frau.von.ungefaehr 15.01.2010, 00:38 Uhr 35 27

Eine Geschichte von Geldsorgen und schwerer Abhängigkeit.*

Ich schlendere zur Kasse. Hier begegnen wir uns alle wieder. Hier werden wir doch alle gleich gemacht, ob Schwerstabhängiger oder Gelegenheitsleser.

Der Kontoauszug, den ich nicht ausdrucke, sondern nur ganz kurz am Bildschirm bestaune, lässt Böses erahnen. Das S größer als das H. Nichts Neues. Eigentlich sogar alles wie immer. Im Kopf überschlage ich Summen. Im Minusbereich rechnen, das ist seit dem Mathegrundkurs eine der anstrengenderen Übungen, vielleicht die anstrengendste. ‚Ein bisschen was geht noch‘, zögert es mir durch den Kopf, ‚die Telefonrechnung ist bezahlt, in drei Tagen kommt frisches Geld, bis dahin bietet die Mensa das zum Überleben Nötigste; auf der Karte ist noch was zu holen‘. Halbwegs zufrieden mit meinen Rechenkünsten und vollkommen unzufrieden mit ihren Ergebnissen schließe ich die Bürotür ‚Tschüss – für heute könnt ihr mich alle mal kreuzweise.‘ „Hei, ich hau jetzt ab, schönen Abend noch, bis morgen!“ „Du gehst schon?“ „Äh, ja? Ich habe vielleicht nur eine halbe Stelle und bin schon wieder länger, als eigentlich nötig, dageblieben?“ „Ist ja gut, ich habe nichts gesagt. Dir auch einen guten Abend. Bis morgen.“

Musik auf die Ohren, kalte, beißende Luft verpustet binnen den ersten zehn gegangenen Metern den letzten Büromuff. Die besten Dinge im Leben sind doch gratis. ‚Ja ja, Kopf, lass mich in Ruhe! Vor allem wenn du nichts besseres als Plattitüden zu bieten hast.‘ „Capitalism stole my virginity“ schallert es mir um die Ohren. Irgendeiner hat immer schon die Worte kombiniert, die diffus und vereinzelt in meinem Hirn zwischen den Nervenzellen umherstreunen, die aber nirgends aufeinander treffen.

Ich habe eine Sucht. Die habe ich schon ziemlich lange. Inzwischen schon so an die zwei Dekaden. Was beängstigend ist – also dass man sich überhaupt schon an Zeiten von vor zwei Dekaden erinnern kann. Die Sucht selbst ist eine von der Gesellschaft komplett tolerierte. Sie ist, aller Wahrscheinlichkeit nach, auch weder als solche, noch als gefährlich deklariert. Was ein übler Missstand ist. Mein Vater hat früher, in meiner schlimmsten, kapitalismuskritischsten Hippiephase immer behauptet, ich würde es nie weit bringen, ich sei zu idealistisch und außerdem fehle mir der „heutzutage alles entscheidende Wille zum unbedingten Haben-wollen“. Wenn der wüsste. Der sah mich nie in Buchläden. Nie in dem einen Buchladen. Eben den steuere ich soeben an.

Die, gleich im Eingangsbereich, wohl drapierten Pyramiden lasse ich links liegen. Das interessiert mich nicht. Auch die bibliophilen Ausgaben der größten Schundromane der letzten zehn Jahre vermögen es nicht, mein Interesse zu wecken. Noch habe ich nicht vor, Geld, was ich derzeit ohnehin nicht besitze, hier zu lassen. Noch. Denn schon erreicht die frohe Botschaft, dass der bezaubernde Briefwechsel Celan – Bachmann endlich in Taschenbuchform vorliegt, meinen Sehnerv. Gekauft. Ich streiche über Buchrücken, sehe mir ausgestellte Titel an, mein Blick bleibt dann und wann an dem einem oder anderen hängen. Einen greife ich, schlage ihn auf, lese einen Absatz. Notiere im Geiste, ihn eventuell später zu kaufen.

Da drüben hat einer Platz genommen, ich glaube, der liest hier gleich das ganze Buch. Das ist einer von uns. Ein Junkie. Die Augen flitzen über die Sätze. Ich muss schmunzeln. Unweit von ihm allerdings hält sich eine Dame auf, der man ansieht, dass sie nicht weiß, was sie hier tut. Für solche wie die sind die Pyramiden sorgsam aufgebaut und für solche Menschen existieren die bibliophilen Ausgaben der Schundromane. Ich beobachte sie kurz: Die Bücher, die sie zur Hand nimmt, tragen allesamt den verkaufsfördernden, signalroten Aufkleber „Bestseller“, einige sogar „Megaseller“ (was ich, das aber nur nebenbei bemerkt, als die übelste Beleidigung von Lesergeschmack verstehe). Mir wird schlecht. Zum Glück eilt ihr eine Verkäuferin zur Hand. ‚Die ist einfach zu bedienen‘ steht auf ihrer Stirn geschrieben.

Ganz im Gegensatz zu dem Herrn in den besten Jahren da drüben. Der stand doch schon, als ich hereinkam, an eben derselben Stelle und belästigt seitdem eine Buchhandelsfrau, die verständnisvoll nickt und auf alle Fragen bloß mit „Ja ja“ reagiert. Mit portugiesischen Titeln die er, wie er zu betonen nicht müde wird, „ausschließlich im Original“, zu lesen gedenkt. Die Arme: Egal was sie sagt, er weiß es besser; einschließlich der Gründe für die verlängerten Lieferzeiten für ausländische Titel. Sie hätte sich, als der Herr in den Laden gekommen ist, mit „sehr dringenden Agenden im Lager“ entschuldigen sollen. Dem sieht man doch seine Impertinenz auf Kilometer schon an!

Am Lyrikregal komme ich an, wie immer sind nur Hesse, Goethe und Brecht da. Hilde Domin findet man nach zweimaligem Hin- und Herschieben des Stapels. Aber nicht die gesuchte Ausgabe. ‚Soll ich sie bestellen?‘ frage ich mich, ‚Ach was, heute nicht, die letzte Auflage wird so schnell nicht vergriffen sein.‘ Oh, da, zwei Meter weiter links steht aber die Gogol-Neuübersetzung. Eine ebenso geschickte, wie formvollendete, Rochade mit einem weiteren Süchtigen später, habe ich sie in der Hand. Lese hier einen Absatz, da zwei Sätze; entscheide aber, dass das, im Grunde ja gar nicht vorhandene, Budget lieber anderweitig gesprengt werden soll, wenn es schon, allen guten Vorsätzen zum Trotz, mit Bedrucktem gesprengt wird. Dass es das wird, steht inzwischen außer Frage. Denn schon gesellt sich zu dem Briefwechsel, der inzwischen von meiner Hand schon ganz warm ist, ein Strittmatter und das „Leuchtspielhaus“.

Ich schlendere zur Kasse. Hier begegnen wir uns alle wieder. Hier werden wir doch alle gleich gemacht, ob Schwerstabhängiger oder Gelegenheitsleser. Hier wiegt die „Archäologie des Wissens“ genauso viel wie „P.S. Ich liebe dich“. Letzteres vielleicht ein bisschen mehr, wird es doch ungleich öfter über den Tresen gereicht. Die kleine Schlange, in die ich mich einreihe, führt an einer weiteren Neuerscheinungspyramide vorbei. Ich sehe sie nicht an. Aber aus dem Augenwinkel entdecke ich doch einen, mir bis dato unbekannten, Helmut Krausser. Ich sehe doch hin. Ich nehme es zur Hand und weiß, dass ich schon wieder verloren habe. Ich will nur kurz darin blättern. Die Menschen vor mir wollen ihre Best- und Megaseller ohnehin alle in Geschenkpapier eingeschlagen haben. Das kann noch dauern. Der Junkie von vorhin grinst mich an, ich achte kaum darauf, habe plötzlich erhöhte Herzfrequenz. Ich lese den ersten Satz. Gekauft.

Mein Verstand setzt, mit dem Wegschmelzen der Schlange, wieder ein. Wieder rechne ich die Minussummen hin und her. Entscheide, dass ich drauf und dran bin, einmal mehr zu viel Geld auszugeben. Schon bin ich an der Reihe. Ich breche in kalten Schweiß aus. Welches Buch soll ich denn jetzt hierlassen? Soll ich überhaupt eines da lassen? Gar alle? Unmöglich! Den Krausser kann ich nicht zurücklegen. Ihm habe ich längst meinen innigsten Lesertreueschwur geleistet. Die eifrige Dame hinter dem Ladentisch entlarvt mein Zaudern und beeilt sich, alle Titel schnellstmöglich zu scannen. Sie hat den Schweregrad meiner Sucht längst erkannt und weiß sehr genau, dass ich nichts stornieren werde. Diese durchtriebene Schlange. Die Frage, ob ich etwas davon als Geschenk verpackt haben möchte, erwidere ich mit einer empört in die Höhe gezogenen Augenbraue und einem beinah gebellten „bloß nicht“. „Das macht dann bitte 48 Euro und 70 Cent“ Mir wird schwindelig, das lasse ich mir aber lieber nicht anmerken. Vom Minus auf meinem Konto erfährt diese Frau, meine hinterhältige Dealerin, nichts. „Äh, könnte ich bitte mit Karte zahlen?“ stammle ich, um Souveränität bemüht. „Selbstverständlich.“ Ich reiche ihr meine ec-Karte, beginne die Bücher mit zittriger Hand einzupacken, unsicher, ob die Zahlung wirklich noch akzeptiert wird. Hinter mir ist schon wieder eine Schlange. „Wenn Sie bitte Ihre Geheimzahl eingeben würden?“ Zum Glück spricht sie mich nicht, wie es der Arbeitsanweisung eigentlich entspräche, mit meinem Namen an, den sie kurz zuvor auf der Karte gelesen hat.

Die Nadel noch in der Armbeuge, nehme ich meine Karte entgegen und freue mich, den Heimweg fortan schwebend zurückzulegen und bin in Gedanken schon bei den Neuerwerbungen und frage mich, womit ich anfangen werde, obwohl ich längst weiß, dass Monsieur Krausser der Rest meines Tages gehört. „Einen schönen Tag noch, Frau von Ungefähr“ ‚Scheiße, sie hat ihre Lektionen doch gelernt‘. Schnell wende ich mich ab, sie bekommt gerade noch so einen Eindruck von meinem Unmut, ihren Arbeitsanweisungen gegenüber, mit. „Ja Tschüss dann“ bin ich gerade noch bereit, zu stammeln. ‚Der Kapitalismus hat in der Tat meine Jungfräulichkeit geraubt. Aber es gibt auch schlimmere Arten, sich mit ihm einzulassen‘ denke ich, suchtbeseelt und zutiefst befriedigt auf dem Weg nach Haus.


Für T.
(hat er sich erst erfragt und dann verdient)

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35 Antworten

Kommentare

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    mein herz hüpft und ich fühl mich ertappt:)

    "Die Nadel noch in der Armbeuge.."
    das bin ich auf der internationalen bücherbörse( 2x im jahr - frau spart für das event) bekomm dort von meinen lieblingsdealern schon schokobananen zur begrüßung und extra zusammengestellte vorschlagbücherstapel...  

    11.02.2012, 10:00 von pocket
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    Mir geht das exakt mit Filmen so.


    06.02.2012, 14:49 von somehowamusing
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    Ich hatte auch unweigerlich eine Szene vor Augen, wie ich im Thalia "mal eben kurz" ein neues Buch kaufen will, und dafür (und für die restlichen Bücher, das Lesezeichen, den einen schönen Kugelschreiber und ne Kladde) mal locker das Geld ausgebe, was andere zum Shoppen ausgeben. Sehr authentischer Text :)

    08.03.2011, 00:06 von topfbluemchen
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    Dieses Gefühle kenne ich so gut! Mein Umfeld hat immer wieder versucht, mich aufgrund meines "Verbrauches" auf die Vorzüge von Bibliotheken aufmerksam zu machen... bisher erfolglos

    28.02.2010, 22:51 von Mistbine
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    Therapie: such dir nen Vollzeitjob, dann hast du mehr Geld, aber weniger Zeit :-)

    01.02.2010, 15:27 von femaleDolphin
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    amen.

    26.01.2010, 19:59 von bizarette
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    amen.

    26.01.2010, 19:59 von bizarette
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    Sehr geehrter Herr T.
    wie verdient man sich derart feingestrickte Gunst?
    Ich gehe ganz leicht mit. Einfach zusehen. Wer kennt das Eichhörnchen aus Ice Age? Hier nicht die Nuss, aber Blick und Habitus. Grundnahrungsmittel oder Schlemmerei? Beides und so viel mehr im Schlaraffenland der gedruckten Fantasie und Sache. Welche Qual. Alle raus hier. Alles meins! Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpchen. Burps! Ich kann nicht mehr. Lesen macht nicht dick...höchstens satt.
    Gehe niemals einkaufen, wenn Du Hunger hast. Was nun?
    Klasse1-Unterhaltung ! Like it nicht von Ungefähr

    21.01.2010, 21:20 von Kokomiko
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    Ich finde den Text auch gelungen. Er liest sich schön locker, flockig, unbeschwert (kein Komma) und unkompliziert. Das Lesen süchtig (im übertragenem Sinn) macht ist unlängst bekannt. Wichtig finde ich ferner, dass man liest! Ob nun im Buchladen (kaufend), oder in der Bibliothek (ausleihend); ist jedem sein Brot.
    Ergo ich sollte endlich auch mal wieder in einen Buchladen gehen und verdammt noch mal endlich wieder anfangen zu lesen.

    (für jegliche Kommafehler übernehme ich keine Haftung )

    19.01.2010, 18:05 von Cu1Time
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