Michi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Markus Werner - Die kalte Schulter

Vom Hell-grau des Alltags. Von der Schönheit des Augenblicks und der Veränderung. Von der Unausweichlickeit des Todes.

Ich schreibe in jedes Buch, wenn ich mit dem Lesen beginne, die Jahreszahl. Ich weiß nicht genau warum, wahrscheinlich aus Gründen der Nostalgie.

In diesem Buch steht 1998. Ich erinnere mich, damit begonnen zu haben es nach wenigen Seiten wieder ins Regal gestellt zu haben. Gefiel mir nicht. Über die Jahre ist mehrere Mal in Umzugskartons gelegen, in unterschiedlichen Abteilungen meiner Büchersammlung gestanden; zwichenzeitlich auch auf dem Stoß gelegen, den ich irgenwann einmal zu entsorgen gedenke.

Aber dann - ein Lob an die Marketing Abteilung des Deutschen Taschenbuch Verlags - kam mir in der Wochenendausgabe irgendeiner Zeitung die Rezension von Markus Werners neuem Roman Am Hang. Ich ging zum Regal und begann zu lesen.

Moritz Wank, Kunstmaler, hadert mit der Welt und noch mehr mit sich selbst, kann nicht mir malen, er ist gegenwärtig und gleichzeitig immer auf der Flucht vor dem, was andere das Leben nenne würden. Davon will er nichts wissen. Sein Atelier hat er verschlossen. Stattdessen steigt er - auf Teilzeitbasis - in den Keller von Krebs, malt Schaufensterfuguren. Ansonsten bringt er nicht viel auf die Reihe. Es schlägt sich durch die Tage, abends weiß er eigentlich selten, mit was er die Zeit verbracht hät.

Wenn da nicht Judith wäre, seine Freundin, die als Zahntechnikerin abreitet und Wank mit großer Liebe zusammenhält und mit undelicher Geduld und Nachsicht seinen Beziehungs-Authismus akzepiert. Als Leser muss man sich immer wieder wundern, wie die beiden ohne größere Probleme mit einander leben können. Für Wank ist die Tatsache, an sich selbst arbeiten zu müssen um eine Beziehung zu halten, ein Graus. Ein Graus den man ihm nicht übel nehmen kann, beachtet man, in welchen Verhältnissen sich seine Freunde und Nachbarn befinden. An einer der größten Stellen der Geschichte, befinden Judith und Wank, Ihr Geheimnis läge darin, von einander keine Veränderungen zu fordern. Im Grunde vermutet Wank , er wäre ohne seine Judith schon länst vor die Hunde gegangen.

Wanks achtunddreißigster Geburtstag rückt in die Nähe. Plötzlich will Wank es noch einmal wissen. Irgendwas scheint sich verschoben zu haben. Er bekennt sich zur seiner Liebe zu Judith. Schritt um Schritt. Die beiden sprechen eines Morgens sogar von einer möglichen Hochzeit.
Noch einmal will er sich als Maler versuchen. Judith will mit ihm einen Vertrag schließen: Sie wird für das Auskommen der beiden sorgen, dafür muss sich Wank verpflichten, seine Arbeit bei Krebs aufzukündigen und wieder als Maler im eigenen Atelier arbeiten.
Wank zögert, wie er bei allen Entscheidungen zögert, wie er zu Beginn der Geschichte auch an seiner Beziehung zu Judith hadert, sie beinahe betügt. Schließlich willigt er ein. Er ist für seine Verhältnisse sogar euphorisch.

Am Wochenende gibt das Paar in Wanks Wohnung eine Feier für die Nachbarn. Die Nachbarn betrinken sich, bekommen Nachts nochmals Hunger, wollen Wanks Frühstücksschinken. Peinlichkeit um Peinlichkeit reiht sich aneinander; für Judith und Wank bleibt nur noch das Kopfschütteln. Und gerade an diesem Abend empfindet man als Leser Wank und Judith als wirkliches Paar. Doch am nächsten Tag beschieht ein Unglück...

Mit großer Feinfühligkeit und viel Gespür für jene Details des Lebens, die man nicht für so wichtig erkennen würde, erzählt der Schweizer Markus Werner diese Geschichte, die nicht nur von einem vorübergehend gescheiterten Künstler handelt, von seinen Selbstzweifeln überhaupt, die durch so etwas wie eine Midlife-Crisis noch verstärkt werden, es geht auch - wahrscheinlich vor allem - um die unwiederbringlichkeit des Moments an sich und dem Mut diese zu nutzen. Denn es gibt immer einen Punkt, an dem es nicht mehr zurück geht, nur mehr weiter. Diese tragische Lektion muss Wank lernen, ganz zum Schluss.

157 Seiten. dtv. erschien erstmals 1993.

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare