robert_suydam 28.05.2012, 22:41 Uhr 6 5

fleisch & blut

eine kleine geschichte aus dem keller der experimentierkammer.






blut 1

grau dämmert ihr bewußtsein, dringt langsam und träge durch schwarzes vergessen.
blut füllt ihren mund. ein ölstinkender lappen ist unbeholfen um ihr geschwollenes gesicht gewunden. während sie stöhnend den schmerz beiseite drängt, ertastet ihre zunge eine platzwunde unter der lippe und zwei lockere zähne.
was für eine scheiße. das ist falsch. grundfalsch. irgendetwas ist schiefgegangen. gegen den dumpf hämmernden gongschlag in ihrem kopf kämpfend, sucht sie eine erinnerung:
sie ging nocheinmal zurück zur tür. kontrollierte schloß und klinke.
‚gott sieht noch das letzte vergessene sackhaar’, pflegte der alte riemenschneider grinsend zu sagen, ‚und das geschäft des teufels ist es, für vergessene sackhaare zu sorgen. also sei gründlich. sonst haben sie dich schneller bei den eiern, als du abspritzen kannst.’
obwohl ihr die schwanzweisheiten des zahnlosen messerschwingers gehörig auf die nerven gingen, hatte sie sich eine penible gründlichkeit angewöhnt. ausnahmslos. was übersah sie dieses mal? sie war auf dem rückweg zum auto. dann nichts mehr. licht aus. verdammt.

ihr puls rauscht in den ohren wie ein reißender fluß. unter ihr harter boden. beton. sie liegt auf dem bauch. die hände sind mit einem lächerlichen strick über kreuz gebunden. etwas wesentlich stabileres hält füße und oberschenkel zusammen. vermutlich zwei gürtel. toll. wer zum henker könnte es auf sie abgesehen haben? dieser elende kopfschmerz macht das denken zur qual. vorsichtig bewegt sie kiefer und handgelenke, streckt und beugt langsam die finger. alles ganz. wenigstens das.

fleisch 1

gutes fleisch. ja. weich. duftet sogar. sehr gutes fleisch. wurde auch zeit. lange nichts neues mehr gehabt. war ganz leicht. lief so herum. sorglos. das hübsche ding. mit dem holz eins vor den kopf. kirsche. kirschholz ist so schön. fertig.
hab sie jetzt. krieg sie ja alle. ach, alle. muss sie mal zählen. später. nicht jetzt. der hunger macht immer so seltsam. er lenkt ab. ja. hunger ist nicht gut. zieht zwischen den beinen. und im bauch. und im kopf. zieht überall. hunger ist schlecht. hat viel zu lang gedauert.
aber jetzt ist es vorbei. jetzt ist neues fleisch da. mal sehen. macht bestimmt spaß. macht immer irgendwie spaß. viel zu kurz. aber spaß.

blut 2

irgendwo rechts von ihr quietscht eine tür. schlurfende schritte. tief unter dem schmerz erwacht etwas neues. angst. es gibt keine erinnerung mehr. als wäre sie vor eine wand gefahren. sie hat nicht die geringste vorstellung, wie viel zeit vergangen ist, wo sie sich befindet, wessen schritte sich nähern. keine kontrolle. unwillkürlich zittert sie. in kleinen wellen breitet es sich aus; beginnt im bauch und erfasst in unbeirrt chaotischem zucken arme und beine. die angst lacht ihr zynisches lachen und schüttelt ihren körper zu unbekannten melodien. was für ein tanz.

fleisch 2

da. ist alles noch da. das süße ding. wo soll es auch hin. hm. mal sehen. ist gut so. fasst sich gut an. will es kosten. ist meins. ja. muss mich aber erst ausziehen.

blut 3

das ist ein kerl. eindeutig. er muss ziemlich kräftig sein. große, ungeschlachte hände fahren grob über ihren körper. was tun? was nur? für einen augenblick driftet sie über die grenze zur panik, gibt sich dem angstzittern hin und würgt unter dem drecklappen ein schluchzen hervor. der typ quittiert es mit einem freudigen grunzen.
in diesem augenblick fängt sie sich. arschloch. wut ist auch ein weg. selbst für den letzten gang. unter dem ölgestank dieses widerlichen mistlappens wittert sie plötzlich riemenschneiders mundgeruch aus einem schwarzen abgrund, direkt aus dem jenseits der mistkerle. sie sieht sein schiefes grinsen. hört ihn nuscheln:
‚du bist die beste, kleines. keine frage. aber auch die besten gehen manchmal kurze wege. hab keine angst, niemals. vertrau nie einem menschen, doch immer dem stahl. he. hörst du, kleines?’
ja. sie hört. und spürt plötzlich voller erleichterung den vertrauten druck an ihrem rechten unterarm. der bastard hat sie nicht durchsucht. er hat das kleine lederholster übersehen.
„dreh mich um, arschloch!“, stößt sie unter dem lappen hervor und spuckt dabei einen schwall blut in den dreckigen stoff. soweit es geht bäumt sie sich auf und zerrt an den fesseln.

fleisch 3

sagt dreh mich um. will umgedreht werden. hm. mal sehen. die anderen haben geplärrt. haben nie arschloch gesagt. rumgeheult und geschrien. niemals arschloch gesagt. werd ganz groß von wut und arschloch. ja. werd sie mal umdrehn. so groß. wußte, das es spaß machen würde. will sie sehen dabei.

blut 4

er dreht sie tatsächlich herum. gibt es ein besseres gefühl, als die kontrolle zurückzugewinnen? kalter zorn steigt in ihr auf, drängt schmerz und angst zurück. die grobe hand wickelt den lappen von ihrem gesicht. über sie gebeugt steht ein schwitzender mann. nackt und unübersehbar erregt. schweiß und haare. mehr muskeln als fett. grund genug, vorsichtig zu sein.
er spuckt sich in die linke hand, greift sie mit rechts am schlafittchen wie eine puppe und reibt ihr den sabber durch das gesicht. seufzt dabei. hebt ihren oberkörper. genau so, mistkerl, denkt sie. ein bisschen höher noch. sie stöhnt angewidert.
dann lastet kein körpergewicht mehr auf ihren armen. eine schnelle bewegung gibt den inhalt des unterarmholsters frei. ihre hände sind geübt, selbst jetzt. fangen, drehen, öffnen. vertrau immer dem stahl. als sie die handgelenkfesseln durchtrennt, schneidet sie tief in ihren handballen. doch ihre augen leuchten. selbst arschloch bemerkt das.
leise fragt sie:
„und jetzt? “.
verblüfft lässt er sie los und stammelt:
„mal sehn“.
ihr rechter arm beschreibt blitzschnell einen halbkreis vom betonboden hin zu seinem unrasierten hals.

fleisch 4

fragt mich. noch nie hat eine mich gefragt. weiß nichts zu sagen. mal sehn. macht keinen spaß mehr. war ein fehler. falsches fleisch. hätte sie dortlassen sollen. hat einen kleinen blitz in der hand. schnelle hand. war ein fehler. ein fehler. blut überall. mein blut.

blut 5

riemenschneiders rasiermesser. die stählerne seele des zahnlosen. guter alter mann. ob er sie jetzt sehen kann? ob er ein wenig stolz ist?
noch in der aufwärtsbewegung rollt sie sich zur seite und spürt den schweren körper hinter sich auf den beton schlagen. über die schulter schaut sie zurück. röchelnd liegt arschloch auf der seite und presst die hände gegen den hals. wird ihm nichts nützen. sie setzt sich auf und betrachtet ihre beinfesseln. gürtel, tatsächlich. kein hindernis. nicht mehr.
als sie sich befreit hat, dreht sie sich zu arschloch um. weiß und haarig liegt er in einer schimmernden lache dicken blutes. typisch kerl. saufen andauernd rum, aber trinken nie genug.
sie atmet tief durch und spuckt frustriert aus. jetzt muss sie sich um zwei leichen kümmern. der typ in ihrem auto stinkt wahrscheinlich schon. Und dabei weiß sie noch nichteinmal, in was für einem loch sie hier gefangen ist. seit riemenschneider hinüber ist, hängt jeder scheiß an ihr. es wird wirklich zeit, das sie einen neuen partner für die jagd findet.

nachdenklich betrachtet sie das rasiermesser.







Tags: Robert, Suydam
5

Diesen Text mochten auch

6 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Richtig gut, ich war gefesselt.
    Ha.

    01.06.2012, 09:41 von Lunasol
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Wow! Das ist richtig richtig gut!

    01.06.2012, 08:18 von Die.sass.da
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Warst du in Kreuzberg im S/M Studio Zuschauer?
    :D

    Meine Güte!
    Beide Sichtweisen vermutlich total treffend beschrieben. Du hast gekonnt gezeigt, dass Unterwürfigkeit auch Macht sein kann/ist.....

    Diese Szenerie schickte mich gedanklich weit über meine vor mir liegenden Shibari-Lernstunden hinaus. Und vor dem bisschen Fesseln hab ich schon Respekt....Ich sollte mir ein Messerchen irgendwo hinmachen;)

    31.05.2012, 19:15 von zehnmomente
    • 0

      na ja, unterwürfig ist die dame nicht gerade.

      das allerdings eine unterlegene position nicht unbedingt eine ohnmächtige position sein (oder bleiben) muss, das hat sie vermutlich bewiesen  ;-)

      was du alles so treibst ... shibari und messerchen ... herr s. hat nur sushi-erfahrung.

      31.05.2012, 23:57 von robert_suydam
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich hatte schon 08/15-Psychokiller-Bullshit befürchtet. Er ist es aber zum Glück nicht geblieben. Herrlich.

    29.05.2012, 12:07 von wordmage
    • 0

      "nicht geblieben" -  ... na gott sei dank  :-D

      29.05.2012, 16:03 von robert_suydam
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android