fleisch & blut
eine kleine geschichte aus dem keller der experimentierkammer.
blut 1
grau dämmert ihr bewußtsein, dringt langsam und träge durch schwarzes vergessen.
blut
füllt ihren mund. ein ölstinkender lappen ist unbeholfen um ihr
geschwollenes gesicht gewunden. während sie stöhnend den schmerz
beiseite drängt, ertastet ihre zunge eine platzwunde unter der lippe und
zwei lockere zähne.
was für
eine scheiße. das ist falsch. grundfalsch. irgendetwas ist
schiefgegangen. gegen den dumpf hämmernden gongschlag in ihrem kopf
kämpfend, sucht sie eine erinnerung:
sie ging nocheinmal zurück zur tür. kontrollierte schloß und klinke.
‚gott
sieht noch das letzte vergessene sackhaar’, pflegte der alte
riemenschneider grinsend zu sagen, ‚und das geschäft des teufels ist es,
für vergessene sackhaare zu sorgen. also sei gründlich. sonst haben sie
dich schneller bei den eiern, als du abspritzen kannst.’
obwohl
ihr die schwanzweisheiten des zahnlosen messerschwingers gehörig auf
die nerven gingen, hatte sie sich eine penible gründlichkeit angewöhnt.
ausnahmslos. was übersah sie dieses mal? sie war auf dem rückweg zum
auto. dann nichts mehr. licht aus. verdammt.
ihr
puls rauscht in den ohren wie ein reißender fluß. unter ihr harter
boden. beton. sie liegt auf dem bauch. die hände sind mit einem
lächerlichen strick über kreuz gebunden. etwas wesentlich stabileres
hält füße und oberschenkel zusammen. vermutlich zwei gürtel. toll. wer
zum henker könnte es auf sie abgesehen haben? dieser elende kopfschmerz
macht das denken zur qual. vorsichtig bewegt sie kiefer und handgelenke,
streckt und beugt langsam die finger. alles ganz. wenigstens das.
fleisch 1
gutes
fleisch. ja. weich. duftet sogar. sehr gutes fleisch. wurde auch zeit.
lange nichts neues mehr gehabt. war ganz leicht. lief so herum.
sorglos. das hübsche ding. mit dem holz eins vor den kopf. kirsche.
kirschholz ist so schön. fertig.
hab
sie jetzt. krieg sie ja alle. ach, alle. muss sie mal zählen. später.
nicht jetzt. der hunger macht immer so seltsam. er lenkt ab. ja.
hunger ist nicht gut. zieht zwischen den beinen. und im bauch. und im
kopf. zieht überall. hunger ist schlecht. hat viel zu lang gedauert.
aber
jetzt ist es vorbei. jetzt ist neues fleisch da. mal sehen. macht
bestimmt spaß. macht immer irgendwie spaß. viel zu kurz. aber spaß.
blut 2
irgendwo
rechts von ihr quietscht eine tür. schlurfende schritte. tief unter dem
schmerz erwacht etwas neues. angst. es gibt keine erinnerung mehr. als
wäre sie vor eine wand gefahren. sie hat nicht die geringste
vorstellung, wie viel zeit vergangen ist, wo sie sich befindet, wessen
schritte sich nähern. keine kontrolle. unwillkürlich zittert sie. in
kleinen wellen breitet es sich aus; beginnt im bauch und erfasst in
unbeirrt chaotischem zucken arme und beine. die angst lacht ihr
zynisches lachen und schüttelt ihren körper zu unbekannten melodien. was
für ein tanz.
fleisch 2
da.
ist alles noch da. das süße ding. wo soll es auch hin. hm. mal sehen.
ist gut so. fasst sich gut an. will es kosten. ist meins. ja. muss mich
aber erst ausziehen.
blut 3
das
ist ein kerl. eindeutig. er muss ziemlich kräftig sein. große,
ungeschlachte hände fahren grob über ihren körper. was tun? was nur? für
einen augenblick driftet sie über die grenze zur panik, gibt sich dem
angstzittern hin und würgt unter dem drecklappen ein schluchzen hervor.
der typ quittiert es mit einem freudigen grunzen.
in
diesem augenblick fängt sie sich. arschloch. wut ist auch ein weg.
selbst für den letzten gang. unter dem ölgestank dieses widerlichen
mistlappens wittert sie plötzlich riemenschneiders mundgeruch aus einem
schwarzen abgrund, direkt aus dem jenseits der mistkerle. sie sieht sein
schiefes grinsen. hört ihn nuscheln:
‚du
bist die beste, kleines. keine frage. aber auch die besten gehen
manchmal kurze wege. hab keine angst, niemals. vertrau nie einem
menschen, doch immer dem stahl. he. hörst du, kleines?’
ja. sie hört. und spürt plötzlich voller erleichterung den vertrauten
druck an ihrem rechten unterarm. der bastard hat sie nicht durchsucht.
er hat das kleine lederholster übersehen.
„dreh
mich um, arschloch!“, stößt sie unter dem lappen hervor und spuckt
dabei einen schwall blut in den dreckigen stoff. soweit es geht bäumt
sie sich auf und zerrt an den fesseln.
fleisch 3
sagt
dreh mich um. will umgedreht werden. hm. mal sehen. die anderen haben
geplärrt. haben nie arschloch gesagt. rumgeheult und geschrien. niemals
arschloch gesagt. werd ganz groß von wut und arschloch. ja. werd sie
mal umdrehn. so groß. wußte, das es spaß machen würde. will sie sehen
dabei.
blut 4
er
dreht sie tatsächlich herum. gibt es ein besseres gefühl, als die
kontrolle zurückzugewinnen? kalter zorn steigt in ihr auf, drängt
schmerz und angst zurück. die grobe hand wickelt den lappen von ihrem
gesicht. über sie gebeugt steht ein schwitzender mann. nackt und
unübersehbar erregt. schweiß und haare. mehr muskeln als fett. grund
genug, vorsichtig zu sein.
er
spuckt sich in die linke hand, greift sie mit rechts am schlafittchen
wie eine puppe und reibt ihr den sabber durch das gesicht. seufzt dabei.
hebt ihren oberkörper. genau so, mistkerl, denkt sie. ein bisschen
höher noch. sie stöhnt angewidert.
dann
lastet kein körpergewicht mehr auf ihren armen. eine schnelle bewegung
gibt den inhalt des unterarmholsters frei. ihre hände sind geübt,
selbst jetzt. fangen, drehen, öffnen. vertrau immer dem stahl. als sie
die handgelenkfesseln durchtrennt, schneidet sie tief in ihren
handballen. doch ihre augen leuchten. selbst arschloch bemerkt das.
leise fragt sie:
„und jetzt? “.
verblüfft lässt er sie los und stammelt:
„mal sehn“.
ihr rechter arm beschreibt blitzschnell einen halbkreis vom betonboden hin zu seinem unrasierten hals.
fleisch 4
fragt
mich. noch nie hat eine mich gefragt. weiß nichts zu sagen. mal sehn.
macht keinen spaß mehr. war ein fehler. falsches fleisch. hätte sie
dortlassen sollen. hat einen kleinen blitz in der hand. schnelle hand.
war ein fehler. ein fehler. blut überall. mein blut.
blut 5
riemenschneiders
rasiermesser. die stählerne seele des zahnlosen. guter alter mann. ob
er sie jetzt sehen kann? ob er ein wenig stolz ist?
noch
in der aufwärtsbewegung rollt sie sich zur seite und spürt den schweren
körper hinter sich auf den beton schlagen. über die schulter schaut sie
zurück. röchelnd liegt arschloch auf der seite und presst die hände
gegen den hals. wird ihm nichts nützen. sie setzt sich auf und
betrachtet ihre beinfesseln. gürtel, tatsächlich. kein hindernis. nicht
mehr.
als sie sich befreit hat,
dreht sie sich zu arschloch um. weiß und haarig liegt er in einer
schimmernden lache dicken blutes. typisch kerl. saufen andauernd rum,
aber trinken nie genug.
sie
atmet tief durch und spuckt frustriert aus. jetzt muss sie sich um zwei
leichen kümmern. der typ in ihrem auto stinkt wahrscheinlich schon. Und
dabei weiß sie noch nichteinmal, in was für einem loch sie hier gefangen
ist. seit riemenschneider hinüber ist, hängt jeder scheiß an ihr. es
wird wirklich zeit, das sie einen neuen partner für die jagd findet.
nachdenklich betrachtet sie das rasiermesser.
Tags: Robert, Suydam






Kommentare
Richtig gut, ich war gefesselt.
01.06.2012, 09:41 von LunasolHa.
Wow! Das ist richtig richtig gut!
01.06.2012, 08:18 von Die.sass.daWarst du in Kreuzberg im S/M Studio Zuschauer?
31.05.2012, 19:15 von zehnmomente:D
Meine Güte!
Beide Sichtweisen vermutlich total treffend beschrieben. Du hast gekonnt gezeigt, dass Unterwürfigkeit auch Macht sein kann/ist.....
Diese Szenerie schickte mich gedanklich weit über meine vor mir liegenden Shibari-Lernstunden hinaus. Und vor dem bisschen Fesseln hab ich schon Respekt....Ich sollte mir ein Messerchen irgendwo hinmachen;)
na ja, unterwürfig ist die dame nicht gerade.
31.05.2012, 23:57 von robert_suydamdas allerdings eine unterlegene position nicht unbedingt eine ohnmächtige position sein (oder bleiben) muss, das hat sie vermutlich bewiesen ;-)
was du alles so treibst ... shibari und messerchen ... herr s. hat nur sushi-erfahrung.
Ich hatte schon 08/15-Psychokiller-Bullshit befürchtet. Er ist es aber zum Glück nicht geblieben. Herrlich.
29.05.2012, 12:07 von wordmage"nicht geblieben" - ... na gott sei dank :-D
29.05.2012, 16:03 von robert_suydam