Im Wort. Oder: Ein Trotzdem aus Bitterschokolade und Limetten.
Verse
Sie spricht das Wort bedächtig aus: Baum.
Und sieht eine hochgeschossene, breite Eiche
und denkt an lichte Laubwälder im Herbst.
Er hört ihr Wort und wandert in Gedanken fort:
und sieht eine Birke mitten in der Stadt, ein Grün umringt von Grau.
Er denkt an eine Tundra, an schneebedeckte Boten der Beständigkeit.
Ein Dritter hört das Wort und fragt nach dessen Sinn,
und sieht einen Apfelbaum in Blütenpracht im eignen Garten.
Er denkt an seinen Sohn, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Ein Vierter hört das Wort und spricht es nach,
und sieht die Axt samt Säge, Brett und Späne, eine neue Truhe.
Er denkt an seinen Kachelofen und das Funkensprühen, das Feuer der Beruhigung.
Man mag sagen: Ein jeder ist in seinem Wort,
und sieht und denkt und fühlt in diesem fort.
Sie spricht das Wort gelassen aus: Stein.
Und sieht Geröll am Hang des Berges,
und denkt an Schuhe, Wege, Gipfel - und daran, ohne Schmerz zu sein.
Er hört ihr Wort und wandert in Gedanken fort:
und sieht auf einem Friedhof Menschen mit geneigten Köpfen.
Er denkt an seine Fingerkuppen, an Hammer und an Meißel.
Ein Dritter hört das Wort und fragt nach dessen Sinn,
und sieht Sisyphos den Felsen stemmen.
Er denkt an Scheitern, Widerstand und Wille.
Ein Vierter hört das Wort und spricht es nach,
und sieht Figuren einer Schachpartie.
Er denkt an Brunnen, Straßen, Häuser, Burgen.
Man mag sagen: Ein jeder ist in seinem Wort,
und sieht und denkt und fühlt durch dieses fort.
Sie spricht das Wort behutsam aus: Meer.
Und sieht Wellen, Gischt und Möwen, Dünen wie von Hand gemalt
und denkt sich in ein Fischerboot auf hoher See.
Er hört ihr Wort und wandert in Gedanken fort:
und sieht Strände bis zum Horizont und Sand in seinen Händen.
Er denkt an Wüsten und Oasen, an Durst und Salz und Sturm.
Ein Dritter hört das Wort und fragt nach dessen Sinn,
und sieht sich sehnend sitzend vor dem stillen Ozean.
Er denkt an Atemzüge, frische Luft und Sie in roter Badehose.
Ein Vierter hört das Wort und spricht es nach,
und sieht den Weg des Stromes bis zum Meer.
Er denkt an Reisen und an Heimat. Ans Angekommen-Sein.
Man mag sagen: Ein jeder ist in seinem Wort,
und sieht und denkt und fühlt allein in diesem fort.
Kann man nicht fragen: Werden wir uns je verstehen,
wenn wir nicht in Menschen oder ihre Worte gehen?
Kann man das ertragen: Ohne Wort zu sein?
Und ohne Menschen?
Kann man ohne Wort und Mensch bestehen?
Worte werden uns nicht retten; aber ohne Worte
sind wir rettungslos verloren.
Denn: Jedes Wort schafft Sinn.
Es bringt uns in Zusammenhang.
Es bringt uns nahe, gibt uns hin.
Drum sag ich dir, in welchem Wort ich bin
und was ich sehe, denke oder fühle.
Diese Worte hab ich auserkoren:
Mein "Trotzdem" schmeckt nach Bitterschokolade und Limetten,
mein "Dafür" blitzt im Frühlingstau, mit Sonnenkranz, Orchester und Trompeten,
mein "Liebe" ist mein liebstes Wort. Es führt zu dir. Es kann mich retten.







Kommentare
Genial!!!
22.09.2012, 09:46 von Zauberbinidie 3 worte machen einen menschen um einiges aus... interessant. die definition von wörtern und worten bei jedem menschen zu sehen!
19.09.2012, 12:47 von MizTeeQbei deinen worten kann ich das sehr gut nachempfinden! :)
wobei das wort Liebe bei dir, wenn es tatsächlich sogefühlt wird, sehr herrlich romantisch, wenn auch altmodisch peoetisch ist.
Man muss es mögen. Ich mags, vllt , weil ich auch altmodisch bin! :)
Ersetzen wir das wort romantisch = dramatisch! :)
19.09.2012, 12:50 von MizTeeQMuss man noch was dazu schreiben?
umwerfend.
12.09.2012, 20:05 von zehnmomenteUnd wieso ist so ein Text bitteschön nicht auf der Startseite?? Kehr kehr. Mein Lieblingstext. Du hast es auf den Punkt gebracht, feine Sache, sehr feine Sache. Selten und darum fein!
12.09.2012, 11:27 von SultanineGefällt mir gut. Schöne Worte.
11.09.2012, 21:14 von topfbluemchenaußergewöhnlich gut. mehr worte.
11.09.2012, 11:12 von thewillowtreeWow ich äh ...ne? Gebe zu, dass mich so ein Kommentar trotz aller angebrachten Zweifel und Relativierungsgedanken kurzzeitig in Existenzeuphorie versetzt. Ich möchte sagen: YEAH! ^^ Es freut mich wirklich sehr, wenn dir der Text so gut gefällt!
11.09.2012, 00:53 von AlcesteDer Inhalt ist schön, aber leider entsteht für mich kein Lesefluss... es wird immer holpriger...
11.09.2012, 00:44 von JadeJadeDas: Man mag sagen: Ein jeder ist in seinem Wort,
und sieht und denkt und fühlt in diesem fort.
toll <3
Zunächst ausdrücklichen wie aufrichtigen Dank.
11.09.2012, 00:49 von AlcesteZu deiner berechtigten Kritik: Wie du bei Interesse und Zeit und Frustresistenz anhand meiner anderen Texte wirst sehen können, bin ich entschiedener Gegner des sogenannten Leseflusses. Das Holprige, zum abermaligen Lesen, Bedenken oder Verweilen zwingende soll genau diesen Lesefluss stören und verlangsamen. Ob man das wiederum schätzt oder nicht, ist natürlich Geschmackssache :)
Das finde ich wiederum eine gute Idee!
11.09.2012, 00:54 von JadeJadeAuch, wenn ich trotzdem kein Fan davon bin... aber für manche Menschen ist das sicherlich eine gute Sache und hilft ihnen dabei, das Verweilen und Bedenken besser annehmen zu können.