Alceste 22.04.2012, 01:20 Uhr 3 6

Fetzen und Fragmente - #10 Beute

Man ist Augenbeute, Wortbeute, Gedankenbeute.

...und ich dachte noch: "Gib dich frei, Vischer" als Vischer mir in schier unglaubwürdiger Präzision erzählte, was er einerseits gedacht und andererseits gesagt habe, während er letztens mit einer ausnehmend attraktiven Frau des Nachts mehrere gesprächs- und gedankenreiche Stunden in einem kleinen Café verbrachte: Ich sitze also neben ihr, so Vischer, nichts besonderes nicht, nicht?, ich sitze also neben ihr und sie berührt mein Bein, zufällig, rein zufällig!, doch doch, ich will ja hier nicht überinterpretieren, und sie sieht mich an, also das erste Mal Auge in Auge, so, so Vischer imitierend, so!, für eine Sekunde oder waren es zwei, es waren mindestens zwanzig, puh, diese Augen und sie sagt irgendetwas, und ihre Lippen, sie sagt irgendetwas, ich komm nicht mehr drauf, was sie da eigentlich gesagt hat, und ihr an den Haaren fummeln, bedeutet das nicht etwas, da gab's doch zig Artikel über Mimik und Gestik, und in diesem Buch stand doch, wie hieß das doch gleich, der frische Fisch im Parkhaus, oder so, wobei das ja völlig überinterpretiert wird, alles wird ständig völlig überinterpretiert, es wird so sehr missinterpretiert, dass nichts mehr natürlich ist, schließlich kann sie sich ja nur kratzen wollen und außerdem was sagt schon ein übergeschlagenes Bein, vielleicht ist es ja nur bequemer so, moment, sie sagt nichts mehr, ich sollte was sagen, oder, verdammt, was hat sie gesagt? und ich denk noch, jetzt nimm dich zusammen, Junge, reiß dich zusammen, damit dir nichts entkommt, was du später noch bereust und während ich noch an all die Dinge denke, die ich vielleicht nicht erwähnen sollte, weil ich die Erwähnung als solche, nicht die Dinge, die Erwähnung dieser Dinge ihr gegenüber vielleicht bereuen könnte, wenn sie es nicht verstünde, was ja durchaus möglich ist, weil wir ja alle ständig missinterpretieren und missverstehen, und während ich das also gedanklich hin- und herschiebe, sitzt sie neben mir und sieht mich an, so!, so Vischer erneut imitierend, so!, also durch die Augen, in die Gedanken, darin umher, nach unten links, nach unten rechts, ausgerechnet dahin, ausgerechnet!, wie konnte sie das ahnen, ach, ich hab mich direkt ein wenig geschämt, wie ich da in Gedanken vor ihr stehe, nackt, ausgenommen und splitternackt ohne Hut wie eine Bockwurst im Glas ohne Wurstwasser, erbärmlich, sage ich dir, einfach nur erbärmlich, dieses Wurstsein angesichts ihrer Augen und wie sie mit ihren Augen und ihren Gedanken in mir herumgewühlt hat, das war fast schon befremdlich, ich habe geschwitzt, ich war völlig von der Rolle, von meiner eigenen Rolle völlig irritiert, ich stand völlig perplex neben mir oller wortloser Wurst, und habe mich wortlose Wurst beäugt und bedacht und konnte gar nicht fassen, was da eigentlich mit mir los war, sie war los, das war's vermutlich! und die Ohnmacht vor ihren Augen und als sie mich wieder rein zufällig, rein zufällig! an der Schulter berührt, zucke ich gedanklich zusammen und mit den Schultern, weil ich ja nicht überinterpretieren will und rede irgendetwas von dem bisschen, was man
heute noch vertreten kann, nämlich gar nichts, vor allem keine Ideologie, wobei ich ja wüsste, das Zottel-Zizek behaupten würde, dass alles Ideologie sei, aber so meinte ich das nicht, so nicht, da wäre er nicht gerade trennscharf in seiner sogenannten Definition, naja, einer Schule angehören, heißt, ihre unzureichenden Definitionen schlucken, ihre Fehler teilen müssen, darum keine Schule und kein Gedankensystem, die Zeit der Systeme sei lange vorbei, die Zeit der geschlossenen Theorien auch, und angesichts des Absurden könne man ohnehin nichts vertreten, und gebietet ein gesunder Skeptizismus nicht genau das, nun, die Antworten und die Bejahung finden wir dann aber doch bei Beckett und bei Camus und bei Bernhard, und da gibt es eine Stelle bei Pessoa, da heißt es, aber das ist es doch, oder, ein wenig Bejahung muss sein, aber wann und worin, wir können uns nur gegenseitig bereichern, das ist Bejahung, oder, aber wie können wir uns bereichern, und womit und wann?, und ich sehe das Wort "Bejahung" aus meinem Wund in ihre Augen wandern, so in kleinen Sprüngen, wie von einer Angelrute geführt, hopp-hopp-hopp, Schriftgröße 18, Courier New, Bejahung!, direkt in ihre Augen, in ihre verohnmächtigenden Augen und dahinter löst sich das Wort samt meinem Denken auf, Plopp!, und ich stehe nackt in meinem Gedankenraum wie im Vorlesungssaal mit den (neu)gierigen Augen meiner Gedanken auf mich gerichtet, ohne zu wissen, was sie wollen, und in der ersten Reihe sitzen ein paar Worte in feinen Anzügen und melden sich und stehen auf und schauen mich auf einmal wie erstickende Fische an, wie verendende, sterbende, wie endgültig tote Fische sehen sie mich an und ich ergänze: eigentlich habe ich von all dem keine Ahnung, sage ich, eigentlich kann ich zu all dem ohnehin nichts sagen, eigentlich lässt sich auch kaum etwas sinnvolles sagen, ich habe nicht genug gelesen und das, was ich gelesen habe, ohnehin nicht vollständig verstanden und wenn ich Anstand hätte, aber wer hat schon Anstand, dann würde ich einfach meinen Mund halten, und da ich das so sage, hänge ich gedanklich an ihrem, und in ihren Augen und stell mir vor, wie sie meinen Kaffee vom Tisch fegt, sich auf meinen Schoß setzt und einfach nichts sagt, nichts, was ich zu interpretieren hätte, nichts, was ich überinterpretieren könnte, einmal, nur einmal etwas nicht so komplex-kompliziertes bitte, denke ich noch, während ich schon längst aufgehört habe, zu sprechen und nur immer wieder zum Boden, und zur Decke und an ihr vorbei sehe, nur um sie einmal nicht sehen zu müssen, nur um einmal die Kontrolle über mich zu behalten und nicht in meinem Denken und ihren Augen verloren zu gehen, nur um einmal nicht Beute zu sein, nur um einmal nicht reden zu müssen, aber diese Stille, diese Sekunden wiegen tausend ungenutzte Tage, ob sie mich noch ansieht, denke ich, sie sieht mich an, und das Denken geht aus, Plopp!, ich bin ausgeliefert, und ich sage: wir sind unseren Bedürfnissen ausgeliefert und ich mag das nicht, wir tun fast automatisch Unrecht, wenn wir uns ausschließlich von Bedürfnissen lenken lassen, und wenn wir einander bereichern wollen, wenn wir einander gerecht werden wollen, dann dürfen wir einander kein Unrecht tun, aber woher wissen, auf welche Bedürfnisse verzichten und auf welche nicht, denn wer weiß, welche wann notwendig zu erfüllen sind, und welche nicht, aber ich weiß ohnehin nichts, alles nur Vermutungen, sage ich, alles nur Vermutungen, und daraufhin sagt sie, das ... und ihre Augen sind irgendwie merkwürdig denkwürdig, ihre Augen machen einen automatisch zu ihrer Beute, man ist Augenbeute, Wortbeute, Gedankenbeute, automatisch verohnmächtigt und hilflos ausgeliefert, ihre Augen haben Bereicherungspotential, denke ich und bin erstaunt, dass ich wieder denken kann und gerade als ich noch Kapitän eines schmucken Piratenschiffs auf den Gipfelseen ihrer Augen bin, spricht sie über Liebe und ihren Freund den Handwerker, den Handwerker, den Handwerker, den Handwerker schallt es mir von überall entgegen, während ich irritiert um mich blicke, also mein Freund ist ja Handwerker und der sagt immer, der Handwerker, der Handwerker, der Handwerker schallt es mir aus dem Kaffee entgegen, in den ich müde glotze, mein Freund der Handwerker, mein Freund, mein Freund, mein Freund klingt es in meinem gedanklichen Vorlesungssaal voll endgültig toter Wortfische und ich sage jaja, und ich nicke höflich, als sie zum dritten Mal zufällig, rein zufällig! meinen Arm berührt und ich denke: morgen wieder etwas komplex-kompliziertes bitte, irgendetwas demütigendes, so ein bisschen Foucault oder Kant direkt in die Eingeweide, irgendetwas irgendwohin, nur nicht in die Augen, so der meines Erachtens völlig überforderte und unausgegliche Vischer mir gegenüber, der ich nur dachte: "Gib dich frei, Vischer!"

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3 Antworten

Kommentare

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    Das ist so ....zusammenhängend irgendwie. Ungewöhnlich. Hätte nicht gedacht, dass ich so eine Art und Weise mag:)

    17.05.2012, 14:28 von zehnmomente
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    armer vischer! ;-/ ich glaub, der braucht dringend urlaub vom kopf!

    zur anregung: ich würde seinen monolog noch 1-2mal für einen kurzen einschub unterbrechen, um die erzählerperspektive klarer abzugrenzen und damit den erzählrahmen glaubwürdiger zu gestalten.

    so nehme ich dir den vischer nicht ganz ab. sondern hab das gefühl, du schreibst über dich selbst, und der vischer muss wieder dafür herhalten ;-)

    aber das ist vllt auch nur meine persönliche meinung :-) 

    02.05.2012, 20:06 von tjarahel
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    Ich habe es einmal langsam versucht. Aber ich glaube, es ist gemacht, um es so ohne Atem wie Pause zu lesen, wie es aufgeschrieben ist. Dann geht es durch mit einem und stellt sich fest.


     

    23.04.2012, 10:34 von Kokomiko
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