Alceste 30.11.-0001, 00:00 Uhr 12 40

Heimat

Ich kenne dein Gesicht.

Ich kenne dein Gesicht. Die Züge, die gezeichnet wurden von geteilten Tagen, Leid und Lächeln. Alles, was dahinter liegt. Jede dieser Linien, die wie Wellen über deine Stirn hin wogen, jede Hebung und Bewegung deiner Lippen und die Gründe, die sie küssen oder steinern lassen. Ich kenne dein Gesicht. Mit jedem Winkel, so als ob ich darin schon ein Leben wohnte. Dieser Anflug eines leisen Zweifels und der Druck der konzentrierten Arbeit. Das Funkensprühen der Idee. Der Blick, der dich nach draußen weht und jener, der mal auf mir lag. Die Lüftungslust und jene Euphorie vor der Vollendung. Das Wangenspiel beim Popcornernst, der Frieden deines Schlafs und jene aufgebäumte Stille vor Entladung. Der abgrundtiefe Gram, die Wangenhöhe deiner Freudensprünge und auch, und das vor allem: deine Augen - - so weit, so staunend unter diesem Himmelschwarz, in Bewunderung der Sterne. Ich kenne dein Gesicht, es ist wie Weltall, Himmel, Erde - eine Herkunft. Und ja doch viel mehr als das. Nenn es Gipfel des Verborgenen, Fläche einer Tiefe, Chiffre jenes Unsichtbaren, das wir "du" und "ich" oder "Bewusstsein" nennen. Ich kenne dein Gesicht und sehe dich - schärfer noch, genauer noch und länger noch als jede Landschaft. Ich kenne dein Gesicht: es spiegelt mir, woher ich stamme:
Wenn es eine Heimat gibt, nur irgendeine, die den Namen und die Rückkehr wert ist, so nenne ich sie: Mensch. Der geliebte Mensch. Der Mensch, der uns geprägt, den wir gewählt, der uns gezeigt hat: dieses Licht der Welt; dieser Mensch, durch den wir wurden, wer wir sind. Sei er auch verloren oder leiden wir auch noch so in der Fremde. Wahre Heimat ist - - und bleibt uns nur der Mensch. Denn Heimat kann doch keine Erde sein, kein Land, das nicht unsern Namen, unsre Ängste und Ideen kennt, kein Platz, der still erstarrt noch liegt, wenn Gebeine unter ihm begraben sind. Was soll'n die Toten unter all den Steinen? Ist das das Wesen der Erinnerung? Was soll'n die Gräber in dem kalten Grund? Niemand kommt aus diesem und keiner endet dort: Der Mensch stammt aus dem Menschen - und kehrt zurück in ihn, wenn er gestorben ist.





Tags: das sogenannte Licht der Welt, der mensch als lebende utopie, im menschen wohnen ohne miete zu zahlen, menschen als hebammen, lass uns heimaten, heimat ist kein ort, das sind wohl die Erpresserargumente ihrer Gangstergedanken
40

Diesen Text mochten auch

12 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Fein gezeichnet.

    02.02.2015, 18:36 von JannaJanna
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Dieser Text ist wie eine warme Decke und heißer Kakao und doch treibt es einem die Tränen in die Augen.

    Grüße :)

    28.01.2015, 22:33 von to_the_sea
    • Kommentar schreiben
  • 0

    hach sehr schön 

    27.01.2015, 01:24 von kaffeegoettin
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Die mit dem fuchtelnden Zeigefinger mag ich net.

    26.01.2015, 19:15 von Hattori-Hanzo
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    Jetzt fehlt  nur noch zum Abschluß "MUTTI" ;)

    24.01.2015, 13:02 von Sonntagsspaziergang
    • Kommentar schreiben
  • 1

    heimat = mensch & mensch = ort

    ergo: heimat = ort

    24.01.2015, 13:00 von ga
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare