Alceste 29.06.2012, 00:38 Uhr 0 0

Fetzen und Fragmente - #18 Reiche Ohnmacht oder: Geiselnahme

Der disziplinierte Denker Kreiser als Geisel.

...und ich dachte noch: "Reiche Ohnmacht" als Kreiser mir weismachen wollte, dass ein disziplinierter Denker wie er nicht daran denke, an sie zu denken, sich diesem Gedanken an sie auszuliefern gar nicht wage, diesem Gedanken an diese junge Frau, diese wunderschöne junge Frau, wie er ergänzen musste und immerzu wiederholte: diese wunderschöne, zauberschöne, ihn ins Staunen versetzende, junge Frau, diese auf allen nur erdenk- und erfahrbaren Ebenen ihn völlig überraschende, ihn völlig überwältigende, ihn durch ihr bloßes So-sein und ihre nahezu unglaubwürdige Schönheit verohnmächtigende Frau, ja, er denke nicht im Traum daran, an sie denken, an sie und ihre nahezu magische Fähigkeit, Bereicherndes heraufzubeschwören, an sie und ihren poetisch-zärtlichen Blick auf die Welt, an sie und das geteilte Verstehen mit ihr, das wäre ja noch schöner, wenn ich an sie und ihre körperlichen und geistigen Rührungen und Berührungen dächte, das wäre ja noch schöner, so Kreiser, da könne er sich ja gleich von ihr faszinieren lassen, sich von ihr in eine völlig irrationale Laufbahn schießen lassen, sich in einem, ja, in dem einzigen Gedanken an sie in sich verfangen, und dann wie ein desorientierter Deppdödel um sich selbst drehen, aber nicht mit einem so disziplinierten Denker wie ihm, nicht mit mir!, so Kreiser, da stehe ich drüber, so Kreiser, davon, und damit meine ich ihre an Unverschämtheit grenzende Art, mich dermaßen maßlos zu bereichern und ihre an Impertinenz grenzende Weise, mir unentbehrlich zu werden, eben davon lasse ich mich nicht beeinflussen, so Kreiser, ich meine, da besucht man einen Menschen und plötzlich suchen einen pausenlos Gedanken an diesen Menschen heim, das kann ja so nicht sein, dem könnte ich ja nicht im Mindesten widerstehen, wenn es so wäre, so Kreiser, ich wäre ein Gedankensklave und meinem An-sie-Denken hilf- und widerstandslos ausgeliefert, wenn es so wäre, aber so ist es ja nicht, so ist es ja glücklicherweise nicht!, ich denke ja nicht pausenlos an sie, so Kreiser, auch wenn es möglich wäre, pausenlos an sie zu denken, aber das wäre nicht klug, das wäre vor allem nicht vernünftig, möglich ja, vernünftig nein, so Kreiser, man muss eben diszipliniert denken, ausgewogen denken, an dies und jenes denken, alles in Bezug zueinander denken, in Zusammenhängen denken, alles zusammen denken und nicht immer an eine Person denken, nur an eine Person, eher doch an zwei Personen, an zwei Personen zusammen und nicht nur an eine Person, selbst wenn es an dieser Person soviel Denkwürdiges gibt, selbst wenn es in und an dieser Person Welten an Denkwürdigkeiten gäbe, selbst wenn!, aber darum kann es nicht gehen, dieser Gedankengang verbietet sich, so eine gedankliche Geiselnahme wäre doch unerhört, ich lasse mich eben nicht als Geisel nehmen, so Kreiser, ich denke - wenn überhaupt! - vielleicht hier und da einmal ganz kurz an sie, ich denke vielleicht sporadisch an sie, wenn überhaupt!, wenn überhaupt, dann wohl dosiert, in wohl dosierten Denkportionen, wohl diszipliniert in wohl dosierten Denkportionen, das ist nur eine Frage der Denkdisziplin und wenn sie gedacht hätte, dass er..., da würde sie sich täuschen, denkste!, wenn sie denken würde, dass ich, so Kreiser, pausenlos an sie dächte: dann hat sie falsch gedacht!, ich denke, wenn überhaupt, mit Pausen an sie, schon gar nicht pausenlos, ich habe heute beispielsweise ganz einfach einen Kaffee getrunken, ohne auch nur im geringsten an sie zu denken, so Kreiser, ich habe ganz einfach nicht daran gedacht, wie wir gemeinsam frühstückten und diesen unverschämt leckeren Hochlandkaffee gelüpft haben, diesen Gedanken, so Kreiser, habe ich einfach nicht gedacht, und als ich heute in diesem Lied abgetaucht bin, da habe ich nicht im entferntesten an sie denken müssen und wie wir gemeinsam in die Musik und durch diese und mit dieser in uns ein- und abgetaucht sind, diesen Gedanken, so Kreiser, habe ich einfach nicht gedacht, und später, als ich mich mit diesen und jenen Menschen getroffen und unterhalten habe, da habe ich in keinster Weise an sie oder ihre Stimme oder ihre Worte oder ihre Augen oder ihre Lippen gedacht, diese Gedanken habe ich allesamt nicht gedacht, und selbst wenn ich sie gedacht hätte, so habe ich sie nicht ausgesprochen: niemand kann beweisen, dass ich an sie gedacht habe, wenn ich diesen Gedanken nicht ausdenke und ausspreche, so Kreiser, und wenn sie, diese ihn in Staunen und Ohnmacht versetzende, wunderschöne junge Frau denke, er würde an sie denken und von ihr sprechen, dann würde sie sich gründlich täuschen, denn das wäre ganz einfach nicht der Fall, ganz einfach, so Kreiser, es sei für einen disziplinierten Denker wie ihn ganz einfach, einen für das eigene, zielgerichtete Denken so gefährlichen Menschen zeitweise auszublenden, sich das Denken an diesen Menschen zu versagen, sich von diesem Denken abzulenken, das wäre, so Kreiser, eigentlich ganz einfach, eigentlich wäre das ganz einfach, so Kreiser, aber diese unverschämte, in allem an diese wunderschöne junge Frau erinnernde Objektwelt bedränge ihn zunehmend, sie dränge sich auf und in sein Bewusstsein hinein und bringe dort alles durcheinander, räume alles aus, ein und um, bis diese, sein Denken einspurig machende, ihn in allem verohnmächtigende, weil gänzlich faszinierende und durchströmende junge Frau und alles, was an sie erinnert, was alles ist, mitten in seinem Denken ist, inmitten seines Denkens und Handelns und Seins ist, was er sich aber nicht ausgesucht habe, das habe ich mir nicht ausgesucht, so Kreiser, es ist ja nicht so, dass ich an sie denken würde, es ist ja viel mehr, es ist ja vielmehr so, dass es in mir immerzu an sie denkt, es ist ein latentes, immerzu hervor- und auszubrechen drohendes, ein eskalierendes An-sie-Denken, völlig unverschuldet meinerseits, völlig unverschuldet, wie ich ergänzen möchte, so Kreiser, denkt es immerzu in mir fort, zu ihr, zu dieser wunderschönen jungen Frau und ich kann mich beizeiten dieses Denkens an sie nicht erwehren, was, so Kreiser ergänzend, meines Erachtens eine unerhörte Unverschämtheit ist und an eine Geiselnahme grenzt, mit der er, so Kreiser, aber eigentlich ganz einfach leben könne, weil er ja zumindest hin und wieder einmal, während er natürlich nicht an sie dächte, auch mal an etwas anderes denken würde, woraufhin ich nur dachte: "Reiche Ohnmacht".

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