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EliasRafael 28.10.2016, 09:27 Uhr 11 13

Neon und das User Treffen

Neonismus – ein Pamphlet. These 3, die keine ist. Texte auf dem Weg zum User Treffen in Köln.

Schon nach kurzer Suche habe ich einen Parkplatz in der Kölner Innenstadt gefunden. Für den vor mir durch Straßen schleichenden SUV war die Lücke zu klein. Das nennt man wohl ausgleichende Gerechtigkeit. Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden. Mit dem Tageslicht verlieren meine Erinnerungen an Schärfe, meine Gedanken streifen ihre Kontur ab. Die Zeit der großen Thesen ist vorbei, und ehrlich gesagt, bin ich selbst froh darüber.

Der Totenkopf auf dem Beifahrersitz blickt mich erwartungsvoll an. Ich überlege, ob so jemand wirklich auf einem User Treffen dabei sein sollte, und beschließe die Entscheidung zu vertagen, indem ich ihn erstmal in meinem Rucksack verstaue. Als ich aus dem Wagen steige, spüre ich den Regen, der in den Wolken hängt. Auf der Straße wirbeln ein paar Blätter im Wind. Ich klappe den Kragen hoch und schaue mich um.

Von hier aus dürfte es eine gute Viertelstunde zu Fuß sein. Lang genug, meine Gedanken noch einmal zu sortieren und wenigstens eine kleine These zu formulieren. Eigentlich geht es nur noch um meine Erwartungen an diesen Abend. Es ist nicht mein erstes User Treffen, aber diesmal habe ich es mitorganisiert. In so einer Rolle verschiebt sich die Perspektive.

Nicht alles was glänzt, ist Gold. Goethe-Institute versprühen den Charme einer Bibliothek und auch Literaturpreisverleihungen können richtig öde sein. Auch das Internetz hat seinen Reiz etwas verloren. Morgens scrolle ich müde durch meine Timelines, vergebe routiniert ein paar Likes oder Kommentare, aber das läuft eher nebenbei. Und auf Neon.de herrscht immer öfter Friedhofsruhe.

Real Reality ist auch keine Lösung. Die vorherigen Neon User Treffen fand ich persönlich eher unspektakulär. Das erste Treffen in Berlin muss ziemlich aufregend gewesen. Aber da war ich nicht dabei und ich glaube, man muss es differenziert betrachten. Immerhin trafen dort viele Profilbilder zum ersten Mal auf einen Haufen anderer Profilbilder. Autoridentitäten kollidierten live mit Leseridentitäten. Sowas prägt. Einige der Teilnehmer schwärmen bis heute von dem Tag. Vielleicht, weil lag das auch daran, dass es mit dem Ende der Hochzeit von Neon.de zusammenfiel. In der Retrospektive verklären sich Erinnerungen, das weiß ich. Vielleicht war es auch nur besonders heiß an diesem Tag im Viktoriapark.

Mein Weg führt durch eine dunkle Nebenstraße. Vor wenigen Monaten bin ich auf das Projekt Stolpersteine gestoßen, das unaufdringlich das Erinnern an die Greuel der NS Zeit in den Alltag einbauen möchte. In diesem Viertel wurden besonders viele dieser Steine verlegt. Im diesigen Dämmerlicht sieht man sie höchstens dann, wenn man gerade über sie läuft. Aus den Augenwinkeln glaube ich, die wechselnden Profilbilder einer bestimmten Person zu erkennen, die heute nicht auf dieses Treffen kommen wird. Doch als ich näher hinschaue, sehen die Steine aus wie immer.

Ich bin Realist und mag es nicht, wenn übertriebene Erwartungen geweckt werden. Lieber lasse ich mich positiv überraschen. Daher möchte ich den schlechten Teil der Nachricht immer zuerst hören.

Auch unser heutiges Treffen wird nicht in einer ekstatischen Orgie enden. Wir werden uns gleich begegnen und uns im selben Moment wundern, warum wir überhaupt gekommen sind, so ganz ohne Neon.de. Wir werden zusammen essen, etwas Small Talk betreiben und uns dann betrinken. Wir werden uns spontan in die Arme fallen und genauso schnell wieder entfremden, den anderen blöd finden oder lustig oder seltsam oder anstrengend und merken, dass wir alle letztlich auch nur Menschen sind. Und wir werden ein paar Texte lesen. Das wird bestimmt gut, darauf freue ich mich. Das ist aber wenig spektakulär.

Aber wer weiß, vielleicht schreibt in 20 Jahren wirklich ein ambitionierter Germanist seine Dissertation über diese spezielle Kunstform, in der sich erfundene Tagebucheinträge und genau so oder so ähnlich passierte Lügen mit der Konstruktion virtueller Scheinidentitäten zu dem explosiven Gemisch Neon.de vereinigt haben, und stöbert uns einzeln auf, weil wir uns offensichtlich doch so nahe waren, dass wir einander noch einmal treffen wollten. Dann wird dieser Mensch uns nach unseren Erinnerungen befragen.

„Es war mega“, werden wir dann sagen. Auch wenn wir möglicherweise längst vergessen haben, wie es wirklich war mit den anderen Usern von Neon.de, weil die Verzahnung von online- und offline-Leben in 20 Jahren vielleicht genauso zum Leben dazugehört wie ein Telefon ohne Schnur und Wählscheibe.

Und jetzt die gute Nachricht:

Manche Ereignisse erscheinen einem auch in der eigenen Biographie irgendwann größer als das Leben selbst. Und man wäre dann todunglücklich, wenn man es damals versäumt hätte zu kommen. An diesem Abend. Nach Köln. Zu den anderen Profilbildern. Und den schönen Teksen.

These 3: Es wird also mega!

Mit diesem Ausblick schließe ich meine Thesen ab, die eigentlich gar keine sind, sondern lediglich meine eigenen, völlig subjektiven Beobachtungen, Erfahrungen, Interpretationen, Unterstellungen und Erfindungen aus gefühlten 1000 Jahren Neon.de.

Das klingt so schwer, dass sich meine Erwartungen wie Mühlsteine um meinen Hals legen. Ich bleibe stehen. Überrascht stelle ich fest, dass ich beinahe am Eingang des szenigen Ladens, den wir für das Treffen ausgesucht haben, vorbeigegangen wäre. Jemand fand, dass er das Flair einer Kindertagesstätte versprühe. Der Vergleich gefällt mir. Er gibt mir neue Energie. Ich schüttele die Last ab und hole einen Zettel aus meinem Rucksack. Euphorisiert schreibe ich meine Gedanken nieder, bevor sie mir jemand klauen kann.

Nervös geht mein Blick auf die Uhr. Es ist noch ein wenig früh. Ich komme immer zu früh oder zu spät zu solchen Treffen. Nie genau richtig. Aus der Schachtel angle ich mir die letzte Zigarette. In etwa einer halben Stunde müssten die ersten Teilnehmer eintreffen. Ich schaue mich um, ob ich jemanden rumschleichen sehe, der sich nicht traut oder bewaffnet ist oder einfach gefährlich aussieht. Ich überlege, wen ich überhaupt erkennen würde und wer auf einmal mir neben mir stehen könnte, ohne dass wir beide wüssten, dass wir uns schon hunderte Kommentare um die Ohren gehauen haben.

Drei Zettel hab ich bis zum Anschlag vollgeschrieben. Alles ist viel länger geworden als geplant. Aber es gibt so viel zu erzählen und wo könnte man diesen Druck auf die Gehirnzellen besser loswerden als auf Neon.de? Ich könnte mit diesen Geschichten den ganzen Abend füllen. So viel ist passiert. So vieles wäre noch zu erzählen. Doch das würde etwas einseitig und zunehmend unlustig und außerdem viel zu selbstbezogen, und so bin ich sonst schon den ganzen Tag. Zumindest auf Neon.de. Meine soziale Ader wirft meinem Geltungsdrang den Fehdehandschuh hin. Deswegen bin ich heute nicht hergekommen.

Dann kommt mir die rettende Idee. Neben dem Eingang hängt eine große schwarze Tafel, auf der sonst immer etwas Werbung steht, wenn etwas Besonderes in der Location stattfindet. Heute ist die Tafel leer, wir wollen unter uns bleiben. Inzwischen bin ich jedoch für solche Gelegenheiten gerüstet. Ich hole Tesafilm heraus und hefte meine Thesen an die Tafel. Dabei fühle mich dabei ein bisschen wie Martin Luther, der ziemlich genau vor 500 Jahren seine 95 Thesen an das Hauptportal der Wittenberger Schlosskirche geschlagen hat. Größenwahn war schon immer meine heimliche Schwäche.




Zufrieden mit meinem Auftritt betrete ich die Location. Meine beiden Mitorganisatorinnen sind schon da. Erwartungsvoll lächeln sie mich an.

Gemeinsam werden wir die These 3 gleich überprüfen.

Neonlog


Tags: Neon.de
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Kommentare

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      Kommst du doch?

      29.10.2016, 12:23 von EliasRafael
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    Won't you tell me,, where have all the good times gone...

    29.10.2016, 09:26 von sailor
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    ....es gab auch schon vorher usertreffen. Allerdings wurde da weniger Wert auf den ersten Teil gelegt. Also den mit dem Lesen. Es gab direkt Tänze und Getränk.

    Die meisten Teilnehmer sind allerdings längst in ehrliche Berufe, literarische Quartetts, Rehazentren, Schachclubs oder ähnliche betreute Wohneinrichtungen abgetaucht.

    29.10.2016, 01:20 von der_mueller
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    Ihr seid so toll

    28.10.2016, 14:58 von Nem
    • 1

      Der Neid lässt grüßem ;)^^

      28.10.2016, 23:41 von Gluecksaktivistin
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    Viktoriapark......


    Warum warst Du eigentlich nicht dabei???

    28.10.2016, 14:51 von cosmokatze
    • 0

      Ich war verhindert, das traumatisiert mich bis heute :-)

      28.10.2016, 14:54 von EliasRafael
    • 1

      Mich auch!

      01.11.2016, 08:30 von FrauKopf
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