Jakob der Lügner - Ein anderes Ende
Wie könnte Jurek Beckers Geschichte um Jakob dem Lügner noch geendet haben?
Zu Beginn meines alternativen Endes möchte ich mit äußerster Dringlichkeit betonen das ich keiner radikalen Szene bzw. Gruppierung angehöre, sondern dieser Text jeglich als Lösung einer Aufgabe aus der Schule anzusehen ist, ein neues Ende für "Jakob der Lügner" zu verfassen.
Sie stiegen in den Zug. Es war eng, stickig, kühl. Der Geruch erinnert an verbrannten Gulasch. Gulasch, wie lang hatte Jakob keinen Gulasch mehr gegessen und jetzt kurz vor seinem bewussten Ende, lief ihm das Wasser im Mund zusammen, der Gulasch in diesem Wagon war zwar verbrannt, doch die Erinnerung schmeckte ihm zu sehr. Jakob lächelte Lina an, die auf Mischas Arm nach draußen durch das kleine spärliche Fenster schaute. Bäume, immer nur Bäume, Birken, Ahorn, Linden zogen an ihnen vorbei. Neidisch auf diese alten Wesen drehte sich Jakob ab vom Fenster so gut es eben in dieser Enge ging, sie durften bleiben wo sie waren, nur er musste weg, gegen seinen Willen und zu einem Ort an dem es mannigfaltige Möglichkeiten für sein nahes Ende gab. Das war die einzige Gewissheit die er in seinen kleinen Koffer gepackt hat, seinen Tod. Wie dieser aussah wusste er nicht, ob Gas oder Totschlag, durch eine Kugel oder einfach nur durchs Verhungern. Eine Kugel währe ihm das Liebste, in den Kopf, das geht schnell und ist schmerzlos. Am schlimmsten fand er den Gedanken ans Verhungern. Es dauert Wochen, man vergisst sich, will nur überleben und schadet dabei seinen eigenen Freunden, vielleicht sogar Lina. Würde er soweit gehen und dem kleinen Mädchen ihr hartes, trockenes, womöglich verschimmeltes Stück Brot klauen? Er wusste es nicht.
Der Zug ratterte weiter und nach einer Weile nickte Jakob, betäubt vom monotonen klappern des Wagons und der stickigen Atmosphäre um ihn herum, im stehen ein.
Er muss einige Zeit geschlafen haben, denn als er wieder aufwachte war es dunkel und Jakob sah nur noch im Takt der Gleise schaukelnde Figuren um sich stehen.
Plötzlich wurde der Zug langsamer, viel zu schnell. Die Bremsen kreischten in seinen Ohren, wurden lauter und immer lauter, sie wollten nicht aufhören, er fiel und mit ihm das ganze Abteil. Alles ging sehr schnell, er bekam einen Ellenbogen in die Rippen, sein Kopf kollidierte mit der Wagonwand, ein Kind lachte ihn von der Seite an. Sekunden später nahm der Zustand der Besinnungslosigkeit ab und er schaute sich um. Keine Silhouetten, nicht links nicht rechts aber vor ihm. Sie war nicht groß, vielleicht so hoch wie eine Regentonne, und sie lachte, die Silhouetten lachte. Wieder einige Augenblicke später kam sein übermüdeter Geist noch ein wenig weiter, dass war Lina. Lina ist zwischen den ganzen fallenden Erwachsenen irgend wie durch gerutscht und stand jetzt direkt vor Jakob und lachte ihn aus. Doch ihre Freude wurde von jähen, aggressiven Rufen von draußen unterbrochen.
„Ruhe da drin! Haltet die Klappen ihr reudiegen Judensäue!“
So langsam fasste sich der Inhalt des Viehtransports wieder und stand auf. Einige drängelten sich zu den kleinen Fensterchen und schauten hinaus. Sie standen. Mitten im Wald hat der Zug gehalten und aufgeregt rannten Männer umher und bellten sich gegenseitig Befehle und Informationen an die Köpfe.
„...keine 2km von unserer Position!“
„...“
„Was, Warschau ist gefallen? Wie lauten die Befehle?“
„...“
„ Alle, hier und jetzt? Wollen wir sie nicht den Russen überlassen?“
„...“
„Verstanden Herr General Feldmarschall.“
„...“
„Jawoll, Herr General Feldmarschall!“
Ruhe kehrte ein unter den Säuen, Schweinen und Missgeburten, alle lauschten, konzentriert darauf das Ende ihres Schicksals gewiss zu haben noch bevor es eintreffen konnte.
„Männer! Holt das Benzin, nehmt euch jeder ein extra Magazin und schafft mir so viel Handgranaten und Sprengstoff wie möglich ran! Ich will das ihr euch von dort nach dort in einer Reihe aufstellt und jetzt bewegt euch!“
Jakob erkannte wie ein groß gewachsener junger Mann seine Nase durch das Fensterchen schob, wahrscheinlich um mehr zu sehen und auf einmal, mit einer Stimme die diabolischer und Hass getränkter nicht sein kann :
„Du bist wohl komplett von Sinnen? Schieb deine abartige Fratze wieder in den Wagen!“
Dann hörte Jakob nur noch das Mark durchdringende metallische klicken einer Waffe die durchgeladen wurde, er dachte daran wie das ausgestoßene Projektil langsam gen Erde fiel und leise im Gras landete, kurz darauf folgte ein Schuss. Warme Masse verteilte sich auf Jakobs Gesicht, er schmeckte Blut auf seinen Lippen, er leckt es weg, der Durst. Der Geruch von frischem Blut durchdrang ganz sanft und kaum wahrnehmbar den Mief des Viehstalls, dann nur noch ein kurzes Poltern und der Blick durch die Luke des Wagons war wieder frei. Keines der Schlachtviecher im Wagon tat auch nur einen Mucks, es war totenstill, nur noch die Rufe von außerhalb gelangten stumpf und gedämpft in Jakobs Kopf, dann wieder diese teuflische Stimme :
„Legt an! Zielt! Und Feuer!“
Mit tausendfachen Rattern, Bersten, Bohren, Klopfen erklangen die MGs der Soldaten. Die Kugeln rasten durch die Holzwände der Wagen, schoben die ersten zwei Reihen Menschen vor Jakob nach hinten, Holzsplitter schlitzten ihm die Gesichtshaut auf, Frauen und Männer schrien gleichermaßen als ob sie mit der bloßen Gewalt ihrer Stimme die tödlichen Geschosse aufhalten wollten, er ging zu Boden. Für einen Moment schwiegen die Waffen, wieder dieses Durchladen und die zweite Salve Dauerfeuer sprengte was von den dünnen Holzwänden übrig war. Dann, Stille. Ob er Glück hatte oder nicht wusste Jakob bis dahin noch nicht, aber lebte noch, ein lebendiger Haufen Dreck begraben unter Toten. Er horchte :
„Bringt die Ladungen an! Stellt die Uhren auf fünfzehn Minuten. Legt sämtlichen Granaten und sonstige Sprengsätze daneben. Verteilt das Benzin um den gesamten Zug, nicht einer von diesen Bastarden darf auch nur durch seinen verwesenden Kadaver diesen Russkis einen Hinweis liefern, also los! Seit gründlich, ihr seit Deutsche!“
Es vergingen einige Minuten dann riefen verschiedene Männer aus unterschiedlichen Richtungen :
„Fertig Herr Oberst!“
„Bereit Herr Oberst!“
„Wie lautet der nächste Befehl Herr Oberst?“
„Abmarsch Männer, Richtung Warschau! Wir haben die Ehre und die Pflicht unseren Führer und unser Vaterland vor diesem Bolschewikenpack zu verteidigen. Los!“
Er wusste nicht wie aber diese deutschen Soldaten schafften es sogar auf dem weichen Waldboden den Takt ihres Gleichschritts deutlich hörbar zu machen.
So gut wie es ihm nur irgend möglich war dreht er sich etwas aus den Leichen heraus die ihn begruben und er erblickte den sternenklaren Himmel. Myriaden von kleinen Pünktchen blinzelten Jakob an. Er vergaß die Zeitzünder, er vergaß seine fünfzehn Minuten die ihm noch blieben, er vergaß Lina und all die anderen. Er lag einfach nur da und freute sich über diese wunderschöne Nacht, ein wohliges Gefühl stieg in ihm auf, es wurde warm und mit dem letzten Tick und Tack der Uhren endet die Geschichte von Jakob Heym.
Ich hoffe der Text hat euch in irgend einer Form berührt.
Gruß -Aeon-




Kommentare
@oceaneyes ja, da bist du nicht der erste der dieser meinung ist....
27.10.2008, 16:08 von -Aeon-