froschkind 30.11.-0001, 00:00 Uhr 14 10

Herr Kopfschüttler und der vergeßliche Löffel

Herr Kopfschüttler hatte nur einen Löffel. Er hatte auch nur eine Gabel und ein Messer, aber das tut bei dieser Geschichte nichts zur Sache.

Dieser Löffel war ein stinknormaler Löffel, ein Kaffeelöffel genauer gesagt. Und der war noch nicht mal rostfrei.

Herr Kopfschüttler sprach gern mit seinem Löffel,wenn niemand anderes da war und eigentlich sprach der Löffel auch gern mit Herrn Kopfschüttler. Aber oft hatten sie Streitgespräche bis tief in die Nacht, solange bis Herr Kopfschüttler wütend wurde und den Löffel kurzerhand für einige Sekunden in die Kaffeetasse tunkte.
Jedesmal danach war der nicht-rostfreie Löffel beleidigt. Jedoch nie lange, denn er war ausgesprochen vergeßlich.
In letzter Zeit häuften sich ihre Streitgespräche, Herr Kopfschüttler war ausgesprochen agressiv zumute, denn er war unglücklich verliebt in Frau Kopfnicker. Die hatte so schöne Schlüsselbeinknochen.

Es war Samstag, 13.55 Uhr.
Herr Kopfschüttler hörte wie im EDEKA, der sich unter seiner Wohnung befand folgende Durchsage gemacht wurde: "Vereehrte Kunden, wir schließen unser Geschäft in wenigen Minuten und bitten Sie, sich zu den Kassen zu begeben. Wir wünschen ihnen ein schönes Wochenende."

Herr Kopfschüttler hatte bis jetzt kein schönes Wochenende gehabt. Sein Herz machte ihm zu schaffen. Nein, nein, es war nichts Schlimmes mit seinem Herz, es schlug und es pumpte. Aber es stach, manchmal.
Denn Frau Kopfnicker hatte heute zum wiederholten Male die Einladung zum Kaffee kurzfristig abgesagt, und deshalb war Herr Kopfschüttler traurig. So traurig, dass er wütend wurde.

Traurigerweise wusste er nicht, auf wen er wütend war. Auf Frau Kopfnicker? Nun, sie hatte wenigstens abgesagt, andere Leute tun das nicht, dachte Herr Kopfnicker.
War er wütend auf sich?
Herr Kopfschüttler überlegte kurz und entschied sich pauschal für ein Nein.
Um nicht weiter darüber nachzudenken, beschloß er, dass er wütend auf seinen Löffel sei und rührte wild mit ebendiesem in der Porzellantasse herum.
Ungeduldig wartete der nicht-rostfreie, vergeßliche Löffel darauf, dass Herr Kopfschüttler das schwindel-erregende Rühren beendete und er ihn zur Rede stellen konnte.
Als dies geschah, musste er erstmal lange husten und spuckte einen kleinen Milchkaffee-Fleck auf Herr Kopfschüttlers Tischtuch.

"Herr Kopfschüttler, ich wünsche einen Guten Tag."
Herr Kopfschüttler brummte.
"Herr Kopfschüttler. Ich bin ihr einziger Löffel. Wohlgemerkt: Ihr einziger Löffel."
Herr Kopfschüttler brummte wieder ungehalten und sagte: "Ja. Du bist mein einziger Löffel. Was ist jetzt dein Problem? Dass du mein einziger Löffel bist und keine Gesellschaft hast oder das ich dich nicht so behandeln soll? Ich mag keine Doppeldeutigkeiten, die ich sofort durchschaue. Merk dir das."
Herr Kopfschüttler klopfte mahnend mit dem vergeßlichen Löffel auf die Tischdecke und hinterließ dabei weitere Milchkaffee-Flecken.
Der vergeßliche Löffel fühlte sich durchschaut.
Und das machte ihn beschämt. Er drückte sich wirklich manchmal ein wenig kompliziert aus.
Um davon abzulenken, sagte er schnell:
"Herr Kopfschüttler. Nein. Keine Doppeldeutigkeiten. Was ich meinte, war, dass ich nicht alleine sein will. Und das meine Einsamkeit für Sie durchaus Nachteile hat."

Der Löffel legte eine kleine Kunstpause ein.
Als Herr Kopfschüttler jedoch nicht reagierte, fügte er hinzu:
"Wollen Sie nicht wissen, warum das für Sie Nachteile hat?"
"Nagut," sagte Herr Kopfschüttler und fragte leidenschaftslos: "Warum sollte es für mich Nachteile haben, das du einsam bist?"
"Es hat mit Frau Kopfnicker zu tun," sagte der vergeßliche Löffel vorsichtig.
Herr Kopfschüttler horchte auf.
"Warum?"
"Sagen Sie bitte Bitte. Ich bin zwar nur ein Löffel, aber ich bestehe zu 2.32 Prozent aus einer Silberlegierung."
"Bitte. Hat Sie dir was gesagt?"
"Nein. Aber sehen Sie doch, Herr Kopfschüttler: Eine Frau ist sensibel. Und Frauen denken viel. Und wenn sie denken, hat das meistens mit anderen Menschen zu tun. Das legt nahe, das Frau Kopfnicker oft auch über Sie nachdenkt, Herr Kopfschüttler, jawohl an Sie. Und...und wenn sie darüber nachdenkt, dass Sie nur einen Löffel haben dann..."
Der vergeßliche Löffel verhaspelte sich, weil er schon wieder vergessen hatte, wie sein Satz angefangen hatte. Deshalb hatte er auch vergessen, wie sein Satz enden sollte und schwieg daher verwirrt.
Herr Kopfschüttler multiplizierte schnell 3258,5 mit 129 um sich ein bisschen zu beruhigen und presste dann relativ beherrscht hervor:
"Ist das schon wieder eine Doppeldeutigkeit? Ich hasse Doppeldeutigkeiten, merk dir das. Also sprich weiter."
"Herr Kopfschüttler: Frau Kopfnicker denkt wahrscheinlich, dass Sie nicht erwünscht ist. Weil sie nur einen Löffel besitzen, und zwar mich. Wenn Sie Wert darauf legen würden, das sie Sie besucht, würden Sie sich noch einen Löffel zulegen. Oder halt, vielleicht denkt sie...ja, es gibt noch eine Möglichkeit! Also: Wer will schon zu jemandem zum Kaffeetrinken gehen, mit dem er sich einen Löffel teilen muss.Das macht man doch nur, wenn Münder schonmal direkt Kontakt gehabt haben, oder irre ich mich da?
Nicht wahr, Herr Kopfnicker, so ist das doch in der Menschenwelt, jeder will seinen eigenen Löffel, alles andere ist zu intim, oder?"
Herr Kopfschüttler wurde es heiß und kalt. Seine Nackenhärchen sträubten sich und in seinem Magen wirbelten und strudelten alle erdenklichen Flüssigkeiten wild durcheinander. Er brauchte also einen Löffel, der Löffel hatte recht! Nur einen Löffel, und Frau Kopfschüttler würde gerne kommen!

Hastig griff er nach seinem Hut und zog die Quadratwurzel aus 32044 Millionen, um nicht die Treppe runterzufallen und stürzte auf die Strasse.
Sein Ziel war der EDEKA. Sein Ziel war ein zweiter Löffel.


Der Marktleiter versperrte ihm den Weg zum Eingang.
"Wir haben geschlossen."
"Nein. Haben sie nicht. Noch nicht. Wir haben 13.58 Uhr. Und ich muss etwas kaufen."
"Aber wenn Sie drin sind haben wir geschlossen," sagte der Marktleiter und rückte seine Brille zurecht."Kommen Sie halt Montag wieder."
"Aber ich muss einen Löffel kaufen!" brüllte Herr Kopfschüttler.
Der Marktleiter zuckte noch nicht mal.
"Das tut mir leid für Sie. Benutzen Sie solange eine Gabel und kommen Sie Montag wieder."
Herr Kopfschüttler schnaubte.
"Ich brauche einen Löffel. Und ich fordere mein Recht als Verbraucher."
Der Marktleiter klimperte ungeduldig mit seinem riesigen Schlüsselbund.
Um Kraft zu sammeln, subtrahierte Herr Kopfschüttler 32 von 643, potenzierte dies mit mit Pi und und errechnete, ob das Ergebnis eine Primzahl war. Als er damit fertig war, drückte er den Marktleiter zur Seite, marschierte mit hüpfendem Hut zu der Geschirr-und-Besteck-Abteilung, ergriff ein Löffelset mit 4 Löffeln aus rostfreiem Edelstahl, stapfte beherrscht zur Kasse, zählte sein Geld ab und verließ den EDEKA, ohne den Marktleiter noch eines Blickes zu würdigen.

Zuhause angekommen wählte er sofort Frau Kopfnickers Nummer (er konnte sie auswendig, weil sie zufällig das Ergebnis von 123456789 geteilt durch 3 war, nämlich 41152263) und als sie abnahm, sprach er in den Hörer.
"Frau Kopfnicker, hören Sie: Ich habe einen Löffel! Ich habe einen zweiten Löffel! Sie haben jetzt einen eigenen Löffel!"

Der vergeßliche Löffel wunderte sich über Herrn Kopfschüttler und diese seltsame Aussage. Er hatte das bestimmte Gefühl, dass er etwas vergessen hatte. Um nicht weiter darüber nachzudenken, sagte er: "Hallo ihr vier! Wie gehts denn so? Ich bestehe zu 2.32 Prozent aus einer Silberlegierung und ihr?"

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14 Antworten

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    sehr schöne prosa, gerade das mit der mathematik ist ein schöner einfall den guten herrn kopfschüttler noch ein wenig skurriler zu machen.
    ende auch gut gefunden.
    gibt ne empfehlung,
    lg
    pdk

    06.03.2007, 18:30 von PDK
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    obwohl kopfschüttler eher eine negative erscheinung für mich sind, mag ich deinen kopfschüttler ein bisschen, genauso wie diese tolle geschichte! >applaudierendaufsteh

    16.01.2007, 19:37 von scoop
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    entschuldige die profane aussage, aber: wie geil beobachtet! so viele zauberhafte verhaltensmerkmalscharakterisierungsideen auf einen haufen ist einfach sehr begeisternd!

    06.11.2006, 17:12 von ZweifelsOhne
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    steife nacken. ungerühte kaffeetassen. vorbei. für einen moment.
    ich bin sehr froh über die rückkehr der kopfbeweger.

    28.01.2006, 13:01 von brot
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    ok. dann keine moral. gut so. kann ich eh nich leiden.

    12.01.2006, 16:04 von tomhengst
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    Neben Lob für den witzigen Text ne Frage:
    War das Ergebnis eigentlich ne Primzahl oder nicht?
    Und immerhin kann sich der vergeßliche Löffel seine 3.32 % Silberlegierung merken, das ist doch was.

    12.01.2006, 15:04 von LudwigMartin
    • 0

      @LudwigMartin kann ich dir nicht beantworten.
      im gegensatz zu herrn kopfschüttler muss ich immer überlegen, was eine primzahl ist und nicht, ob eine zahl eine primzahl ist.

      13.01.2006, 10:31 von froschkind
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    sehr süße geschichte. beinhaltet sie auch eine moral?

    11.01.2006, 23:04 von tomhengst
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      @tomhengst na klar. soll ich sie dir erklären?

      also der löffel ist eigentlich ein flugzeug. da ein flugzeug aber nicht in eine tasse passt, habe ich kurzerhand einen löffel daraus gemacht. und woran denken wir sofort, wenn wir flugzeug hören? Richtig! An alte Asche.
      Wenn du jetzt alte Asche mit einem Flugzeug verknüpfst und dir aber einen löffel vorstellst, bist du-hoppla!- bei dem wertesystem der zwerghamster in zu kleinen käfigen. Die fühlen sich nicht wohl da drin, die protestieren, die wollen da raus.
      Und das ist die Moral. das ist das, was wir uns immer vor augen halten sollten.

      gute nacht.

      12.01.2006, 00:10 von froschkind
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