Fragment I
[Haller 02 - am Meer - ein Anfang vom Ende]
Wie traurig sie ausgesehen hat, als ich sie gestern zwischen diesem und diesem Geschäft auf der Siroka Ulica traf. Auf der Siroka Ulica in der alten Stadt Zadar, wo sich die Geschäfte und Cafes aneinander reihen, wo sich die Menschen von Morgens früh bis spät in die Nacht miteinander und durcheinander und aneinander vorbei drängen. Es dämmerte und sie stand in der Mitte der Straße und weinte und all die munter schwatzenden Passanten umspülten sie, wie das Meer einen einsamen Felsen, der seinen einstigen Zusammenhang mit dem Festland schon seit ich weiß nicht wie langer Zeit vergessen hatte. Wie verloren sie aussah, als ich sie gestern dort auf dieser breiten Straße, in der das Leben pulst, zwischen diesem und diesem Geschäft zum ersten Mal traf. Die Laternen gingen gerade an und malten Schatten auf ihr tränenfeuchtes Gesicht. Niemand beachtete sie, die unbewegt zwischen dem Gelächter und dem Geplapper der vielleicht Glücklicheren, vielleicht auch einfach nur Unverständigeren stand, die sich um sie herum in die und die Richtung ergossen. Wie eine Fremde kam sie einem vor. Wie eine Fremde, die jemand hier, auf dieser belebten Straße, in dieser Stadt, in diesem Land ausgesetzt hatte.
Wie verloren sie zwischen all diesen Gesichtern aussah, die zwischen diesem und diesem Geschäft an ihr vorbeibrandeten, wie an einem einsamen Felsen, einem, der weit vor der Küste liegt und schon lange jede Erinnerung an das Festland verloren hat, zu dem er einstmals gehörte.
Lass uns die
Segel setzen
Und
Fahren. Hinaus.
Weit hinaus.
Bis dort
Vorne hin, wo
Der Himmel
Das Meer berührt.
Sehr viel später hat sie das zu mir, zu sich, zur Welt oder vielleicht auch zu Allen gesagt, die es denn hören wollten. Ja. Zu Allen. Das könnte sein. Aber auch zu mir und unseren wenigen Stunden, in denen wir unsere Einsamkeiten teilten. Aber meine Geschichte muss vom Anfang her erzählt werden, denn hier, in diesem fremden Land, in dieser fremden Stadt, wo ich die Sprache nicht verstehe und in der ich sie gestern weinend im Dämmerlicht getroffen habe, als die Laternen gerade angingen und Schatten auf ihr Gesicht malten, gestern, als sie zwischen all den glücklicheren Menschen, die sie zwischen diesem und diesem Geschäft umspülten, so ganz verloren wirkte, wie ein Felsen weit draußen auf See, an dem Tag und Nacht, Welle für Welle das Wasser nagt, bis er eines Tages verschwunden sein wird und sich niemand mehr an ihn erinnert, gestern, nach dem vielen Wein und dem schwarzen Risotte, nach ihren Worten, die sie für mich oder sich oder alle, die sie eben hören wollten, in die Nacht geschrieen hat, gestern hat vielleicht schon etwas Neues begonnen.
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Wie traurig sie ausgesehen hat, als ich sie gestern auf der Siroka Ulica zwischen diesem und diesem Geschäft das erste Mal traf, wie sie da still im Dämmerlicht gestanden hat, als die Laternen angingen und Schatten auf ihr tränenfeuchtes Gesicht malten. Was ich von ihr weiß? So gut wie nichts. Ihr Anblick im Dämmerlicht, weinend, zwischen den Menschen still verharrend wie ein einsamer Felsen, den das Meer umtost und der doch fallen muss, wenn seine Zeit gekommen ist und dessen man sich dann vielleicht nur noch in einem halbvergessenen Lied erinnert. In einem Lied, dass von einem alten Felsen weit draußen auf See berichtet, der schon solange jegliche Erinnerung an das Festland verloren hat, zu dem doch auch er einmal gehörte. Was ich von ihr weiß? Ihren Namen und ihr Lachen und dass sie gern Rotwein trinkt und schwarzes Risotto liebt, von dem man tintenschwarze Zähne bekommt.
Lass uns die Segel setzen und
Fahren.
Hinaus! Weit hinaus! Bis dort vorne hin,
Wo der Himmel das Meer
Berührt.
Wie verloren sie ausgesehen hat in ihrem dünnen, schwarzen Sommerkleid, dass ihr bis knapp über die Knie fiel. Wie traurig sie ausgesehen hat mit den Schatten, die das Laternenlicht auf ihr Gesicht malte. Wie ein einsamer Felsen, an dem die Wellen nagen und der vielleicht schon nicht mehr viel Zeit hat, bis er endgültig im Meer versinken muss, stand sie da zwischen diesem und diesem Geschäft, zwischen all den Menschen, wie ein einsamer Felsen, an den man sich schon nur noch in einem alten Fischerlied erinnert, dass vielleicht von den Chören der kleinen Dörfer in jener Gegend dann und wann noch einmal gesungen wird. Und vielleicht sah sie gerade in jenem Moment am schönsten aus.
Wieso ich sie in den Arm genommen habe? Ich weiß es nicht. Vielleicht war es ihre Verlorenheit, die sie und mich zusammenbrachte, bis sie in der Nacht verschwand, nachdem sie mir noch dies Lied gesungen hat. Um mich zu trösten. Um sich zu trösten. Um unser beider Verlorenheit neue Hoffnung einzuhauchen. Oder auch nur, weil ihr gerade danach war, nach dem vielen Wein und dem schwarzen Risotto und ihrem breiten Lachen mit tintenschwarz gefärbten Zähnen.
Lass uns die Segel setzen
Und fahren
Hinaus
Weit hinaus
Bis dort vorne hin
Wo der Himmel das Meer
Berührt
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Hier sitze ich nun auf diesen Stufen aus hellem Stein, die zum Wasser hinunterführen und schaue aufs Meer hinaus und hinter mir liegt die alte Stadt mit ihrer langen Promenade und der Hafen mit den Fähren, die hinüberfahren zu der langen, grünen Insel mit dem unaussprechlichen Namen Ugljan oder weiter, die Küste hoch oder runter, oder hinaus, aufs offene Meer, und hinüber nach Italien. Hier auf diesen hellen Steinstufen an der Promenade sitze ich jetzt und schaue aufs Meer und erzähle mir und Dir und allen, die es eben hören wollen, diese meine Geschichte und mir gehen ihre Worte nicht mehr aus dem Kopf.
Lass uns die Segel setzen
Und fahren
Hinaus
Weit hinaus
Bis dort vorne hin
Wo
Der Himmel
Das Meer
Berührt
Ja. So hat sie es gesagt. Letzte Nacht. Nein. So hat sie es berauscht in die Dunkelheit gesungen, hat es schwankend, auf einem dieser römischen Sarkophage stehend, in die Nacht hinausgeschrieen. Auf dem Platz, wo früher einmal das Forum gewesen ist, an das auch noch andere Relikte erinnern. Teile umgestürzter Säulen, Mauerreste, Kapitelle, in Stein geschnittene Masken. Auf das Forum hat sie es hinausgeschrieen, um das sich heute die Kirchen lagern und das Archäologische Museum und die fliegenden Händler, die Dies und Das und Jenes an die wenigen letzte Touristen zu verkaufen hoffen.
Und ich sitze hier auf diesen Stufen und vor mir liegt das Meer und Ugljan, die lange, grüne Insel mit dem unaussprechlichen Namen und um mich schweben Töne aus der Meerorgel. Ein ganz ungewöhnliches Ding diese Meerorgel. Einzigartig. Es gibt sie nur hier. Hier in Zadar. Es ist sozusagen ein Prototyp. Hier unter mir irgendwo, unter diesen Stufen, befindet sich ein mit Luft gefüllter Hohlraum, in den das Meer Welle für Welle hineinschwappt und die Luft verdrängt, die dann durch eine Reihe unterschiedlich gestimmter... Orgelpfeifen, ja, es werden wohl Orgelpfeifen sein, also, die durch eine Reihe unterschiedlich gestimmter Orgelpfeifen entweicht. Ganz zufällig durch welche. Hier ein Ton. Dort ein Ton. Längere, kürzere, plötzlich einer direkt unter, neben, hinter mir. So laut, dass man sich erst einmal erschrickt.



Kommentare
Also, ich gebe Miss- Aufziehvogel recht. Der Haller ist zu steppenwölfisch, aber deine Schreibe ist richtig gut und ich habe den zweiten Teil zuerst gelesen und fand ihn besser! :-) So kanns gehen wenn man fleddert, aber es wird ein Roman, oder?
08.02.2007, 19:02 von freddieantworten geht irgendwie nicht...
07.02.2007, 19:39 von PDKist ein teil aus einem langen text, sind schnipsel...
und steppenwolf... fürchte ich habe es mit sechzehn gelesen und erinnere mich nicht mehr, passt aber dann (im ganzen gesehen, was ich hier aber nicht reinstellen kann) ganz gut zum protagonisten...
schöne kritik übrigens. das freut mich sehr (mehr als lobhudelei, davon kann ich nicht nachdenken)
lg
pdk
Vorneweg: Ich habe Teil zwei noch nicht gelesen. Ich möchte erst die Gedanken aufschreiben, bevor sie weg sind.
07.02.2007, 19:35 von Miss-AufziehvogelZuerst: wunderschön. Ich mag deinen Stil, die Bilder, die du malst, den leisen Ton, die Sanftheit der Worte.
Aber, zum Untertitel: Haller am Meer? Ist das nicht zu steppenwölfisch? Ich sehe Harry Haller vor mir, den Einsamen, den Wolf, und er will nicht recht passen in das Bild, dass du zeichnest.
Insbesondere, das stört mich auch ganz abgesehen von dem Charakter, den ich mit dem Namen Haller verbinde, der Moment, als er sie in den Arm nimmt. Sie ist so unnahbar, so fern, so traumverwoben, kaum real. Und dann diese Umarmung. Das ist, finde ich zuviel Nähe, zu plötzlich, stört mich in ihrem Bild. Und stört mich eben auch mit dem Steppenwolf im Hinterkopf, mit Harry Haller, der so gar nicht passen will zu einer solch impulsiven Geste, so schneller Emotion.
Und der Satz "Was ich von ihr weiß? So gut wie nichts" stört mich in der Melodie des Textes, ist zu pragmatisch in diesem Traumbild, dieser schweifenden Ferne. Zu kalt.
Und doch: Wunderschön. Ich freue mich darauf, gleich Teil 2 zu lesen. Es sollte mehr solche Texte geben.
Liebe Grüße