Kragenkarin 08.07.2009, 00:41 Uhr 4 2

Mein Buch

Dies ist der erste Satz meines Buches.

Meine Einleitung

Dies ist der erste Satz meines Buches. Schon zu oft daran gedacht, abends im Bett oder auch beim Zugfahren, vor allem aber beim Lesen der Ergüsse besungener Jungautoren. So sein zu wollen oder tatsächliche Erfüllung? Talent und Drang oder Geltungssucht?

Mein Buch ist eigentlich schon fertig. Kann es mir nämlich genau vorstellen. Es würde entweder bei KiWi oder bei Hanser erscheinen und natürlich ein grosser Erfolg werden. Allerdings würde ich vielleicht unter einem Pseudonym publizieren, das hat Stil. Auch gern als Mann, dann hätte man in Interviews etwas Provokatives zu bereden. In diesem Punkt bin ich mir noch ziemlich uneinig, habe ich doch schliesslich den (zu) zahlreichen Herren schon häufig mitgeteilt, ich wolle meinen Nachnamen bei etwaiger Heirat nicht ablegen, aufgrund früherer „Publikationen“ – die Wirkung des Namens, Bekanntheitseffekt etc. Eigentlich könnte man auch aus dem eigenen Nachnamen etwas Kapital schlagen. Es braucht nur die Änderung zweier Buchstaben und schon hätte ich ein erstklassiges Asset dazu, junge, potentiell eine du-weisst-schon-was Autorin – ist sie wirklich...; denn wenn ja, bloss keinen Fehler machen!

Zum Stil: Das Buch wäre sehr innovativ. Keine seichte Geschichte, kein seichter Stil. Die Verwendung der Grammatik wäre, in stillem oder lautem Gedenken an die alten Lateinleher, sehr kreativ, ohne unorthodox zu wirken – Konjunktiv, kaum Interpunktion, Genitiv bis zum Erbrechen. Einige Popelemente müssten auch vorkommen, aber gemischt mit einem Reichtum an Worten und unerhörten Vokabeln, detailgenauen und zu Tränen treibenden Beschreibungen (so umfassend, dass man eindeutig sofort darin versänke), sehr langen Enumerationen auch, ja, sehr schön das. Ein schwieriges Buch, eins in der Art der Skripte, über die mein Vater, der Schauspieler, sich immer beschwert.

Das Thema wäre zeitlos, aber kombiniert mit einem derart neuen und erotisch-blauäugig jungen und zugleich so verrucht und reif wirkenden Blickwinkel, dass sämtliche Feuilleton-Chefredakteure sich vor Erregung kaum halten können würden, während sie in Gesprächen auf jung machen und dann vorschlagen würden, mich zum Essen und Weiterem einzuladen, was ich selbstverständlich sofort annehmen würde; man tut ja schon Einiges für sein Buch, sein Herzblut, quasi sein selbsteigenes Inneres, was man da dem Pöbel zum Frass vorwirft.

Besonders genau kann ich mir die kafkaesken Teile meines Buches vorstellen, die hauptsächlich darin enthalten sein werden, um einmal das Wort kafkaesk im Zusammenhang mit meinem Namen zu sehen. Den Artikel werde ich mir dann ausschneiden, vielleicht auch nur den Titel des Buches und das Wort, und ihn einrahmen. Jedenfalls werden diese Teile sehr beängstigend sein und Einblicke in mein Seelenleben geben, Anlass zur grossen Interpretation in Deutschkursen.

Mein Traum wäre, irgendwann im Alter von ungefähr 63 (ich würde zu diesem Zeitpunkt ja schon lange meinen englischen Landsitz bewohnen und sehr viel Zeit und schöne Barbour-Kleidung haben) einen Brief von einem Deutsch-Leistungskurs aus Aschendorf-Hümmling zu erhalten, in dem die pubertären aber willigen Schüler mich ehrfürchtig befragen, ob die beigefügte Interpretation meiner Schlüsselszene von mir tatsächlich so intendiert war; ob vielleicht der Käfer tatsächlich sinnbildlich für die Frau...etc; in dem Brief würde die Lehrerin noch einige gelehrte Begriffe falsch einflechten zu versuchen und sich auch mehrmals entschuldigen. Ich würde dann eine kurze Postkarte zurückschicken, mit dem Text: „Nein.“

Ich wäre so geil!

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4 Antworten

Kommentare

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    Schöner Schlusssatz...

    08.07.2009, 09:53 von sailor
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    Haha, ich finds spitze!

    08.07.2009, 02:54 von Sunny-Sunny
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    Das ist der überflüssigste Text, den ich seit langem hier gesehen habe.

    Und es heißt Fraß und nicht Frass. Bei langgezogenen Vokalen und Umlauten wird ß verwendet.

    08.07.2009, 01:15 von frl_smilla
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      @frl_smilla Achtung, Smilla verbreitet unvollständiges dummes Halbwissen.

      Ich muss das mit dem s/ß korrigieren:
      "also: nach doppellauten IMMER ß. bei umlauten kommt es genau so wie bei vokalen darauf an, ob sie kurz oder lang sind: überflüssig vs. füße"

      So.

      08.07.2009, 06:49 von frl_smilla
    • 0

      @frl_smilla Wie Doppellaute? Sowas wie Haus? Oder Moos?

      08.07.2009, 06:59 von quatzat
    • 0

      @quatzat seh ich aus, als wäre ich von selbst drauf gekommen und könnte jetzt detailfragen beantworten?

      08.07.2009, 07:09 von frl_smilla
    • 0

      @frl_smilla Wenn du sagst, dass nach Doppellauten immer scharfes S geschrieben wird und mir keine einziges Beispiel dafür sondern nur welche dagegen einfallen, dann würde ich das nicht als Detailfrage bezeichnen.

      Egal.

      Du siehst aus wie immer. Ein bißchen wütend :D.

      08.07.2009, 07:13 von quatzat
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      @quatzat nicht immer... es geht um das einfache s, sondern ob ss oder ß. und da wird immer ß geschrieben.

      draußen, scheußlich, ...

      08.07.2009, 07:21 von desidinha
    • 0

      @desidinha es sollte natürlich heißen: es geht NICHT um das einfache s...

      08.07.2009, 07:21 von desidinha
    • 0

      @desidinha ah, ok , ich dachte es geht nur um die endständigen. Da hab ich wieder irgendwo was gelesen, was da nicht steht.

      08.07.2009, 07:24 von quatzat
    • 0

      @quatzat Oh, fuck, ich sollte mal den Reset-Knopf drücken.

      08.07.2009, 07:25 von quatzat
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