hinein 30.11.-0001, 00:00 Uhr 16 27

Ich schenk Dir eine Geschichte

... weil ich weiss, dass Du sie besser erzählen wirst als ich.

Ich sammle Momente, Bilder, Worte wie andere Menschen Briefmarken oder Muscheln. Ich trage sie immer bei mir, manche in meinem Bauch, andere in meinem Kopf und einige ganz besondere in meinem Herzen, meist solche, die für meinen Bauch allein zu groß sind.
Komischerweise gibt es keine, die sich auf Kopf und Bauch gleichermaßen verteilen - vielleicht ist ihnen der Weg zu lang.
Und ich habe festgestellt, dass in meinem Herzen mehr Ordnung herrscht als in meinem Bauch. Manche von ihnen machen es sich in der rechten Herzkammer bequem und lassen mich lächeln und die, die mich traurig stimmen, hausen auf der anderen Seite.

An sich ist das alles ja ganz praktisch. Ich bin nie wirklich allein und ich kann von ihnen zehren wann immer ich will. Es gibt Menschen, die ahnen, dass ich einen Schatz mit mir herumtrage, und ich glaube, manche beneiden mich sogar darum.

Eigentlich gibt es nur zwei Nachteile.
Die sind dafür aber umso bedeutender:

Der erste ist der, dass Kopf, Herz und Bauch mittlerweile vollkommen überfüllt sind. Und mache meiner gesammelten Momente leiden scheinbar unter Platzangst oder sie fürchten (völlig zu Unrecht!) die Konkurrenz der anderen. Sie rumoren in mir und wollen endlich freigelassen werden. Möglich, dass sie auch einfach nur etwas von der Welt sehen wollen. Oder einen anderen Menschen bereichern. Sie zwicken mich und dennoch will ich sie nicht gehen lassen, denn wer weiss, ob sie noch mal zu mir zurückkommen?

Der zweite Nachteil ist die Tatsache, dass ich meine wunderschöne und umfangreiche Sammlung niemandem zeigen kann. Mehr als ein flüchtiger Blick darauf ist bislang niemandem gelungen. Oder besser gesagt: mir ist es nicht gelungen, einen tieferen Einblick zu gewähren. Dabei teile ich doch so unheimlich gern. Es gibt nichts schöneres, als Komplizen zu haben.

Die Lösung? Aufschreiben!
Nun ja.
Das ist leichter gesagt als getan.

Mir fehlt die Möglichkeit, mich so auszudrücken, dass ich ihrer Schönheit gerecht würde.
Ich habe es verlernt, die Dinge nicht nüchtern, nicht kurz und schmerzlos auf den Punkt zu bringen, sondern ihnen Leben einzuhauchen und sie mit der Wärme und Achtsamkeit zu beschreiben, die sie verdienen.

Und deshalb schenke ich dir meine Geschichte.
Weil du das nämlich kannst.

Ich schenke dir die Geschichte meiner guten Freundin, die eines Abends, wir saßen gemütlich bei ihr und tranken wie meistens Weißwein, anfing, mir von dem Ring zu erzählen, den sie trug. Es war ein sehr schlichter weißgoldener, matter Ring mit einem weißen Stein in der Mitte. Es hätte ein Verlobungs- oder Ehering sein können. Und auf eine bestimmte Weise war er das auch. Meine Freundin beschrieb mir, wie sie sich nach vielen Enttäuschungen diesen Ring gekauft und sich vorgenommen habe, ihn immer zu tragen, bis er irgendwann von „dem Richtigen“ abgelöst würde. „Bis dahin bin ich einfach mit mir selbst verheiratet und sorge mich rührend um mich“.

Man muss an dieser Stelle vielleicht betonen, dass sie eine ganz fantastische Frau ist. Eine klassische Schönheit möchte man fast sagen, die über eine große Portion Witz und Klugheit, eine unglaubliche Energie und ein riesiges Selbstbewusstsein verfügt. Wer sie nicht kennt, assoziiert bei der ersten Begegnung sofort den unsäglichen Begriff „Karrierefrau“, der selten als Kompliment gemeint ist. Wenn man nicht genau hinschaut, hält man meine Freundin für sehr beherrscht und kalt, auch arrogant, aber ich weiss, dass sie verletzlicher und herzlicher ist als jede andere meiner Freundinnen. Sie geht nur nicht ganz so verschwenderisch mit Zuneigungsbekundungen um, wie andere Frauen in unserem Alter. Genau dafür schätze ich sie so.

Diese Frau, die nach außen hin ihr Leben perfekt im Griff zu haben und sehr zufrieden mit sich selbst zu sein scheint, saß mir also gegenüber und begann irgendwann, besagten Ring mit einem kleinen Kratzschwämmchen zu bearbeiten, um das blankgeriebene Metall wieder matt aussehen zu lassen. „Das mache ich jeden Abend. Man schabt immer ein bisschen Material ab“, sagte sie, „aber matt sieht er einfach besser aus.“ Als ich abwinkte, dass es sich dabei wohl um höchstens homöopathische Mengen handeln könne, sah sie auf und widersprach: „Nein. Der Ring ist schon ganz dünn geworden“. Und nach einer langen Pause blickte sie mich aus tiefen dunklen Augen an und ich habe in meinem Leben noch selten eine solche Traurigkeit gespürt wie in diesem Moment. „Ich hoffe, der Ring hält solange, bis der Richtige kommt“.

Ich schenke dir die Geschichte der Frau, die jeden Tag ihren Ring sorgfältig ein bisschen weniger werden ließ und sich gleichzeitig unendlich davor fürchtete, er könne ganz verschwinden, bevor sie einen richtigen tragen dürfte.



... und jetzt bist Du dran.

27

Diesen Text mochten auch

16 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    i am impressed!

    26.06.2010, 01:27 von yAkA
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    spitzen artikel!

    06.01.2010, 20:19 von keep.going
    • Kommentar schreiben
  • 0

    das ist alles so unwichtig.

    03.07.2008, 22:43 von rolfradolfski
    • Kommentar schreiben
  • 0

    oh, das ist eine gute Geschichte. Auf dass sie gut zu sich witerin ist und jemanden findet.
    toll geschrieben!!!

    04.10.2007, 17:21 von sommersonnig
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    hmmm.. wunderschöntraurig

    24.08.2007, 12:01 von yelden
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare