T-A 30.11.-0001, 00:00 Uhr 17 31

Morgen nicht mehr

Arbeitsloser, erfahrener Romanheld sucht Beschäftigung – gern auch Kurzgeschichte.

Pierre inhalierte die von Putzmitteln geschwängerte Luft, die ihn immer an Ferienlager erinnerte. Hier auf dem Arbeitsamt hatten sie anscheinend DDR-Restbestände an Reinigungsmitteln aufgekauft, die auch nach 20 Jahren nicht alle werden wollten.

Eigentlich hieß er Gerd. Aber es hatte eine Zeit gegeben, da war sein Name wesentlich mehr wert gewesen, als die Pixel, die seine Sachbearbeiterin bei der Eingabe desselben in irgendwelche Datenbanken verschwendete. Damals machte er sich gerade einen Namen. Sowohl im wortwörtlichen wie im übertragenden Sinne. Er hatte seine Ausbildung an der „Staatlichen Hochschule für Protagonisten & Antagonisten“ in Rostock mit Auszeichnung absolviert, war nach Berlin gezogen und hatte größere Nebenfiguren in Romanen des Aufbau-Verlags übernommen. Kurz vor der Wende, im sogenannten „heißen Sommer“, bot man ihm seinen ersten Protagonisten an. Das Buch wurde ein voller Erfolg.

„Wir sind uns darüber einig, dass ich eigentlich nichts für Sie tun kann?“, hatte Frau Delenhorst bei ihrem ersten Termin mehr gesagt als gefragt. Er hatte schweigend genickt, weil er nichts anderes erwartet hatte und weil er wie sie wusste, dass dieser Termin und all die anderen, die noch folgen sollten, ebenso verpflichtend wie sinnlos waren. „Die Situation für arbeitslose Romanhelden ist nicht gerade rosig“, fügte sie vorsichtig hinzu. Das betroffene Gesicht, das sie dabei formte, war gar nicht mal schlecht. „Sie hätte Talent“, war der flüchtige Gedanke, den er ziehen ließ ohne ihn genauer zu betrachten. Er nickte nur mit seinen Augenlidern und lächelte zaghaft. Das Zeichen für beide, dass sie sich den Vortrag, der nun eigentlich planmäßig folgen sollte, sparen konnte.

Nach der Wende war er noch für einige größere Projekte besetzt worden und dann und wann kam es sogar vor, dass ihm Leser schrieben, sie hätten ein Buch nur deshalb gelesen, weil sie wussten, dass er die Hauptfigur erarbeitet hatte. Es gab auch Schriftsteller, die explizit nach ihm verlangten, was ihm gegenüber den Verlagen das Recht einräumte, über seine Gage wirklich zu verhandeln. Es lief gut für ihn. Bis die eigentliche Wende kam.

Ende der 90iger begann es wohl – vielleicht ging es auch schon früher los und er hatte es einfach nur nicht sehen wollen – dass mehr und mehr Romanhelden ohne wirkliche Ausbildung den Markt überschwemmten und ihre Tätigkeiten zu Dumping-Preisen anboten. Plötzlich gab es private Schulen, die in fünftägigen Intensivseminaren eine Ausbildung  zur Romanfigur anboten. Den Verlagen war dies in einer Zeit, in der die Buchverkäufe rückläufig waren und immer mehr Geld in Marketing gepumpt werden musste, nur recht. Es gab einzelne Schriftsteller, die den Verfall der Qualität - manchmal öffentlich, manchmal hinter vorgehaltener Hand - anprangerten. Die guten unter ihnen verzweifelten, wenn sie für ihre unerfahrenen Romanfiguren Sätze wie „Er war nervös.“ statt „Er kaute auf seinen Fingernägeln und rutschte auf seinem Sitz hin und her.“ schreiben mussten. Den Verlagen schien es egal. Dem Leser auch. Hauptsache ein guter Plot, der sich vermarkten lässt. Natürlich gibt es auch heute noch die ganz Großen in seinem Fach, die für exorbitante Gagen arbeiten konnten und gleichzeitig der Garant für einen Bestseller waren. Aber zu diesem Kreis hatte er nie gehört und würde es auch nie. Er gehörte zum guten, soliden Mittelfeld, das nun von Möchtegern-Romanfiguren zerpflügt wurde.

Ein Gong ertönte und auf der LED-Anzeige, die unter der Decke befestig war, erschien seine Nummer. Pierre erhob sich seufzend und ging in das Großraumbüro mit den durch mannshohe Pappwände abgetrennten Arbeitsplätzen.

Frau Delenhorst lächelte als sie ihn erblickte. Das war ungewöhnlich. Wenn er es sich recht überlegte, hatte sie noch nie gelächelt. Doch ihr betrübter Blick, der ihm sonst immer sagte „An meinem Tisch gibt es kein Happy End“ war heute verschwunden.

„Es gibt wunderbare Neuigkeiten, Herr Trude“, sagte sie noch bevor er sich setzen konnte. Pierre schwieg. Er hatte heute noch nicht mal mehr die Kraft die Augenbraue zu heben, als Einladung für Frau Delenhorst fortzufahren. Doch sie schien keine Einladung zu benötigen.

„Das Ministerium für Arbeit und Soziales und das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden zusammengelegt. Und Ursula von der Leyen wird neue Superministerin. Quasi Ministerin für alles - außer Geld und Krieg.“ Frau Delenhorst kicherte. Pierre nicht. Er fragte sich, warum es eigentlich ein Ministerium für Frauen gab und welcher Minister dann für die Männer zuständig sei.

„Herr Trude?“ Frau Delenhorst wirkte ein wenig enttäuscht, weil er so gar nicht in ihre Polonaisen-Stimmung einsteigen wollte. Pierre hob fragend eine Augenbraue. Nur für sie. Er mochte Frau Delenhorst und es lag ihm fern, sie auflaufen zu lassen.

„Herr Trude, das ist gut. Für Sie und für mich. Es gibt schon ein erstes großes Projekt, das aus der Fusion hervorgeht. Und Frau von der Leyen selbst ist die Schirmherrin. Sie wird Kurzgeschichten für Jugendliche schreiben.“ Es schien als müsste sich Frau Delenhorst an dieser Stelle sehr viel Mühe geben, um ein lautes „Taaddaaa!“ zu unterdrücken. Pierre gab sich ebenso viel Mühe den aufsteigenden Seufzer wieder hinunter zu schlucken und hob stattdessen erneut fragend die Augenbraue. Mehr war heute einfach nicht drin. „Also. In den Kurzgeschichten geht es natürlich um sozial relevante Themen. Drogen und so. Und die werden dann kostenlos an Schulen verteilt…. also die Geschichten … nicht die Drogen.“ Diesmal hätte Pierre beinahe in das Kichern von Frau Delenhorst eingestimmt. „Aber das allerbeste ist…“ - Sie machte eine bedeutungsschwere Pause: „Die Figuren sollen ausschließlich mit arbeitsuchenden Romanhelden besetzt werden. Ist das nicht großartig?“ Sie wartete auf den Applaus, der nicht einsetzen wollte. „Und wenn Sie jetzt anrufen, erhalten Sie nicht eine, nicht zwei, sondern gleich drei Rollen, in einer beschissen geschriebenen aber dafür moralisch wertvollen Kurzgeschichte angeboten“, ergänzte Pierre stumm die Ansprache seiner Sachbearbeiterin.

„Herr Trude“, hob Frau Delenhorst erneut an – nunmehr im Ton einer Oberschwester. „Sie müssen nur diesen Antrag bis zum nächsten Mal ausfüllen und dann haben Sie wirklich gute Chancen auf eine Stelle. Und wer weiß, vielleicht schreibt Frau von der Leyen ja auch Fortsetzungsgeschichten, wo Sie immer wieder mitspielen können? Und Sie können sich damit Ihr ALGII ein wenig aufbessern und sich vielleicht mal was Hübsches kaufen. Und Sie leisten einen gesellschaftlich wertvollen Beitrag. Das war Ihnen doch immer so wichtig.“

Pierre suchte in seinem Gedächtnis nach dem Termin, bei dem sie darüber gesprochen hatten, was ihm wichtig war. Er fand ihn nicht.

„Na? Was sagen Sie?“, holte Frau Delenhorst ihn aus seinen Gedanken zurück in das neonbeleuchtete Großraumbüro. Er hätte jetzt all seine Fähigkeiten einsetzen können und das tun, was er seit Jahren schon nicht mehr tun konnte. Für sie hätte er  himmelhochjauchzend und voller Zuversicht mimen können. Warum sollte nicht wenigstens einer  mit guter Laune und Hoffnung aus diesem Termin gehen? Aber ihm fehlte die Kraft. Während er den Antrag in seine Ledertasche schob, formulierte er die Worte, die zu nichts – weder seiner Stimmlage noch seiner Mimik und Gestik – passen wollten: „Das ist wirklich großartig, Frau Delenhorst. Vielen Dank.“ Da war Ironie. Ganz plötzlich war sie aufgetaucht, ohne dass er es gewollt hatte. Doch bevor sie den Verstand seiner Sachbearbeiterin erreichen konnte, wurde sie auch schon von der Klimaanlage aus dem Raum gepustet. Hinter ihr flog der Ärger von Pierre, der wusste, dass er es eigentlich besser konnte und sich nicht wie diese Dilettanten von plötzlich aufkommenden Stimmungen überraschen lassen musste. Dann waren beide verschwunden. Pierre erhob sich. „Vielen Dank noch mal.“ Er reichte Frau Delenhorst die Hand. „Ach, nichts zu danken. Ich wusste doch immer, dass wir beide das schaffen. Bis zum nächsten Mal!“

Er dachte noch bis zur Haltestelle über die neue, vollkommen veränderte Frau Delenhorst nach. Dann stieg er in den Bus und ließ die Gedanken an sie draußen stehen. Er hatte sich einen Namen gemacht. Damals. Im wahrsten wie im übertragenden Sinne. Doch dieser Name, dieser Pierre Chateau, existierte nicht mehr. Im wahrsten wie im übertragenden Sinne. Er war wieder Gerd Trude. Arbeitssuchender Romanheld mit langjähriger Berufserfahrung. Doch vielleicht würden sich ja einige Leser an Pierre erinnern. Vielleicht würden morgen wenigstens ein paar wenige „R.I.P.“ und seinen alten Namen auf Facebook posten.

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Kommentare

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    traurig...

    18.09.2012, 12:14 von Schmalzstulle
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    Schön geschrieben. Habe ich gerne gelesen!

    14.09.2012, 18:18 von denkanstosser
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    viel zu spät entdeckt den text, aber immerhin dann doch!
    glückstreffer für mich !

    14.09.2012, 15:11 von Gluecksaktivistin
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    Neben der Story finde ich v.a. die Einbindung in (kritisch beleuchtete) Kontexte sehr gut: Jobcenter, DDR-Wende, Literaturmarkt, Ursulas Großministerium - schönes glaubhaftes Gespinne um die Realität herum, welches auf die Figur zurückfällt.

    13.09.2012, 11:52 von LudwigMartin
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    recht super.

    12.09.2012, 10:15 von Boahmaschine
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      naja ne, nicht super. aber gut. vor allem die idee und das tempo. bisschen lieblos geschrieben vielleicht, aber wer weiß, ob's anders ginge.

      12.09.2012, 10:19 von Boahmaschine
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  • 1

    Ganz schön geschrieben. Habe ich gern gelesen.
    Das hier finde ich besonders gut:

    Pierre suchte in seinem
    Gedächtnis nach dem Termin, bei dem sie darüber gesprochen hatten, was ihm
    wichtig war. Er fand ihn nicht.

    12.09.2012, 10:12 von WieSieSehnSehnSieNix
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  • 1

    schön, dich wieder zu lesen.. allein dafür gibts ein herz!

    text muss ich mir in ruhe zu gemüte führen :D


    12.09.2012, 08:43 von RedSonja
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