Alceste 24.05.2012, 02:03 Uhr 0 3

Fetzen und Fragmente - #16 Polarstern

Vischer hat sich aufgehängt.

...und ich dachte noch: "Gib dich frei, Vischer" als Vischer vor mir ausbreitete, dass er mit seinem Denken an dieser einen Person hänge, nur an dieser einen Polarsternperson, wie er mit seinem auszuleiern drohenden Denken nicht von ihr los komme, wie er mit seinem Denken um sie kreise und wie unverschämt das sei, wie unverschämt von ihr, mich so einzuschränken, mich so zu paralysieren, mich so zu blenden, wie unverschämt von mir, so Vischer, wie unverschämt gegenüber allen anderen bedenkenswerten Personen, wie egoistisch er doch sein könne, wie egozentrisch, wie egoman, wie er sich nur im Bezug auf sie denke und mit seinem auf sie gerichteten Denken alles andere abwerte, es schlichtweg in temporäre Nichtexistenz überführe, als gäbe es alles andere nicht, als wäre alles andere nicht denkwürdig, nicht wichtig, sie am Himmel, und alles andere darunter: die Millionen Hungernden, die Millionen Aidsopfer, die Millionen Kriegsopfer, die Millionen all derer Menschen, die von einem ethischen und annähernd objektiven Standpunkt aus doch viel eher bedenkenswert erscheinen sollten, all die existieren in diesem Moment ja nicht, kein Gedanke an sie, kein einziger Gedanke an die Milliarden Menschen, denen es schlechter geht, die leidzerfressen nur hoffen, ein Morgen erleben zu dürfen, die vielleicht kein Morgen zu erhoffen wagen, und was ist ein Mensch ohne diese Hoffnung!, ja, kein einziger Gedanke an diese Milliarden, die ausgeblendet werden, während sie, ausgerechnet sie!, eingeblendet wird, keinen Gedanken an die Milliarden, höchstens an den goldigen Hund vom obligatorischen Obdachlosen beim Dom, aber keinen ernst gemeinten Gedanken, keine schweren Gedanken an Bord!, nur ein Polarstern, wenn man fliegt, und keine ernsten und schweren Gedanken, vor allem nicht morgens, so Vischer, wenn er sich voller Hoffnung darauf freue, sie wiederzusehen, sie!, und wenn sie dann nicht da wäre, was für ein großes Drama in so einem kleinen Menschen, was für ein Drama epischen Ausmaßes, was für ein absurdes Drama wäre das, wie er sich innerlich aufwühlen und sich äußerlich aufführen würde, wie er sich glaubhaft einreden würde, sie zu vermissen, wie er es innerlich beklagte, ihrer Abwesenheit ausgesetzt sein zu müssen, wie ihm das den Tag verdunkle und verleide und wie ihm der Alltag verunglücken würde, wie er sich nichtig und unwichtig und überflüssig und ersetzbar und ganz und gar nicht daseinsberechtigt fühlte, wegen einer Person, wegen einer einzigen Polarsternperson!, was das für eine Schweinerei sei, was für eine absurde Schweinerei, die fast, so Vischer, aber eben nur fast bis zum Himmel stinken würde: diese grenzenlose Gier, dieses pochende Bedürfnis, dieses infantile Ich-will-aber!, dieses pathetische Ich-muss-aber!, dieses wahnsinnige Ich-kann-nicht-anders!, das sei doch eine einzige Schweinerei, so Vischer, eine absurdes Theater voller Schweinereien, dieses bedingungslose Setzen von Notwendigkeiten, diese gedankliche Geiselnahme, dieses gedankliche Ausgeliefert-sein, dieses Ausgerichtet-sein, dieser Fixstern seines Denkens, an dem und mit dem er sich aufgehängt habe, das gehe jedenfalls nicht mit rechten Dingen zu, das sei schlichtweg nicht gerecht, das sei weder logisch, noch rational, noch rechtens, geschweige denn: zu rechtfertigen, wie er sich in seinem Denken nur an diese eine Person gehängt hätte, an sie, sie!, seine Polarsternperson, wie er sich an ihr aufgehängt hätte, wie er jetzt so da hänge: oben ohne und ohne Bodenkontakt, das könnte er gar nicht richtig begreifen, das sei doch absurd, das ist doch absurd, murmelte Vischer immer wieder irritiert, erst wie in schemenhafter Vergegenwärtigung begriffen, dann entschiedener, überzeugter, fester: das ist doch absurd!, so Vischer immer wieder vor sich hin, als würde er Nägel in eine Mauer schlagen, das ist doch absurd!, so Vischer immer wieder energisch, als würde er auf einen unnachgiebigen Amboss einhämmern, das ist doch absurd!, so Vischer insistierend, als hätte er sich strampelnd und gestikulierend in einer Endlosschleife aufgehängt, ich kann mir das einfach nicht erklären, ich will... nein, ich muss, nein, ich ... ich kann mir einfach nicht helfen, ich komme von dieser Faszination nicht los, ausgerechnet sie, sie!, ein Polarstern, wie absurd, aber ich will, nein, ich muss, nein, ich ... ich kann einfach nicht klar denken, so der völlig ausgelieferte und am Himmel hängende Vischer mir gegenüber, der ich nur dachte: „Gib dich frei, Vischer“.

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