leboheme 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 0

Ich möchte ein Mensch sein

Eine kurze Notiz zu Erich Fried

Erich Fried ist nun seit über 15 Jahren tot. Seine Gedichte schenken vielen von uns noch immer Schutz und Geborgenheit, Hoffnung und Glücksmomente.

Wenn ich an Fried denke, sehe ich keinen berühmten Dichter vor mir, sondern einen alten Mann, alt, häßlich, aufgedunsen, etwas gebückt. Und dennoch sehe ich immer auch die Würde und innere Größe, die er bei alldem ausstrahlt.
„Ich war von Anfang an nichts als ein Mensch / und ich will auch nicht etwas anderes sein“, heißt es in seinem Gedicht „Lebenslauf“. Dieser Satz kann als ein zentrales Motiv in seinem Werk angesehen werden. „Nichts als ein Mensch“, das mag nicht aufregend klingen oder groß, und doch ist es das Kostbarste für Fried: der Mensch und die Menschlichkeit.

Ob in seinen sprachreflexiven Werken, den Liebesgedichten oder seiner politischen Lyrik, Fried wirkt nie abgehoben, stets steht er mitten im Leben, zumindest mit einem Bein. Und auch wenn er in seinen Werken eine andere, bessere Welt beschreibt und beschwört, bleibt er unter uns. Er wartet nicht auf eine himmlische Gerechtigkeit, er sucht sie in dieser Welt. Es ist eine Suche nach dem „Herz der herzlosen Welt“. Er findet es im Gegenüber, im „Du“, wie er das Gedicht, aus dem das Zitat stammt, betitelt, sei es das Du der Geliebten oder das seiner Mitmenschen. Die Liebe zu dieser Welt und ihren Menschen ist immer gegenwärtig in seinem Werk.
In einer Zeit, die von den Folgen des Zweiten Weltkriegs und später der atomaren Bedrohung des Kalten Krieges geprägt ist, gibt er seine Hoffnung nicht auf und seine Ideale nicht preis. Fried bezieht Position, ist streitbar, und er zweifelt immer wieder: „irren und zweifeln und gutsein“, wie er in seinem Gedicht „Du“ schreibt, das gehört für ihn zusammen, macht unsere Menschlichkeit aus. Er nimmt sein Menschsein an, mit allen Unzulänglichkeiten und Fehlern, mit aller Schwäche, die es mit sich bringt.

Seine Lyrik mag oft wenig bildhaft sein, vielleicht gar trocken und spröde. Aber genau darin liegt ihre Kraft. Diesem Moment verdankt sie ihre ganz spezielle Schönheit, die weitsichtige, tiefgehende Klarheit der Sprache, mit der er auch Alltäglichkeiten festhält und ihnen so Bedeutung zuspricht. Und seine Nüchternheit ist nie sachlich, immer kann man Wärme aus ihr herauslesen.

In seinem Gedicht „Ich“ schreibt er: „Ich möchte ein Mensch sein / und leben wie Menschen leben / und sterben wie Menschen sterben“. Das hat er geschafft. Und in seinen Worten bleibt er auch weiterhin in dieser Welt.

6 Antworten

Kommentare

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    "Seine Lyrik mag oft wenig bildhaft sein, vielleicht gar trocken und spröde. aber genau darin liegt ihre Kraft."
    Ich kenne keinen Autor, Dichter, der so gut mit weinig bildhaften Worten so viel Gefühl und Assoziationen erlangt wie Fried dies in seinen werken tut. Einer seiner Gedichtbände liegt bei mir immer aufm Nachttisch...

    07.05.2006, 15:31 von chocolat
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    erich fried ist auch mein absoluter lieblingsdichter. ich ese seine gedichtbände, wenn es mir gut geht, wenn es mir schlecht geht und kann immer neue Kraft/Hoffnung oder auch noch mehr Freude aus ihnen ziehen. die bücher, die ich von ihm habe, sind mittlerweile völlig zerlesen, angestrichen, unterstrichen, ausrufungs- und fragezeichen überall...
    erich fried schafft es, klare gedanken zu fassen, bei denen man selber es merkt, daß man genauso denkt, wenn man es liest... ich möchte gerade noch viel mehr schreiben, doch ich besitze leider nicht die gabe, in ein paar klaren wörtern auszudrücken, was ich denke... vielleicht mag ich fried auch deswegen so gerne...?

    01.10.2004, 14:36 von mucki
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    Ich muss zugeben, ich kenne Erich Fried nicht, aber das was du über ihn geschrieben hast, macht mir irgendwie ein wenig Mut.
    Danke für diese Zeilen.

    15.05.2004, 20:59 von colourful-psyche
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    Erich Fried ist mein absoluter Lieblingsdichter. Besonders "Die drei Steine", "Ein Menschenkenner" und "Die Störung" haben es mir angetan. Erich Fried hat es geschafft in ein paar präzisen Worten aufzuschreiben, was andere Dichter noch nicht mal in 100 Wörtern schaffen und man hat dabei das Gefühl "Der Mann hat die Welt verstanden"...

    28.04.2004, 13:20 von Dolphinscry
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