EliasRafael 24.10.2016, 10:09 Uhr 28 32

Neon und die Kunst

Neonismus – ein Pamphlet. These 1. Texte auf dem Weg zum User Treffen in Köln.

Drei Thesen. Diesmal habe ich den Mund möglicherweise etwas zu voll genommen. Ich beiße mir auf die Lippen. Dann wische ich die Selbstzweifel beiseite wie ein billiges Bikinibild bei Tinder. Nur nicht unbescheiden sein. Ich blicke nach vorne, wo der SUV, der mich eben noch so lange mit der Lichthupe bedrängt hat, bis ich ihn vorbei gelassen habe, gerade wieder anfährt. Hat das Arschloch nur deshalb gedrängelt, um schneller pissen gehen zu können? Abschaum. Die erste Variante meiner ersten These fällt in dieser Gemütslage naturgemäß recht moderat aus.

Neon.de ist ein Inkubator der deutschen Literaturszene.

Nirgendwo sonst ließen sich zumindest in der Blütezeit des Portals (2006-2012) so gut die Irrungen und Wirrungen der verlängerten Adoleszenz nachlesen und live beobachten wie auf Neon.de. An dieser Stelle ertönt regelmäßig ein Aufstöhnen in den Reihen derer, die sich selbst gerne als Gralshüter des guten Geschmacks sehen oder als engagierte und achtsame Weltbürger, die das hier für einen großen Kindergarten halten und sich lediglich aus Alternativmangel heraus immer wieder einloggen oder anmelden. Ich schließe der Einfachheit halber aus, dass es sich hierbei um dysfunktionale Varianten von Leseridentitäten handelt. Dauernörgler, die trotzdem alles lesen. ICD. File under: Neonismus - pathologische Unterformen.

Ich nehme den Einwand halbernst und daher den Satz zurück. Eigentlich ist er noch zu viel schwach. Ich formuliere die These neu:

Neon.de ist ein Teil der deutschen Literaturszene.

Zum Beleg führe ich ein paar Beispiele auf, die sich ohne Scham den eigenen Eltern und/oder ungeborenen Enkelkindern erzählen lassen, um die Mitgliedschaft auf Neon.de oder gar den Besuch eines User Treffens zu rechtfertigen: MisterGambit wird mittlerweile vom Goethe-Institut als Botschafter deutschen Kulturguts in die Welt gerufen. Chapeau. FrauKopf inszeniert sich als multimediales Gesamtkunstwerk und Role Model für...ach, das sollte sie am besten selbst erklären. Läuft jedenfalls. JackBlack hat sich mit spitzer Feder, eskalierter Sexyness und unbestechlicher Moral eine extrem treue Fanbase geschaffen. Nämlich mich. Nebenbei gewinnt sie Literaturpreise in Kreisen, die bei dem Wort “Popliteratur” auch 20 Jahre nach Faserland noch mit der Nase rümpfen, als ob das was mit Popeln zu tun hätte. Und Forst arbeitet derweil im Exil an einer mehrbändigen Anthologie nordischer Siddharthaisten aus dem frühen 13. Jahrhundert. Tatsächlich hat er mehr Interesse an solchen Treffen als Zeit und Geld dafür und fliegt vielleicht genau dann mit dem Heli ein, wenn man am wenigsten mit ihm rechnet.

Das Vermächtnis von Neon.de erschöpft sich jedoch nicht nur in den literarischen Weihen meines Bücherregals. Der gestrenge Geist von Surecamp schwingt zumindest bei mir bei jedem Text, bei jedem verbal formulierten Auswurf mit, den ich irgendwo im Netz lese oder kommentiere. “A bad text is a bad text and a good text is a good text”, höre ich ihn in meinem Kopf flüstern, und: “No mercy with friends and family. They deserve your highest intellect.” Recht hat er, auch wenn er das so sicher niemals selbst gesagt oder geschrieben hat.

Ich überlege, warum auch ich in einer Gesellschaft, in der sich mittlerweile jeder Eumel zum Experten für irgendetwas hochstilisiert, mit meiner These hadere und komme zu keinem Ergebnis. Noch nicht wirklich überzeugt, starte ich den Motor wieder und fahre zurück auf die Autobahn. An keinem Ort, den ich kenne, gehen die Menschen so kritisch miteinander um und ich bin selbst ein Teil dieses Phänomens.

Viele weitere User fallen mir ein, die sich mit Kreativität, Herzblut und Intellekt irgendwie auf Neon.de eingebracht haben, aber auch anderswo in Büchern, Blogs, Redaktionen, auf Poetry Slams und im Photoshop oder sonstwie einen Namen gemacht haben. You know who you are!

Der wirklich wichtige Punkt ist jedoch ein anderer. Es geht gar nicht darum, dass die Bedeutungsaufladung von außen quasi geliehen werden muss. Dass der Ritterschlag für Kunst erst durch Vertreter eines bereits etablierten kulturellen Systems erfolgen kann. Wenn ein Artikel über einen Autor in der, sagen wir, Apothekenumschau erscheint, dann hat er es geschafft? Bullshit. Verlage, Zeitungen, Radiosender, Fernsehen und auch die Zeitschrift Neon verfolgen primär die kommerziellen Interessen ihrer Eigentümer. Sie fungieren als Multiplikatoren und können mit Phänomen, die in Nischen funktionieren, im Idealfall latente Bedürfnisse des Massenmarkts bedienen und dafür Zugang zu Produktionsmitteln, anderen Kreativen und Distributionskanälen bereitstellen. Sie funktionieren dabei jedoch als geschlossene Systeme mit eigenen Codes und Mustern, die marktgängige Produkte oder Dienstleistungen brauchen. Und das liefert Neon.de eben gerade nicht.

Ich drücke die Kippe in den Aschenbecher und formuliere meine These ein weiteres Mal neu:

Neon.de ist ein Teil der deutschen Kulturszene.

Neon.de hat in seinen besten Zeiten ein in dieser Konstellation zumindest im deutschsprachigen Raum einmaliges Spannungsfeld von Autoridentitäten, Texten, Leseridentitäten sowie weiteren notwendigen Instanzen (Zuschauer in Loge und Rang, Techniker, Hausmeister) auf engstem Raum ermöglicht. Die darin liegende selbstreferentielle Dynamik hat Phänomen des etablierten Kulturbetriebs in hochkonzentrierter Form quasi simuliert bzw. nachgespielt und teilweise gesellschaftliche Trends des Mainstreams vorweggenommen. 

Wenn etwas auf Neon.de funktioniert hat, ob es sich um besonders liebevoll konstruierte Autoridentitäten, Zombie-Autoren, die in immer neuen Identitäten ihren Trademarkstyle verfeinerten oder die bereits erwähnten mehr oder minder dysfunktionalen Leseridentitäten handelt, dann hat es immer nur im Zusammenspiel funktioniert. Eine interaktive Form von Concept Art, die sich kommerziell kaum verwerten lässt.

Und: Wo sonst werden derart verquaste Texte über profane User Treffen geschrieben? Und warum?

These also belegt.





Tags: Neon.de
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28 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Mir kommen die Tränen. Wirklich.

    Und schön geschrieben!

    19.02.2018, 12:41 von Tora
    • 0

      Danke, das ist liep.

      19.02.2018, 17:45 von EliasRafael
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  • 0

    These belegt.

    21.02.2017, 22:13 von Besetztzeichen
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  • 3

    Ein Prosit der Selbstbeweihräucherung!
    Ein Glasperlenspiel ist neon sicher nicht. Die Perlen unter den Säuen zu finden fällt ähnlich schwer wie einen hervor-ragenden Text auf der Startseite zu finden. DIe Startseite ist zu sehr an das Klischee "neon" angepasst und lässt gerade das an Kultur vermissen, welches sich neben BILD und YouTube zu finden erhofft...der Mensch, den es nach Höherem treibt, speziell an einem Sonntag, an welchem der Föhn uns die Sonne auf den Balkon schickt.

    30.10.2016, 14:52 von Filousoph
    • 1

      Wir hoffen alle auf mehr Tekse von dir.

      05.11.2016, 11:46 von glurak
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  • 0

    Und: Wo sonst werden derart verquaste Texte über profane User Treffen geschrieben? Und warum?
    Um den Moment zu überhöhen :).
    Passiert, glaube ich, häufiger auf Usertreffen von thematisch wenig eingegrenzten Netzcommunities in denen Hinz und Kunz ein nicht vernachlässigbares Hintergrundrauschenambiente für das aktive Zentrum der Community produzieren. Für die paar Hansel, die dem ganzen Kokolores temporäre Bedeutung mitgeben, bis irgendwann die virtuellen Lichter ausgemacht werden und nur noch die wayback-engine zeigt, dass da mal irgendwas war :). Und nostalgische Gesprächsmomente ehemaliger "Regulars", für die das eine Bedeutung hatte und hat, weil man irgendwelche Bekanntschaften, Gedanken, Impulse dieser Zeit nie losgeworden ist.

    Warum auch?

    Whatever.

    Ich hoffe ihr habt gerade Spaß, damit irgendwer -wenn davon berichtet wird- die Augen rollen und sich implizit angegriffen fühlen kann ^^

    30.10.2016, 00:46 von PixelAspect
    • 1

      Wir haben den ganzen Abend Voodoo-Puppen zerstochen.

      30.10.2016, 08:40 von EliasRafael
    • 5

      Mit Augen wurde auch gerollt...

      30.10.2016, 13:02 von sailor
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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  • 2

    User-Treffen.

    Grüße,
    Grumpel

    25.10.2016, 02:12 von JackBlack
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  • 0

    Startseite! :)

    25.10.2016, 00:21 von TheCaptainsFiancee
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  • 1

    natürlich Nische. 
    das meiste spielerisch Stimulierende hat da Ursprung .. und umkreist die geistige Heimat oft weit länger, satter, ungerichteter, als ihre gezielten, dressierten Derivate, die verwässert im Konsens um Nützlichkeit, Verzweckung, Quote, Existenzsicherung oder sonstwas zu buhlen haben.

    Ja auch schön, ja auch teilhaft, aber bestimmt nicht die Essenz von Innovation, Begeisterung, von Übereinstimmung aus Wesen und Wirksamkeit.  

    Okay, dass Bob Dylan bspw. jetzt gern nochmal so tut, als gäbe ihm die Ignoranz von Titeln und hinterhergeworfenen Ehren seine verlorene Avantgarde zurück, ist ein anderes Thema, aber im Grunde eine ähnliche Crux.        

    Scheiß doch was auf Geltung und große Beglaubigung. 
    "punk is dead".
    "popularity is for the mediocre meaning"
    jaja .. und damit der Hit von morgen im goldenen Käfig. 


    24.10.2016, 23:21 von schauby
    • 2

      Das mit Dylan sehe ich natürlich nicht so.

      26.10.2016, 09:54 von RAZim
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  • 2

    Einiges wäre zu hinterfragen, dennoch- Respekt!

    24.10.2016, 21:27 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Es ist ja auch eine radikal subjektive These, die lediglich im objektiven Gewand daherkommt :) 


      aber danke!

      26.10.2016, 09:34 von EliasRafael
    • 0

      Hehe ^^;)

      26.10.2016, 14:29 von Gluecksaktivistin
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