Fragment II
[Haller 04 - immer noch am Meer]
Hier sitze ich in der alten Stadt Zadar auf den Stufen der Meerorgel und vor mir liegt das Meer und die lange, grüne Insel mit dem unaussprechbaren Namen Ugljan und mir gehen ihre Worte nicht mehr aus dem Kopf, die sie letzte Nacht betrunken auf einem dieser römischen Sarkophage balancierend, in denen Müll im Regenwasser schwimmt, auf den Platz hinausgesungen hat, während uns die Kirchen zuschauten. Und die Passanten auch.
Lass uns die Segel setzen und fahren. Hinaus.
Weit hinaus. Bis dort vorne hin,
wo der Himmel das Meer berührt.
Aber diese Töne, diese Tonreihenfolgen, also, kann man denn so etwas Musik nennen? Überhaupt Musik nennen? Dieses Tonflimmern, diesen Tonteppich, dieses wundervolle Tonchaos, in dem ja jede ordnende Hand fehlt. Von den Orgelpfeifen einmal abgesehen. Die sind aufeinander gestimmt. Eine Tonleiter vielleicht. Aber ob dorisch, lydisch, phrygisch.... ich weiß es wirklich nicht. Hier sitze ich nun auf diesen Stufen, die ins Meer hinunterführen und um mich schweben die Töne und ich schaue weit hinaus, bis dort vorne hin, wo der Himmel das Meer berührt. Bis dort vorne hin, wo sich beides auflöst und etwas Neues beginnt. Etwas unfassbares. Und weites. Unendlich weites. Etwas ganz unverständliches. Transzendentes.
Ob sie vielleicht hier vorbeikommt? Hier an der Meerorgel? Man denkt ja: jeder kommt hier am Abend einmal vorbei. Zum Sonnenuntergang oder auch später, nach dem Essen, oder um einfach nur aufs Meer hinauszuschauen und zu lauschen. Ob sie wohl wusste, wie sehr diese, ihre Worte mich berühren mussten? Wie sehr sie meiner Lage in den letzten beiden Wochen gleichkamen? Ich habe ihr ja davon erzählt. Ein wenig. Vielleicht hat sie es deswegen, auf einem dieser römischen Sarkophage balancierend, betrunken in die Nacht hinausgeschrieen, während uns die Kirchen zugesehen haben und die Passanten auch. Aber es hatte auch etwas mit ihr zu tun. Vielleicht nur mit ihr und durch Zufall auch mit mir. Ob sie wohl hier vorbeikommt? Aber ich muss ja ohnehin warten. Auf den Sonnenuntergang. Den darf man sich nicht entgehen lassen, heißt es. Und ich darf diese Worte nicht vergessen. Sie passen so gut. Zu mir. Und ihr. Und zu gestern Nacht. Falls sie hier vorbeikommt, werde ich sie ausfragen. Woher sie das hat. Und was sie damit meinte.
Lass uns die Segel
Setzen
Und fahren
Hinaus
Weit hinaus bis
Dort
Vorne hin, wo
Der Himmel das Meer berührt
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Ich sitze hier und die Sonne geht unter und Ugljan, die lange, grüne Insel mit dem unaussprechbaren Namen verliert die Konturen im unscharfen Dämmerlicht und zum Glück sind die Beiden weg. Die Beiden. Zwei junge Männer mit Wildlederblousons und modischen Frisuren, wie sie die Fußballspieler heute haben. Die Beiden. Haben die ganze Zeit SMS geschrieben oder empfangen oder wer weiß schon was mit ihren Handtelefonen gemacht, ohne ihre Geräte auf lautlos gestellt zu haben und also drauflos, elektronisch piepsend, quiekend, in den Gesang des Meeres und den Sonnenuntergang, in Beides, in die ganze Szenerie hinein. Alle auf den Stufen haben sie grimmig angestarrt. Die Mädchen, die Mütter, die Pärchen, ja sogar die halbstarken Jungs mit ihrem Bier.
Lass uns die Segel setzen. Ist es das, worauf ich warte? Hinaus. Weit hinaus. Das bin ich schon. Vielleicht sogar schon so weit, dass es nicht mehr weiter hinaus gehen kann. Also sitz ich hier auf diesen hellen Steinstufen und die Sonne fällt ins Wasser, genau da, wo der Himmel das Meer berührt, und die Orgel singt und ich trinke Wein und rauche viel zu viele Zigaretten.
Ob sie wohl hier vorbeikommt?
Gestern Nacht habe ich auch noch hier gesessen, nachdem sie schon lange gegangen war, nachdem sie schwankend auf dem römischen Sarkophag balancierend, in dem sich Müll und Regenwasser angesammelt hat, diese Worte in die Nacht geschrieen hat, nachdem ich allein hier, an der Promenade auf und ab gegangen bin, nachdem ich nicht wusste, was noch ich hätte anfangen können. Mit mir. Und meiner Trunkenheit. Ugljan, die lange, grüne Insel mit dem unaussprechbaren Namen war nur mehr ein schwärzerer Fleck im schwarzen Gewand der Nacht und doch, wie der Himmel über mir, diesem Himmel mit dem ganz schmalen Sichelmond darin und der Milchstraße und dem großen Wagen und Cassiopeia und Tausenden anderen Sonnen und Sternbildern mit Namen oder auch nicht, übersäht mit glitzernden Lichtern, manche allein, einzeln, andere in Ballungen, in Haufen. Sternhaufenlichter. Die Dörfer, Städte und Gehöfte dort drüben.
Gestern Nacht bin ich auch noch hier gewesen. Habe mich durch das zu Boden sickernde Licht der Laternen hierher verlaufen. Ein leichter Wind ging und da war der Gesang des Meeres um mich und das Rauschen des Wassers und das Rascheln der Blätter und dort drüben, auf Ugljan, der langen, grünen Insel mit dem unaussprechbaren Namen wurden nach und nach die Lichter weniger und ich dachte: ob da jetzt wohl auch einer sitzt und lauscht und her herüber sieht, hier herüber zu den Lichtern der Stadt in meinem Rücken? Jemand, der, wie ich, in die Sterne schaut und das Meer riecht und Sehnsucht hat nach etwas... nach irgendetwas?
Hier sitze ich nun und warte und die Sonne ist untergegangen und die Stufen leeren sich langsam wieder und Ugljan, die lange, grüne Insel versinkt in Dunkelheit und die Mücken beginnen zu stechen und ich trinke Wein und rauche und schaue dem letzten Segel nach auf seinem Weg nach ich weiß nicht wo. Hier sitze ich und habe auf nichts mehr zu warten, außer auf sie, und ihre Worte gehen mir wieder im Kopf herum.
Lass uns die Segel
Setzen
Und fahren
Hinaus, weit hinaus
Bis
Dort vorne hin
Wo
Der Himmel
Das Meer
Berührt.



Kommentare
Dein letzter Absatz hat für mich eine solche bildliche Aussagekraft. Es liest sich wie die Wogen des Meeres und kann so wie es ist völlig für sich allein stehen... danke noch für Deine Empfehlung.
13.02.2007, 21:47 von intuitionlg.
Gut, aber ich muss sagen, dass ich nachdem ich das dritte mal gelesen habe, wie sie auf dem römischen Sarkophag balanciert ist, ein bisschen gelangweilt war. vielleicht wäre eine sprachliche Variation angebracht gewesen?
08.02.2007, 18:47 von odradek@ miss-aufziehvogel
07.02.2007, 19:52 von PDK(übrigens den namen wegen murakamis buch?)
unausgegorener... vielleicht, kann ich schwer sagen, aber sicherlich ist der erste teil poetischer. sind zwischenstücke im ganzen text, daher so auch schwierig, aber dank dir, immer erfreut über kritisches feedback ;-)
lg
pdk
@PDK Nein, genau die Wiederholungen machen den Text rund und sauber. Reingewaschen vom Müll in den Sarkophagen. Lese dann mal den ersten Teil. Dieser ist schon sehr schön.
08.02.2007, 18:55 von freddieHmm, den ersten Teil finde ich schöner. Dieser wirkt ein wenig...hmm, unausgegoren? Ich weiß nicht, was das richtige Wort ist, aber der erste Text fühlte sich stimmiger an beim Lesen,war weicher, runder.
07.02.2007, 19:48 von Miss-AufziehvogelUnd: müsste es nicht eigentlich unaussprechlich heißen? Ich bin mir nicht sicher, aber das -bar kommt mir irgendwie nicht richtig vor.
Und der Schlusssatz ist irgendwie...naja, unfertig. Soll es noch weitergehen? Ich würde gerne wissen, wie es weiter geht. Und ich möchte ihn noch ein wenig dort sitzen sehen und mit ihm in die Sterne sehen und einen Moment das Meer riechen, dort, als leiser Beobachter, ein wenig abseits.