Tim 09.02.2006, 17:57 Uhr 1 0

Hol’ den Vorschlaghammer

Jan Off liest in der Hildesheimer Kulturfabrik aus „Vorkriegsjugend – 200 Gramm Punkrock“.

„Ich war dreizehn oder vierzehn, als der Punkrock von meiner zarten Seele Besitz nahm.“
Egal wann und welcher Gruppe sich jemand anschließt, einen prägenden Initiationsmoment gibt es immer. Bei dem Autor Jan Off war es der Punkrocksampler „Soundtracks zum Untergang“, den er in einem Braunschweiger Plattenladen fand. Als er die ihm unbekannte Musik zum ersten Mal hörte, reichte ihm eine Seite der Vinylscheibe, um zu beschließen, Punker zu werden. Noch schnell ein Sex Pistols T-Shirt mit der Nagelschere zerschnitten und das Abenteuer konnte beginnen.
Die Geschichten seien natürlich nicht autobiografisch, behauptet Jan Off selbstironisch zu Beginn der Lesung im Rahmen der „NachtZeile“ in der Kulturfabrik. Sonst müsste er sich ja vor seinen Eltern schämen.
Wahrscheinlich ist trotzdem alles wahr. So wie Off in „Vorkriegsjugend – 200 Gramm Punkrock“ (Ventil Verlag) aus einer vergangenen Zeit schreibt, kann nur jemand erzählen, der dabei gewesen ist. Und vor allem jemand, der diese Zeit überlebt hat.
Viel Alkohol, eine Band gründen und auf den Konzerten noch mehr Alkohol trinken, andere Drogen nehmen und in die Straßenbahn pinkeln, während einen zwei Frauen in einem Sportwagen beobachten. Und er muss natürlich auch dort pinkeln, weil er zuviel Alkohol getrunken hat.
Viel dreht sich um den Gerstensaft und die Folgen des Konsums. Auch wenn Off diese Zeit nicht einfach nur verherrlicht, fehlt über die Dauer der Lesung die Spannung und eine Perspektive, die vielleicht das Ganze noch aus einem Schritt mehr Entfernung beobachtet. Aber inhaltlich kommt es scheinbar sehr gut an. Eine Frau im Publikum ruft: „Pimmeltexte!“ Und das ist keine Kritik sondern als Aufforderung zu verstehen.
Richtig gut wird Off in der Geschichte „Nibelungensiedlung“. Schonungslos schildert er seine Bekanntschaft mit der Atomkraftgegnerin und Haschischverkäuferin Daggi, mit der er nach durchzechter Nacht in ihrer Wohnung landet. Was die beiden dort an sexueller Erniedrigung und Ekel gemeinsam durchmachen, beschreibt Off so ergreifend trostlos, dass man einzelnen lachenden Leuten im Publikum den Mund verbieten möchte.
Off erzählt, in Karlsruhe hätte er einmal gewalttätige Ausschreitungen erlebt, während er diesen Text vorlas. Für manche ist es sicherlich schwer, mit einem schlecht verdaulichen Batzen Wirklichkeit zurechtzukommen."Wichtige Links zu diesem Text"
Jan Offs Webseite
Ventil Verlag

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Kommentare

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    Ich bin 23 und war nicht dabei. Weder bei der Lesung, noch bei der Geburt des Punk. Ich bin aber neugierig. Hat er deiner Meinung nach die Belichtung der persönlichen historischen Highlights gut eingesetzt? War das was für dich? Hast du Geschichten aus dieser Zeit zu erzählen?

    12.03.2006, 04:00 von magnifcance
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