Alceste 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 6

Gipfel sind Stufen. Oder: Ihr Lied

Von Apfelkernen, Edelweiß und Lichtquellen.

Eisiger Nebel zieht wandernd aus dem Tal gen Gipfel, strömt flüchtig durch die Wälder wie ein tausendarmiges Begehren, unnachgiebig und beständig, um als Wolke aufzusteigen. Eine Atmosphäre aus Kristall und Frost und Schweigen. Die Wintersonne bleibt nur ahnbar, unscheinbar, aber sie ist da: ein zaghaftes Versprechen, eine rührende Ermutigung - das Dasein unter einer Quelle solchen Lichts.

Geschlossene Augen, halb in Traum und Tanz, halb in Erinnerung, ein flüchtiges Lächeln. Er dreht sich auf die Seite, räckelt sich, streckt sich, zieht schläfrig die dicke, weiche Wolldecke zurecht, unter der er sich eingemummelt und versteckt hat. Das Versteck als Heimat für die Heimatlosen. Nur noch einmal umdrehen, sich einstellen, die richtige Einstellung bekommen und sich einigeln: draußen herrscht bissiger Frost. Eine Umdrehung in seufzender Gemütlichkeit, die umschmeichelnd warme Decke wie die zärtliche Hand einer Geliebten; er gibt diesem Gedanken nach. Noch nicht aufstehen in die Welt, sondern widerstehen, noch für einen Moment Weltwiderstand üben, die Zeiger gnädig zeigen lassen, was sie wollen. Sollen sie doch! Die Welt kann warten, auch wenn sie es nicht wird. Man muss ein bisschen warten, bis man wird.

Der Nebel schluckt die kleine Berghütte. Kristallwolken schweben durch das Fenster, Rinnsale am Glas, Eiszapfen. Es tropft die Zeit. Einatmen, Ausatmen, sichtbares Leben, warm und eingehüllt, von Kälte umgeben: Nur sein Kopf lugt auf dem weißen Kissen hervor, der Rest liegt noch begraben, liegt noch im Warten. Auf dem hölzernen Nachtisch ein altes Foto, ein Edelweiß, Postkarten, Kerzen, ein Apfel, ein Glas mit Wasser, über Nacht gefroren. Es wird allmählich hell. Die Langsamkeit des Lichts.

Traumtrunken greift er neben das Bett, rudert mit dem Arm nach links und rechts, findet schließlich den CD-Spieler, tastet sich weiter, macht ihn an und dreht sich wieder um. Dieses Lied in Endlosschleife, ihr Lied.


Sein Stoppelbart kratzt über das weiche Kissen; schwarz auf weiß. Er reibt sich den Schlaf aus den Gedanken, öffnet die Augen, schließt das Fenster, erhebt sich vom Bett und setzt die Füße auf den kalten, knarrenden Holzboden. Jeder Schritt ein Echo, bodenlos glücklich: Sie wartet. Ein kleiner Sprung zum Teppich, dieser rutscht ein wenig, ein fliegender Teppich, "Yeeeehaw!": wenn man auf uns wartet, können wir nicht warten. Die Zeit strömt. Das war das Warten wert.

Er fröstelt sich euphorisch zum Kachelofen, Holz, Holz und Zeitung, Streichhölzer, Pusten, Leben einhauchen, anfachen, mehr Zeitung, kleinere Hölzer, entfachen, Pusten, es knistert und knackt, fängt Feuer, glüht und glimmt und ja, es stimmt: Das Dasein nahe einer Quelle solchen Lichts.

Er reibt die Hände, hält sie vor die lodernen Flammen, wärmt sich, schmeißt kleine Kohlestücke hinterher und huscht beherzt unter die Dusche. Alle Müdigkeit fällt von ihm ab: sie wartet! Drum flitzt er und fliegt; vergisst das Frieren, als gäb es keine Kälte. Zieht sich an und fühlt sich gänzlich hingezogen. Und macht Rühreier mit frischem Schnittlauch, mit Zwiebeln, mit Schinken und getoastetem Brot mit Butter und Salz; holt Croissants und Erdbeermarmelade, ein großes Stück Käse, Äpfel, Weintrauben. Schnell! Sie wartet. Und er auch. Drum Proviant gepackt und Rucksack drauf; drauf und dran vor Freude durchzudrehen, tritt er aus der Hütte in den Frühling und den Sonnenschein, jetzt gilt nur eins: Zusammensein.  

An der Wegesgablung steht sie schon und weist damit die Richtung. Wenn uns Menschen Kompass sind, und Karte. Er stolpert ihr entgegen, ist das denn zu fassen? Er kann den Blick nicht von ihr lassen und pflügt den halben Pfad. Nur ihretwegen! Sie lächelt, sagt: ich warte, und fällt ihm in die Arme; streichelt zärtlich durch sein schwarzes Haar und küsst ihn so, als würd' es bald verboten. Was für ein Begehren, wie bereichert und berauscht: Beide beben, bodenlos glücklich. Nehmen sich bei der Hand und wandern durch den Wald gen Gipfel.

Im Wald rasten sie an einem Bach, legen sich ins Gras und lauschen dem Gemurmel. Alles fließt. Sie flüstern Fragen, fantasieren; lesen sich und lernen sich, inwendig und auswendig. Die Zeit darf sich verlieren... Sie erzählt von ihren Eltern, er von seinen. Vom Leben und Laufen in Kinderbeinen. Sie sprechen von Spuren, die man hinterlassen will: Sie mag Familienlärm, er mag es eher still. Sie erzählen von jungen Autoren und alten Meistern. Von allen Dingen, die begeistern. Sie schätzt Krimis, er mag Dramen. Beide wollen reisen und zur Not dabei verarmen. Sie streichelt ihm durchs Haar. Er legt den Kopf auf ihren Bauch. Sie liebt ihn sehr und er sie auch. Er schneidet einen Apfel und wirft die Kerne in den Bach. Hier und jetzt mit ihr, da ist er vollends wach - und fühlt sich dennoch wie im Traum. Jetzt darf die Zeit ruhig stehen bleiben! Bloß nicht auf die Uhren schauen - und miteinander glücklich schweigen.

Sie erheben sich und ziehen weiter. Ein Freudenzug zu zweit, so könnt' es immer weiter gehen: Die Zeitrechnung Amors, die kein Ende kennt: wir zwei für ewig unter dem endlosen Himmel. Der Gipfel ist in Sicht; die Bäume werden weniger, der Blick reicht weiter. Am Wegesrand ein Edelweiß, er steckt es ein, für später. Nur weiter, immer weiter! Sie klettert und er kraxelt, sie hat Mühe und er möcht' sie mühelos nach oben tragen. Der Ertrag geliebter Stunden, so umunwunden macht er reich. Keine Sorge, gleich!, wir sind gleich oben. Sie kämpft sich hoch, er feuert an: Gipfel sind nur Stufen - und nimmt sie bei der Hand.

Da liegen sie schlussendlich, abgekämpft und glücklich; schau'n sich an. Was man alles teilen kann!, diese Horizontverschmelzung. Und teilen Proviant und Aus-der-Puste-Sein, atmen wie aus einer Brust. Sie holt aus ihrer Innentasche Lautsprecher, ein Kabel und Musik. Noch kurz tönt nur der Wind, dann schallt es weit und tief, ihr Lied. - Und er lauscht ergriffen; liegt staunend, schaudernd, überlaufend, kaum begreifend, was geschieht: neben ihr im Sonnenlicht, die Welt zu Füßen. Dieses Lied. Da stellt sich völliges Verstehen ein. Beide unter diesem Himmel, das Dasein nahe einer Quelle solchen Lichts - und beide tanzen auf dem Gipfel wie entfesselt, frei.

Nach ewigen Stunden in Liedern sinken sie nieder und bleiben dennoch schwebend, bodenlos glücklich, verbunden im Bann, in Harmonie, im gleichen Schlag, im gleichen Klang. Er möchte ihr das Edelweiß schenken, doch sie sagt: behalt es als Erinnerung an mich, so wie das Lied, in dem ich bin, und gib es mir beim nächsten Mal. Sie liegen da noch eine Weile lang - und staunen, dass das möglich ist: ohne einen Wunsch zu sein; es sei denn, dass die Zeit still stehe, dass das, was beide teilend einte, nicht vergehe. Der flüchtige Traum der Endlichen unter endlosem Himmel. Und sprechen über Gipfel und den Menschen, der bei allen Kämpfen, aller Kraft, allem Willen und Verlangen doch über diesen einen, der man selber ist, niemals triumphieren kann. Sie wollen das versuchen - wenn schon scheitern, dann zusammen, Hand in Hand und Herz an Herz: so ziehen sie zum Sonnenuntergang ins Tal.


Der Kopf lugt vor, umringt von Kälte; sein Stoppelbart streift das weiche Kissen: weiß auf weiß, der Rest liegt noch begraben, im Warmen, im Warten. Draußen herrscht eisiger Nebel. Das klingende Echo eines Begehrens, unstillbar, nicht zum Schweigen zu bringen. Die Welt kann warten. Man muss ein bisschen warten, bis man wird.

Traumtrunken greift er neben sich, rudert mit dem Arm nach links und rechts, findet schließlich den CD-Spieler, tastet sich weiter, macht ihn aus und dreht sich wieder um. Dieses Lied in Endlosschleife, ihr Lied.

6

Diesen Text mochten auch

8 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Toll!

    11.10.2012, 15:03 von farb-los
    • Kommentar schreiben
  • 1

    ..wunderschöne Sprache und Einsatz verschiedenster Stilmittel, eine Geschichte, die man laut lesen sollte! Fabelhaft! 

    10.10.2012, 04:15 von primitiveskrokodil
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Mein Herz klopft immer noch fröhlich beschwingt vor sich hin! Es hat mir große Freude bereitet deine Geschichte zu lesen!

    01.10.2012, 18:29 von Buttercup12
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Schönes Ding.


     


    Aber auf nem Gipfel tanzen? Neeeeh, das warn bisschen zu abgefahren.

    28.09.2012, 10:23 von Jingeling89
    • 0

      Moin Jingeling89! Zunächst erst einmal aufrichtigen Dank für's Lesen und Kommentieren; super, wenn's gefällt.
      Allerdings eine Frage: Was genau ist daran zu abgefahren? Ich selbst war vor Jahren mit meinem kleinen Bruder in Österreich auf Wandertour (Hütten und 2000er) und wir haben eigentlich auf jedem Gipfel einen kleinen, wenn auch äh...ästhetisch fragwürdigen Tanz hingelegt, der vermutlich mehr an Regentanz als an Walzer erinnert.

      28.09.2012, 12:24 von Alceste
    • 1

      Okay, ich bin erstens kein Wanderer und zweitens kein Tänzer, deswegen kann ich das wohl nicht nachvollziehen.
      Ich tanze erst ab 2 Promille und Bergsteigen reizt mich wie ein labbriges Toast.


      Aber jeder hat seine Rituale :D mir kam es nur wirklich seltsam vor.
      Sollte ja nix abwertendes sein^^

      28.09.2012, 12:47 von Jingeling89
    • 0

      ...ich halt meinem labbrigen Toastbrot eben die Augen zu, damit es keinen Heulkrampf bekommt. Ach, so muss man sein Frühstück fristen, ein Jammertal. Anyhoo. Im übrigen ist man auf dem Gipfel ja irgendwie ..trunken. Aber äh ja, auf Rituale! ^^

      28.09.2012, 12:52 von Alceste
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ganz fein!!!

    28.09.2012, 07:06 von LillyIdol
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare