katharinafuchsbloggt 08.12.2014, 01:53 Uhr 1 0

Großstadtgeschichten

Detailstürme und Großaufnahmen im Großstadtflimmer der Geschichten.

Wenn die Stadt um mich pulsiert und grelle Neonschatten auf mein Gesicht wirft und ich vor mir selbst weglaufe zu den Bässen in meinen Ohren, dann ist all der Beton um mich her Mauer und Gewicht an den Füßen zugleich. Wenn ich äußerlich zentriert um eine Mitte zu kreisen scheine, sind in Wahrheit all meine Atome in ständiger Alarmbereitschaft. Wenn zwischen zwei Augen nur Sekunden und eine U-Bahn-Tür liegen, dann bleiben verzerrte Spiegelbilder zurück und der Eindruck, eine Geschichte zu verpassen.
Geschichten sind millionenfach rar gesät. Sie gehen unter im Großstadtlärm, sie bleiben auf der Strecke, am schlimmsten: Sie werden verschwiegen.
Jeden Morgen zwischen Haferflocken und Bäcker um die Ecke schaffen es tausende und abertausende Menschen, ihre Kriegsbemalung, ihre Masken aufzusetzen, ein Lächeln, ein unverbindlicher Blick, ein „Komm mir nicht zu nahe!“ der Gesichtsmuskulatur. Zu vibrierender Straßenlärmmusik tanzen sie alle gemeinsam auf einem Maskenball. Umeinander im Kreis, leichte Berührungen, die gleich wieder verfliegen, nicht zur Dauer bestimmt sind. Wie verbrannt ziehen sich Körper voneinander zurück und verschwinden in dunklen Gassen oder vollen Clubs. Unter Stroboskoplichtern und Alkoholeinfluss tasten sie einander ruckartig ab, unbeholfen, ängstlich. Kein Frühstück.
Maske auf und weitertanzen, denn so viele Schuhe müssen zertanzt werden, und wenn es uns allen die Füße dabei verbrennen sollte, wir würden lächeln.
Aber manchmal müssen Tränen fallen auf den heißgetanzten Boden, meist still und heimlich, stumme Tropfen auf den heißen Stein. Manchmal fällt uns unvermittelt die Maske vom Gesicht und wir stehen nackt vor uns selbst und anderen. Wenn wir es nicht mehr schaffen, vor uns selbst zu flüchten, sondern in einer Sackgasse des Schaufensterkabinetts um uns herum landen, dann zwingt die Spiegelung uns, hinzuschauen.
Ich stehe vor dir und mein Gesicht spiegelt sich in deinen Pupillen. Du gehst nicht, verschwindest nicht verwischend in Sekundenbruchteilen wie die Tür der U-Bahn. Wenn das Pulsieren der Stadt neben meinem Herzschlag fast verstummt und die Dunkelheit mich in Sicherheit wiegt, dann öffnen sich meine Lippen und ich erzähle dir vielleicht ein wenig.
Stockend vielleicht, ängstlich, zögernd. Aber vielleicht, ganz vielleicht wirst du es spüren. Spüren, dass wir mit derselben Intensität vibrieren. Wenn die Masken fallen, sind die Schatten auf unseren Gesichtern die ersten Zeilen einer Geschichte.


Tags: Großstadt, Geschichten, Masken
1 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Den letzten Satz kann ich sehr gut leiden...

    08.12.2014, 16:26 von MonoLOGIN
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