, denn das hatte es noch nie gegeben, und die frau ging trotzdem in die roten fluten, denn sie wußte, daß es noch ein opfer brauchen würde, um diese ewige opferei zu beenden und schlitzte sich im wasser den bauch auf und starb dort mit ihrem kind, aber nicht, ohne vorher laut und für alle zu hören
"nein !"
gesagt zu haben, und da wurde die welt eine andere, der meer starb, aus seinem kalten kadaver gebar er den mond, die wasser wurden blau und hießen seitdem die meer, nur tief im landesinneren sagten noch manche der meer zu ihnen, und das wesen der menschen wurde um einiges sanftmütiger, auch wenn das opfer vielleicht nicht ausgereicht hat, um sie ganz aus dem blutkreis zu befreien.
und der leichenwäscher machte ein paar jahrzehntausende später große augen, als er die grobe und riesenhafte narbe auf dem unterleib meiner ururururgroßmutter entdeckte, als hätte ihr ein zorniger schnapsschmuggler mit dem haumesser einen todesstreich versetzen wollen, so beschrieb er die narbe dem herrn doktor, zu dem er eilig hinlief, und dieser ließ nach meiner urgroßmutter schicken, die damals das oberhaupt war in einer familie, in der die männer starben wie die fliegen, auf see und im krieg und an krankheiten sowieso, denn der herr doktor wußte sehr gut, daß die frau, die nun als leiche hier ein fragfall wurde, zu lebzeiten keine ärztliche kunst solcher schwere erfahren hatte und auch keinen unfall, und deshalb wurden die phantasie und die vermutungen und die unterstellerei gut befeuert in diesen beiden köpfen und außerdem in den köpfen der drei dorfmeier, die man rasch dazuholte, damit eine urteilsfähige mehrheit ausgerichtet werden könne, falls sich die schlimmsten befürchtungen bewahrheiten würden.
meine urgroßmutter stand dann selbst ganz faßungslos vor dem toten leib und es wurde ihr ganz schwummerig und sie mußte sich irgendwo festhalten, damit sie nicht glatt umfallen würde vor all den hohen und wichtigen herrschaften und da legte sie die hand voller vertrauen auf das narbenungeheuer und plötzlich wußte sie und wurde ganz ruhig und schaute dem herrn doktor fest in die augen und sagte leise:
"es ist gut."
der herr doktor blinzelte, wohl weil er einen solchen herrscherblick von einer fischerfrau nicht erwartet hätte und schaute dann in die runde und wiederholte den spruch, laut und deutlich für alle:
"es ist gut."
da nickten die versammelten herrschaften und blickten drein, wie eben nur männer dreinblicken können, weil sie zufrieden sind mit ihrem gut sortierten weltwinkelchen, und dann murmelten sie alle zusammen:
"es ist gut.",
und gingen zurück zu ihren beschäftigungen, nur der leichenwäscher blieb, denn seine beschäftigung war ja das leichenwaschen und er war noch nicht fertig mit meiner ururururgroßmutter, und die sache war damit für alle erledigt und es wurde nie wieder daran gedacht.
meine urgroßmutter aber ging mit einem brennen im unterleib und einem lächeln auf den lippen nach hause und wurde auf dem weg von einem pferdefuhrwerk überfahren, weil der kutscher voll war wie ein topf, denn seine frau war am abend zuvor im kindbett gestorben, und deshalb hat er meine urgroßmutter nicht gesehen dort auf der straße und sie war auf der stelle tot wie ein salzfisch und hat deshalb vergessen, mir diese geschichte zu erzählen, und ein bißchen auch deshalb, weil ich damals noch im bauch von ihrer urenkeltochter gewesen bin und es mit dem zuhören noch nicht so hatte, und damit ist sie nun zu ende, die geschichte, obwohl eine solche geschichte ja gar kein ende haben kann, aber zu ende ist sie wohl, und daran sieht man, daß manche dinge kommen und gehen und andere unsterblich sind, aber eigentlich kein unterschied dabei ist, denn es sind ja nur worte.
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geistersand
Tags: Robert, Suydam







Kommentare
rechtschreibunG wirD grossS geschriebeN, odeR etwA nichT.
Bei "Olaf" musste ich leider aufhören.
16.12.2012, 21:33 von justanotherpicture:-)
16.12.2012, 21:36 von robert_suydamna, schön das du das extra sagst.
es hat eben jeder seinen unvermeidlichen endpunkt,
und wenn es ein olaf ist.
Muß ich morgen noch mal lesen.
16.12.2012, 11:32 von Taneavieles in uns ist gut so.
15.12.2012, 21:11 von zehnmomentedanke für das schöne geschichtchen.
:-)
15.12.2012, 22:10 von robert_suydam