Liebesspiel
eine Kurzgeschichte
Der
Wind war ungewöhnlich frisch für Oktober, dachte er, als er aus dem
Auto stieg und in die Kühle des späten Abends trat. Rund um den
Parkplatz, vor den Eingängen der Bars und Clubs standen junge
Menschen mit ernsten Gesichtern, die sorglos Zigarettenrauch durch
ihre Nasenlöcher bliesen. An ihnen vorbei ging er lächelnd einige
weniger belebte Gassen entlang und pfiff dabei leise vor sich hin.
Seine Laune besserte sich mit jedem Schritt und sein Pfeifen folgte
dem Takt der Geräusche, die die handgefertigten Lederschuhe auf dem
trockenen Kies verursachten. Der Himmel schien beinahe sternenklar zu
sein, was er trotz seiner Abneigung allem Esoterischen gegenüber
durchaus als Zeichen zu interpretieren wusste. Endlich sollte er sie
wiedersehen und eine passendere Kulisse für das lang ersehnte und
unmittelbar bevorstehende Treffen hätte er sich nicht wünschen
können.
An der
nächsten Häuserecke hörte er sie bevor er sie sehen konnte. Ein
helles, vielleicht vom billigen Alkohol etwas schrill gewordenes
Lachen drang durch die Dunkelheit zu ihm und versetzte seinen ganzen
Körper in eine angespannte Schwingung. Das Herz begann heftig zu
pumpen und er musste sich stark konzentrieren um seine Atmung nicht
zu beschleunigen.
Im
gelblichen Licht einer einzelnen Laterne lehnte sie an der Hausmauer
- ihr Gesicht wirkte ein bisschen ungesund im fahlen Licht - und
sprach schnell in ihr Telefon. An den Fingern ihrer linken Hand
baumelten die bordeauxroten Pumps, die ihm schon damals, bei ihrer
ersten Begegnung ins Auge gefallen waren. Das Lackleder schimmerte im
Halbdunkel verführerisch. Die Frau unter der Laterne war auch ohne
ihre Highheels so unverschämt begehrenswert, dass er ein leises
Seufzen nicht unterdrücken konnte.
Neeein...,
sagte sie gedehnt und verdrehte betont gelangweilt die Augen.
Leichtfüßig tänzelte sie auf dem Pflaster auf und ab, ihre Füße
steckten in feinen Strümpfen. „Ich doch nicht!“ Es folgte ein
schüchternes Lachen. Es war offensichtlich. Sie kokettierte mit
diesem Jemand am Handy, er sah, wie sie herausfordernd das lange
Haar über die blassen Schultern warf. Als ob sie der
Gesprächspartner sehen konnte bei ihrem kleinen Balztanz.
Er
fuhr sich mit einer kurzen Bewegung über die feuchte Stirn und
wollte schon auf sie zugehen, da hielt er sich noch einen Augenblick
zurück. Ein gehauchtes Küsschen für den unbekannten Anrufer und
das Telefonat war beendet. Kurz griff sie sich an die Schläfe um die
pochenden Kopfschmerzen zu vertreiben, bevor sie sich bückte um die
Schuhe wieder anzuziehen. Dabei stahl sich ein gedankenverlorenes
Lächeln auf ihr Gesicht und sie zog kopfschüttelnd die Nase kraus.
Dann richtete sie sich auf.
Er war
geräuschlos auf sie zugekommen, sodass sie ihn erst bemerkt hatte,
als der Duft seines Aftershaves die Luft erfüllte. Irritiert sah sie
kurz aus, dann lag sie schon in seinen Armen. Er schmiegte sich an
ihren weichen Körper, konnte die festen Brüste durch den dünnen
Stoff des Mantels fühlen. Sie schüttelte den Kopf und das lockige
Haar breitete sich wie ein Strahlenkranz um ihr blasses Gesicht. Er
wollte etwas sagen und konnte nicht, was aus seinem Mund drang, war
nicht viel mehr als ein Hauchen, ein kurzes Stöhnen. Ihre
Körperspannung erregte ihn, das rhythmische Klopfen an seinem
Brustkorb fühlte sich berauschend an und er schmeckte ihren
schnellen hektischen Atem auf den Lippen. Mit einer geschmeidigen und
kräftigen Bewegung presste er sie an die nahe Hausmauer und
verschloss ihren Mund mit seinem. Fruchtig schmeckte sie, samtig im
Abgang mit einer metallischen Note von ein paar Tropfen Blut. Rasch
und behände drückte er mit dem Knie ihre Beine auseinander und
drängte seinen erhitzten Körper noch näher an ihren. Diese Frau
war so sinnlich und wohlgeformt wie er es noch nie bei einer anderen
erlebt hatte. Sie war schlank, das schon, aber mit runden, festen
Brüsten und weiß schimmernden Schenkeln, die unter seinem Griff
erbebten. Er erhöhte den Druck und fuhr spielerisch ihren
Oberschenkel entlang unter den Stoff des Kleides. Halterlose
Strümpfe, schwarzgrau, wie er vermutet hatte, genau sein Geschmack.
Alles
in ihm pulsierte als er in ihr Haar griff und ihren Kopf grob nach
hinten riss. Ein leiser Laut der Überraschung entfuhr ihr bevor er
mit der linken Hand ihren Mund fest verschloss. Sie hatte sich auf
die Lippen gebissen, er fühlte ein paar Tropfen warmen Blutes
zwischen den Fingern. Er war ein disziplinierter Sportler, groß und
athletisch, unter seinem Gewicht wirkte sie so zerbrechlich. Sie
hatte keine Ahnung, konnte keine Ahnung haben, wie sehr er sie liebte
und wie sehr er sie wollte, und er war fest entschlossen ihr beide
Tatsachen hier und jetzt zu gestehen.
Auf
dem Boden liegend rang sie nach Luft, ihre Handgelenke hielt der
Fremde mit eisernem Griff hinter ihrem Kopf umschlossen. Sein Gewicht
drückte sie tief in den modrigen Erdboden, jedes mal rutschte sie
ein bisschen tiefer wenn sie versuchte, sich gegen ihn zu stemmen. Er
lockerte seinen Griff nicht, ihre Gelenke fühlten sich an als würden
sie bald zerspringen und der scharfe Duft des Rasierwassers schien an
ihrer Haut zu kleben wie Schweiß.
Diese
Frau, eine Göttin. Nie zuvor hatte er jemanden so sehr geliebt.
Der Kopfschmerz hämmerte nur noch schwach und monoton als es irgendwann über ihr zu regnen begann. Die kühlen Tropfen verdrehten sich in der Luft zu kleinen Kaskaden als wie aus dem Nichts der Schmerz einsetzte. Mit ihm kehrte ihre Stimme zurück und sie begann verzweifelt zu schreien während sich Schweiß, Regen und Tränen zu einer klebrigen Masse mischten, die sich in ihren Haaren festsetzte.




Kommentare
Fast so, als wäre man als Schatten hinter ihm und würde all das sehen und hören, was er sieht und hört... Unheimlich...:)
28.11.2011, 17:16 von kinghabibi