PDK 11.02.2007, 00:03 Uhr 4 4

Haller - Der Anfang

[Haller01 - wie alles beginnt]

Als ich erwache, merke ich erst nichts von dem, was mit mir geschehen ist. Eigentlich merke ich eine ganze Zeit lang noch nicht einmal, dass ich überhaupt wach geworden bin, sondern ertappe mich dabei, wie ich die Decke anstarre und also wach sein muss, es sei denn, ich habe einen Traum und in diesem Traum passiert nichts, gar nichts, außer eben, dass ich daliege und eine Zimmerdecke anstarre.
Ich warte also erst einmal ab, was passieren mag, und als tatsächlich nichts passiert, ich also einfach weiter so daliege und die Zimmerdecke anstarre, da weiße ich, dass ich wach sein muss, denn ein Traum, in dem überhaupt nichts passiert, ist mir noch nie untergekommenen. Darüber hinaus ist die Zimmerdecke, die ich anstarre, eine ganz und gar gewöhnliche Zimmerdecke: weiß gestrichen, ohne Stuck oder ähnliches, eine Zimmerdecke, wie es sie zu Tausenden gab und gibt und geben wird. Obwohl das so ja auch wieder nicht stimmt. Natürlich hat sie hier oder da einen kleinen Fleck, eine leichte Verfärbung, an einer der Kanten hat sich im Laufe der Jahre Dreck angesammelt, aber sie gehört eben zu diesem Typ Zimmerdecke, der, wenn man nicht allzu sehr ins Detail geht, beinahe schon zu häufig vorkommt und bei dem man sich, zumal in dem Zustand, in dem ich mich befinde – ich beobachte mich ja sozusagen selbst dabei, wie ich diese Zimmerdecke anstarre –, nicht sicher sein kann, wo man sich eigentlich befindet. Weiße Zimmerdecken haben, wenn man sie denn nicht sehr gut kennt, einen sehr geringen Wiedererkennungswert, oder, wenn man so will: weißen Zimmerdecken mangelt es ein wenig an Individualität.
Ich frage mich also: Wo bin ich?, denn das Bett, die Zimmerdecke, obwohl weiß, und der Raum, von dem ich aus meiner Lage heraus nicht einmal die Abmessungen erraten kann, dies alles kommt mir fremd vor. Völlig fremd sogar und eine derart weiche Matratze, sage ich mir, hätte ich sicherlich auch nie gekauft. Also frage ich mich noch einmal: Wo bin ich? und will mich seitlich aus dem Bett schwingen, um von der Bettkante aus den Raum einsehen zu können. Dann wird meine Erinnerung schon zurückkehren. Da bin ich mir sicher.
Zu meinem allergrößten Erstaunen passiert aber einfach überhaupt nichts. Ich sage, nein, befehle mir: aufstehen! Nichts, nichts und wieder nichts. Ich liege unverändert auf dem Rücken und starre die weiße Zimmerdecke an. Nicht einmal meine Augen wollen sich bewegen lassen. Dieses Scheitern lässt eine neue Frage in mir wachsen, eine Frage, die, wie ich zugeben muss, mich noch sehr viel mehr erregt und beunruhigt, als dieses: Wo bin ich?
Was ist mit mir?, frage ich mich nun ein ums andere Mal, beginne darüber heftig ins Schwitzen zu geraten und versuche angestrengt, mich zu bewegen. Nachdem alle Anstrengungen „mich“ zu bewegen gänzlich gescheitert sind, versuche ich es verzweifelt weiter mit diesem Finger, jenem Fuß, einem Arm, meinen Augen.
Ich habe keine genaue Vorstellung davon, wie lange ich schon so hier liege, einfach nur liege, liege und die Decke, diese schrecklich weiße Zimmerdecke anstarre.
Endlich glaube ich meinen Körper wieder so weit unter Kontrolle zu haben, dass ich es erneut wage, „mich zu bewegen“, also mich aufzusetzen, was mir, nach einigen Versuchen, dann auch tatsächlich gelingt. Die Tatsache aber, dass ich nicht gelähmt bin, wie ich es mir schon ausgemalt habe für einen Moment, sondern, so wie es aussieht, nur, nur! gewisse Schwierigkeiten habe, meinen Körper zu kontrollieren, dass ich ihn mir sozusagen erst noch einmal aufs Neue habe aneignen müssen, empfinde ich jetzt, wo ich mich bewegen kann, als äußerst beruhigend.
Trotzdem lassen mich diese beiden Fragen, dieses Wo? und dieses Was?, nicht los, denn ich habe – bei meinen wiederholten Anstrengungen diesen oder jenen Teil meines Körpers zu bewegen – ja nicht nur herausgefunden, dass dieses von gräulichem Licht, welches durch die halbgeschlossenen Jalousien eines Fensters rechts des Bettes hereinsickert, nur spärlich illuminierte Zimmer mit dem Teppichboden, den weißen Wänden und den hellen Holzmöbeln mir völlig unbekannt ist, sondern ich muss darüber hinaus erschreckt feststellen, dass ich Angezogen auf dem Bett gelegen habe, ganz so, als hätte ich mich des Nachts einfach darauf fallen gelassen und wäre – sofort oder auch nicht – eben so, wie ich eben da lag, eingeschlafen.
„Alkohol?“, frage ich mich, suche nach Kopfschmerzen in mir und versuche bei einem der Anläufe „mich“ aufzusetzen, mich daran zu erinnern, was ich letzte Nacht, am Abend, den Tag über gemacht habe. Nichts. Eigentlich hätte mich das noch mehr beunruhigen müssen, aber gerade, als mir dieser Gedanke kommt, dieser Gedanke, dass ich nicht einmal mehr weiß, was am Tag zuvor gewesen ist, gelingt es mir, mich aufzusetzen und in meiner Freude darüber vergesse ich meine fruchtlosen Erinnerungsversuche gleich wieder und schaue mich um, suche mit meinen Augen etwas, dass mir bekannt ist, etwas, dass sich mir verrät.
Dieses Möbel da oder jenes dort, ruft nicht eines eine Erinnerung in mir wach? Kann ich nicht doch etwas herausbekommen darüber, wo in Herrgotts Namen ich verdammt noch einmal bin? Ich habe doch alle meine Hoffnungen darauf gesetzt und bin mir so sicher gewesen.
Über das Zimmer gibt es nicht allzu viel zu berichten. Neben der weißen Zimmerdecke und den ebenso weiß gestrichenen Wänden gibt es da zwei kleine Kommoden, zu jeder Seite des Bettes eine, einen einfachen Schrank, einen schmalen Tisch mit einem Stuhl daran, alles in hellem Holz gehalten, Fichte, schätze ich, und, ja und die beiden Türen. Eine links des Bettes, gegenüber dem Fenster mit den Jalousien davor, die andere an der dem Bett gegenübergelegenen Wand.
Aus der eher spärlichen und ganz unpersönlichen Einrichtung, dem Fehlen von irgendwie gearteten persönlichen Gegenständen, vor allem aber wegen der beiden großen Koffer, die ordentlich neben den Schrank gestellt worden sind, schließe ich, unwillig, dass es sich bei diesem Zimmer um ein Gemietetes handeln muss. Ob in einem Hotel oder in einer Pension ist ja nebensächlich, denn ich bin mir immerhin sicher: du bist nicht Zuhause.
Dieses „du bist nicht Zuhause“ aber lässt mich gleich wieder darüber nachdenken, wo ich Zuhause und wie dieses mein Zuhause denn nun eigentlich eingerichtet sein mag. Als mir dazu genau so wenig einfallen will, wie zu allen anderen Fragen, die ich mir nun schon gestellt habe, seitdem ich mich selbst dabei beobachtet habe, dass ich einfach so daliege und eine weiße Zimmerdecke anstarre, verfalle ich wieder darauf, mich zu fragen, was nur mit mir geschehen sein mag..
Auf der Bettkante sitzend komme ich zu dem Schluss, dass ich es mit Dasitzen und Nachdenken nie herausfinden werde und stelle mich zum erstenmal an diesem Morgen auf meine Beine, was mir – zu meiner eigenen Verwunderung – auch gleich gelingt. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass meine Beine mich tragen – immerhin habe ich ja mindestens eine halbe Stunde gebraucht, mich auf die Bettkante zu setzen –, mache ich gleich die ersten ein, zwei Schritte zum Fenster hin und öffne die Jalousien.
Da sich alle meine Hoffnungen zerschlagen haben, das dieses Zimmer mir weiterhelfen wird, mich zu erinnern, wo ich bin und was mit mir geschehen sein mag, setze ich nun all mein Hoffnung daran, dass der Blick auf die Strasse oder was immer da hinter dem Fenster liegt, mir vielleicht etwas, immerhin etwas, wieder in Erinnerung bringt.
Das Fenster schaut auf eine leere Strasse hinunter und auf ein hinter dieser liegendes, heruntergekommenes, längst aufgegebenes und verlassenes Industriegebiet hinaus, wo sich Wellblechschuppen an halb verfallene Rotklinkerbauten lehnen. Hier und da sind die Dächer schon eingefallen und jede Fensterscheibe dort drüben scheint zerschlagen worden zu sein. Hinter dem verlassenen Industriegebiet wachsen riesige Wohnhochhausungetüme in den Himmel. Mir erscheint es fast so, als würden diese Wohnmaschinen mit den Aberhunderten Fenstern und Tausenden Menschen darin, bis in die grauen Wolken hinein ragen, die bedrohlich den Himmel bedecken.
Weil ich auch da draußen nichts wieder erkenne, fange ich an zu lachen. Einfach so. Wieso kann ich nicht genau sagen. Aus Unsicherheit vielleicht. Oder aus Angst. Oder Übermüdung. Aber ich bin ja gerade erst aufgestanden. Vielleicht lache ich auch nur, weil mir meine ganze Situation so lächerlich vorkommt: da wacht einer auf und weiß nicht, wo er ist und was er angestellt hat, um an den Platz zu kommen, an dem er sich wiederfindet und der ihm auch noch vollkommen fremd ist, und dieser jemand hat dann sogar Probleme dabei aufzustehen, ja, starrt stattdessen eine quälend lange Zeit eine völlig öde, weiße Zimmerdecke an...

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4 Antworten

Kommentare

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    @ chessige: menno!

    29.06.2007, 12:14 von PDK
    • 0

      @PDK
      Nagut: Hat mir sehr gut gefallen, ich freu mich schon auf die weiteren Fragmente :D

      29.06.2007, 12:29 von chessige
    • 0

      @chessige *stolzwieoskarsei*

      29.06.2007, 12:31 von PDK
    • 0

      @PDK
      Moment. Du mußt noch rot werden. Oder hebste Dir das für die anderen Hallers auf?

      *gngn*

      30.06.2007, 21:51 von chessige
    • 0

      @chessige na oskar speilt ja eher trommel und schreit, als rot zu werden *gg

      30.06.2007, 21:56 von PDK
    • 0

      @PDK
      Ach, DER Oskar! *lol*

      30.06.2007, 22:01 von chessige
    • 0

      @chessige erwischt, wa?
      *lol*

      30.06.2007, 22:02 von PDK
    • 0

      @PDK
      Ich bin grundsätzlich und immer unschuldig!

      01.07.2007, 22:33 von chessige
    • 0

      @chessige aber von schuld redete doch gar keiner!
      *verwirrtguck*

      02.07.2007, 00:27 von PDK
    • 0

      @PDK
      Stimmt. Ich wollte es nur mal bemerkt haben.

      In Verwirrung stiften bin ich gut. :D

      02.07.2007, 00:30 von chessige
    • 0

      @chessige ach so... mist... jetzt haste mich erwischt!
      scheiße!
      ich muss ins bett!
      *lol*

      02.07.2007, 00:31 von PDK
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    So! Ich sag dazu aber erst was, wenn ich den Rest gelesen hab. (und geh alldieweil glücklich schlafen)

    29.06.2007, 01:35 von chessige
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  • 0

    endlich komme ich jetzt dazu, den Text zu lesen. Ich hatte mich schon die ganze Woche darauf gefreut.
    So fängt es also an. Wird man noch erfahren, wie er dort hingekommen ist, wo er ist?
    Die Zimmerdeckenbeschreibung war toll.
    Und, wie immer: deine Sprache, deine Art zu beschreiben ist wunderbar.

    Liebe Grüße
    Miriam

    17.02.2007, 19:35 von Miss-Aufziehvogel
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  • 0

    Es macht mir Freude ihre Texte zu lesen - auch beim zweiten Mal. Einen schönen Abend noch.

    12.02.2007, 22:37 von M_Kleemann
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