DyingFly1 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 0

Jugendgedichte von Ingeborg Bachmann

Sklaverei ertrag ich nicht.

Ich.

Sklaverei ertrag ich nicht
Ich bin immer ich
Will mich irgend etwas beugen
Lieber breche ich.

Kommt des Schicksals Härte
oder Menschenmacht
Hier, so bin ich und so bleib ich
Und so bleib ich bis zur letzten Kraft.

Darum bin ich stets nur eines
Ich bin immer ich
Steige ich, so steig ich hoch
Falle ich, so fall ich ganz.

(Ingeborg Bachmann)

Dieses Gedicht hat mich sehr berührt. Es beschreibt den Kampf unbeugsam zu bleiben. So habe auch ich in meiner Jugend empfunden. Es ist als würde mir Ingeborg Bachmann mit diesem Gedicht aus der Seele sprechen.
Dieses Gefühl, dass die Erwachsenen dir ihren Willen aufzwängen wollen, dich ändern ja brechen wollen. Doch du kämpfst mit aller Macht dagegen an. Um keinen Preis wirst du dich verbiegen. Es geht auch aus den Zeilen hervor, dass das Kämpfen mühsam ist und Kraft kostet, vielleicht auch die letzte Kraft.
Den eigenen Weg zugehen bedeutet, dass man alles gewinnen, aber auch alles verlieren kann. Besonders wird dies am Ende des Gedichtes deutlich.

Ein weiteres beeindruckendes frühes Gedicht Ingeborg Bachmanns:

Nach grauen Tagen

Eine einzige Stunde frei sein!
Frei, fern!
Wie Nachtlieder in den Sphären.
Und hoch fliegen über den Tagen
möchte ich
und das Vergessen suchen---
über das dunkle Wasser gehen
nach weißen Rosen,
meiner Seele Flügel geben
und, oh Gott, nichts wissen mehr
von der Bitterkeit langer Nächte,
in denen die Augen groß werden
vor namenloser Not.
Tränen liegen auf meinen Wangen
aus den Nächten des Irrsinns,
des Wahnes schöner Hoffnung,
dem Wunsch, Ketten zu brechen
und Licht zu trinken---
Eine einzige Stunde Licht schauen!
Eine einzige Stunde frei sein!

(Ingeborg Bachmann)

Auch in diesem Jugendgedicht wird deutlich, wie gefangen sich Ingeborg Bachmann in ihrer Jugend fühlte. Es zeigt wieder ihren inneren Konflikt. Sie möchte ihren eigenen Weg gehen. Sie spürt große Last auf sich, die sie auch des Nachts heimsucht. Sie möchte einen neuen Weg gehen, doch sie scheint sich gleichzeitig davor zu fürchten.

In beiden Gedichten wird auf unglaublich starke Art und Weise deutlich welche Konflikte das Jugendalter mit sich bringt. Es zeigt, wie schwierig sich die eigene Identitätssuche gestaltet. Und wenn man seine Identität endlich gefunden hat, ist es mühsam für die eigenen Interessen zu kämpfen.

Ingeborg Bachmann zeigt uns welch innerer Kampf Tag und Nacht in diesem Alter in einem tobt, und wie mühsam das Erwachsen werden ist. Der Wunsch nach Freiheit besteht immerzu, je mehr Ketten uns auferlegt werden.

1 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich hab selten so etwas schönes gelesen... Besonders das zweite Gedicht...

    22.03.2006, 22:28 von soxhlet
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