PDK 06.02.2007, 15:19 Uhr 2 5

Haller

Eine Begegnung [Haller 03]

Lauf nur Haller, Lauf! Entkommen kannst du mir und dir ja doch nicht.
Ich weiß es ja! Ich weiß es ja!

Erst nach ein paar hundert Metern bemerke ich, wohin ich durch den strömenden Regen renne: zum Hafen. Irgendwie erhoffe ich mir Tröstung vom Schauen über das breite Wasserband. Auch das letzte bisschen Hoffnung, dieses letzte Restchen Zuversicht, welches ich mir nach diesen paar Tagen noch bewahrt habe, gerät beim Gehen, Hasten, Rennen, Treiben ins Wanken. Diese Möglichkeit aber, diese Möglichkeit, dass am Ende vielleicht doch noch alles gut werden könnte – was auch immer das dann bedeuten würde, für mich, für meine Vergangenheit, die Zukunft –, ist doch, wenn man es recht bedenkt, das einzige, was ich noch habe und was mich Aufrecht hält...
Der Regen jagt in dichten Garben aus dem grauen Himmel über den grauen Fluss und schlägt prasselnd links, rechts, vor und hinter mir aufs silbrig glänzende Pflaster. Vom Hafen sieht man nur hier und dort ein verschwommenes Licht, ein paar Geräusche wehen herüber, ein Schiffshorn singt im Regen, dunkle Schemen tanzen hinter dem grauen Wasser. Ich laufe weiter. Immer weiter. In irgendeine Richtung. Blind und ohne auf das zu achten, was um mich ist.
Ist da überhaupt irgendetwas?
Ich sehe nichts mehr. Laufe nur noch. Immer am Hafen entlang und zwischen schemenhaften Menschen, Häusern, Dingen hindurch, ohne den Hafen oder sonst etwas wahrzunehmen, nur der kalte Regen, der mir über mein Gesicht läuft, besitzt noch einen Rest Wirklichkeit, und der Mantel, der immer schwerer wird, und meine Füße, meine ganz nassen Füße. Laufen. Vor den eigenen Gedanken davonlaufen, vor sich davonlaufen, vor mir davonlaufen, laufen, weiter, nass von oben bis unten jetzt, tropfnass – weine ich? –, Scheinwerfer streichen über mich hin, plötzlich ein Gesicht zwischen all dem Grau, ein Mädchengesicht, grellgeschminkt, verlaufene Farbe um die Augen, die Lippen knallrot, undeutlich das alles, ganz nah vor mir, ich sehe sie erst im letzten Moment, das Gesicht lächelt, einladend und mit verlaufener Farbe um die Augen, lächelt unter blondiertem Harr hervor, lächelt mit halboffenen, grellrot geschminkten Lippen.
Sie ist höchstens achtzehn Jahre alt und trägt kaum einen Fetzen auf dem dürren Körper. Unter einem dünnen Lederjäckchen versteckt sich ein bauchnabelfreies, halbdurchsichtiges Top, darunter weht ein Chiffonfähnchen um ihre Hüften, dass so knapp gehalten ist, das es die Bezeichnung Rock eigentlich nicht verdient. Was mich am meisten verwirrt: ihre kleinen Füße stecken in grotesk bunten Cowboystiefeln.
Sie: Hi Süßer!
Ich: Was stehst du hier im Regen, Mädchen, du wirst dir den Tod holen.
Sie (schaut unsicher): Hast du ein Auto, Süßer?... Soll ich’s dir nicht mal ordentlich besorgen?
Einstudierter Text, denke ich, starre sie an. Fassungslos. Über sie. Und über mich, der ich nur still dastehe, lächle, starre. Auch aber über das, was ich dann sage...
Ich also: Nein, aber wenn du willst, nehmen wir ein Taxi, fahren zu mir und ich mach dir was zu essen.
Sie (lächelt, aber nur mit dem Gesicht, die Augen sind ganz groß, sie weiß nicht, was sie denken soll und der Regen tropft von ihren Haaren, läuft an ihr herunter und die zu dick aufgetragene Schminke verläuft immer mehr): So läuft das aber nicht.
Ich: Ich bezahle dich auch…
Ich sehe, dass sie jetzt gar nicht mehr weiß, was sie denken soll. Ihre großen Augen schauen zu mir hoch. Sie ist klein. Mindestens anderthalb Köpfe kleiner als ich. Komisch, dass ich das jetzt erst bemerke. Ich weiß auch nichts mehr zu sagen. So stehen wir da im Regen und blicken uns an. Aus Verlegenheit biete ich ihr eine Zigarette an. Rauchen, denke ich, nur etwas zu tun haben, denke ich, und ihr geht es vielleicht genauso: sie nimmt die Zigarette, nimmt sie, wortlos, tonlos, mit sparsamen Bewegungen.
Wir –.
Ich gebe uns Feuer, Scheinwerfer streichen über uns hin, Wasser von allen Seiten, wir schweigen zusammen, dann doch noch ein Taxi, ich winke es ran, der Fahrer, ein junger Mann, schaut uns, dies seltsam traurig verregnete Paar, skeptisch an, ich steige ein, schaue sie an, sie versteht, der Wagen fährt durch den Regen, am Hafen entlang, von dem man immer noch nichts sieht, wir tropfen die Rücksitze voll und schweigen immer noch.
Sie und ich –.

Was tust du nur, Haller?
Ich versuche einen Menschen kennen zu lernen.

Ich bestelle uns eine Familienpizza und eine Flasche Chianti bei einem Lieferservice, nachdem ich sie mit Hemd, Hose und Pullover von mir zum Duschen ins Bad geschickt habe. Meine Sachen sind ihr natürlich alle viel zu groß und sie sieht richtig komisch aus in der viel zu weiten Männerkleidung. Die Cordhose schlackert ihr nur so um die schmalen Beinchen, die man in den breiten Röhren kaum erahnen kann, und der Pullover begräbt ihre kleinen Brüste bis zur Unkenntlichkeit unter dicker, wärmender Wolle. Ich finde: ungeschminkt sieht sie richtig niedlich aus. Und noch jünger. Sie könnte meine Tochter sein, denke ich.
Sie: Ich bin mit sechzehn von zu Hause weggegangen. Mein Vater hat mich verprügelt. Ich hatte einen Freund. Er fand, ich dürfte keinen haben. Ich fühlte mich eingesperrt. Nicht im Haus, aber in dem Dorf, aus dem ich komme. So ein kleines Dorf im Osten, kurz hinter der Grenze, alle gehen da weg. Einen Ausbildungsplatz habe ich aber nicht bekommen. Realschulabschluss. Da wollte man mich nicht. Dann habe ich Markus kennen gelernt. Hier in Hamburg. Nach zwei Wochen. Erst war er gut zu mir, hat mir eine Wohnung besorgt und so und ich war richtig verknallt in ihn und dann wollte er plötzlich Geld von mir für alles haben und ich hatte keins und so ist das dann gekommen. Ich habe das nicht gewollt, aber was hätte ich sonst tun sollen und eigentlich ist es doch auch nur ein Job. Meine Schulden habe ich zurückgezahlt und dann gab es auch bessere Zeiten. Ich hatte einen anderen Freund, Arbeit in einer Fabrik, nichts spannendes, aber immerhin, dann bin ich schwanger geworden und mein Freund hat mich sitzen lassen. Damals war ich nicht mal achtzehn. Jetzt mache ich das für die Kleine. Sie soll es mal besser haben. Aber anders wäre es schöner. Mit einem Freund und vielleicht Heiraten, sich etwas Aufbauen, eine richtige Familie haben. Davon träume ich manchmal. Mehr will ich eigentlich gar nicht vom Leben. Ist schon komisch, wie schnell man seine Illusionen verliert. Früher wollte ich Sängerin werden, oder Model, wovon man halt so träumt als Mädchen. Aber vielleicht ist gerade dies das Schwierigste: ein einfaches, gutes, normales Leben führen und sich eine Familie aufbauen. Meine Tochter ist jetzt drei Jahre alt. Ich hoffe, ich finde bald was anderes und einen Mann, der mich und die Kleine liebt.
Wir –.
Sie isst die Pizza. Man sieht: sie hat Heißhunger. Ich nehme nur ein kleines Stück. Den Wein rührt sie nicht an. Trotzdem ist er jetzt leer. Sie redet wie ein Wasserfall. Von sich und ihrer Tochter und diesem und jenem, vom Wetter oder auch nicht, von den Männern, vom Leben, über alles eigentlich. Ich höre einfach zu und schweige, lerne einen Menschen kennen. Ich sehe: es tut ihr gut über sich zu reden. Mit einem Menschen den sie nicht kennt, der sie nichts angeht, der ihr einfach nur zuhört und lächelt. So einem Menschen kann man leicht alles erzählen. Ich lerne einen Menschen kennen. Den ersten in meinem neuen Leben. Einen Menschen, der es auf seine Weise vielleicht noch schwerer hat als ich. Wir fassen uns nicht an. Sie könnte meine Tochter sein, denke ich immer, wenn sie mich so ansieht. Nach fast zwei Stunden ist ihre Kleidung getrocknet und sie macht sich fertig, um zu gehen. Geld will sie keines haben, aber ich schenke ihr eine Regenjacke und einen Schirm. Erst will sie das auch nicht annehmen, aber ich kann sie überreden. An der Tür sind wir dann doch noch einfach Mann und Frau, zwei Menschen, die sich nacheinander sehnen, nicht im speziellen, sondern im allgemeinen, nicht sexuell, sondern als Ergänzung zueinander: sie gibt mir einen Kuss auf die Wange und ich streichele ihr über das dünne, blondierte Haar. Dann geht sie. Durch den Flur, die Treppe hinunter, verschwindet.
Sie und ich –
Ich wusste, sie wusste, wir wussten: wir würden uns niemals wiedersehen. Nicht einmal Namen hatten wir uns gegeben.

5

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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ich liebe diese Haller-Texte :)
    Auch wenn es mir schwer fällt, diesen mit den beiden anderen im Kopf zu verbinden. So ein Sprung, ganz sanfte Ähnlichkeit, aber vor allem dieser Weltenunterschied...

    Schön, schön und traurig.

    09.02.2007, 21:59 von Miss-Aufziehvogel
    • 0

      @Miss-Aufziehvogel thx!

      14.02.2007, 15:37 von PDK
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  • 0

    Das ist ein toller Text und schöne Bilder die du malst! Vielleicht auch weil ich mich mit Hamburg verbunden fühle, auf jeden Fall hat mich deine Erzählung echt berührt.

    08.02.2007, 23:06 von Ryumei
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