Alceste 20.05.2012, 20:50 Uhr 2 2

Fetzen und Fragmente - #15 Der Musenmacher

Winder will Musen machen.

...und ich dachte noch: "Ein Königreich für eine Muse!" als Blumberg paraphrasierte, was Winder ihm unlängst auseinandergesetzt habe, der sich, so Blumberg nicht ohne skeptisch-heiteren Augenbrauenhochzieher, als Musenmacher verstehe, ich bin, so Winder zu Blumberg und dieser mir gegenüber, ein Musenmacher, muss ein Musenmacher sein, weil ich sonst nur so dahin vegetierte und zu nichts zu gebrauchen wäre, nichts rechtfertigen könnte, nichts darstellen würde, zu nichts werden würde, zu nichts anderem als einer Pflanze, einem dahin vegetierenden Stück Grünzeug ohne Sinn und Zweck als zu vergehen, und darum könne es doch nun nicht wirklich nicht gehen, geboren zu werden, als Grünzeug vor sich hinzuvegetieren und dann zu vergehen, mit ein bisschen Sonne und ein bisschen Wasser und ein bisschen Überdruss am Verbrechen des brach liegenden Daseins, denn wenn man schon die Gnade erführe, die Welt erfahren zu dürfen, diese wundersame, unbegreifbare und fragwürdige Welt, so könnte, dürfte, sollte man doch vielleicht nicht nur da sein, sondern eben mehr sein, als nur da sein, also sich auf die Suche machen, also Sinn stiften, Schönes schaffen, Sehnsucht säen, bilden, begaben und begeistern, sich innerlich und äußerlich auf's Äußerste ausloten und erstrecken, ja, in das Leben dringen, sich am Leben laben, es immer und immer wieder neu und gierig erkunden, es aufstöbern und dann kosten, tasten, lauschen, schmecken, in sich abtauchen und vom Grunde aus zur Sonne schauen, in diesem Staunen überfließen angesichts des Reichtums dieser Welt - und teilen: in dieser Existenzeuphorie zur Muse werden und andere inspirieren und ausrüsten gegen Widersprüche dieser Welt, ihnen Medizin sein gegen die Schrecken und Schmerzen dieses Lebens und andere zu Musen machen, ihnen aus ihrer Ohnmacht zur Selbstermächtigung verhelfen, auf dass sie einander anstiften und erheben, ausziehen, um anzureichern, damit wir miteinander und für einander Sammelsurien der Schönheit werden und bleiben, und ein jeder, der unser Leben betritt, bereichert ist, so er es verlassen sollte, seien wir Oasen, Gärten, Äpfel der Erkenntnis, seien wir einander Sehen und Verstehen, seien wir, so der ohne Punkt und Komma und jegliche sonstige, nennenswerte Unterbrechung denkende und sprechende Winder zu dem durch diesen Wortsturm teils irritierten Blumberg, der Winder als einen nahezu rücksichtslosen und maßlosen Musenmacher zu bezeichnen pflegte, seien wir einander die sommersonnenwindumspielte Hängematte, so Winder weiter, seien wir einander Segel, Leuchturm, Schattenspender, warum es nicht versuchen?, seien wir das zärtlich hoffende Versprechen, dass wir sehen werden, dass es wert ist, seien wir der Aufbruchsatemzug der Barrikaden sprengt, das abgekämpfte Lächeln glücklicher Gescheiterter, die in Würde und Freundschaft ihre Hände halten, wo kein Sieg errungen werden kann, seien wir einander Funkenschlag und Räuberleiter, Trompetenstoß der Hymne der Bejahung: Wir stehen hier und staunen: diese Existenz ist Euphorie, geteilt, gefühlt im Rausche ihres Reichtums, so jedenfalls Winder zu Blumberg und dieser mir gegenüber, nachdem er sich von der auf ihn niederprasselnden Wortwut Winders erholt hatte, während ich noch dachte: „Ein Königreich für eine Muse!“


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Kommentare

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    Du, Muse, hast eine Art zu schreiben, die mich fröhlich macht. Eben habe ich vor dem Bildschirm gesessen, mich zwischen die Worte geschoben, die zweite Hälfte laut vor mich hingestolpert, hingelesen, vergessen zwischendurch Luft zu holen und mich eines hörbaren Lachens erfreut.
    Ja.
    Du, Muse, hast diesen Augenblick (und ich wage es, Vorangegangenes zu wiederholen) bereichert.
    Hast mich straucheln gemacht, damit ich neu sehen kann. Ich danke Dir.

    02.06.2012, 17:18 von claudevillot
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    Wie schön. Ich kann es lesen. Wie reich. Wie reich von ganz allein.

    20.05.2012, 23:06 von Kokomiko
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  • Wie siehst du das, Jonas?

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