gerrymander 06.10.2006, 15:17 Uhr 4 4

Ein Sommer der Stille

Still blinzelte er und genoss die Wärme, die ihn umgab. Er mochte solche Tage. Wenn die Bienen und Hummeln geschäftig von Blüte zu Blüte schwirrten

, die Libellen ihren Sommertanz vollführten, und er mittendrin seinen Oberkörper von den Sonnenstrahlen streicheln ließ. Wenn er da so lag. Arme und Beine weit von sich gestreckt, der leichte Windhauch, der um seine Nase wehte, ihn vergessen ließ, wieviele Insekten ihn in diesem Moment auf seiner Haut kitzelten.

Das erinnerte ihn an seine Tante. Bei ihr war es immer schön. Ihre Pflaumenkuchen waren echt 'Eins A', wie Gregor zu sagen pflegte. Sie lebte nicht da, wo er wohnte. Sondern weit weg. Über eine Stunde musste man fahren, um sie zu besuchen. Doch das lohnte sich. Jedesmal. Denn niemand sonst konnte so spannende Geschichten erzählen. Und niemand sonst, hatte einen Hund, der Bello hieß. Ok. Zugegeben. Das war gelogen. Bellos gab es viele. Bastians Bruder hatte einen. Sofies Oma auch.
Aber keiner ließ sich so gut knuddeln wie der seiner Tante. Und keiner kam so freudebellend auf einen zugelaufen, wenn man aus dem Auto stieg. Das Beste an seiner Tante jedoch war, dass man bei ihr nicht zur Schule musste.
Gut- Dafür musste man auf dem Feld hart arbeiten. Und einmal hatte er Vati hinter vorgehaltener Hand, so dass Mami es nicht mitbekommen konnte, fluchen gehört. Eine reine Ausbeutung sei das. Er wolle das nicht weiter mit sich machen lassen. Immer dieses ewige Kartoffeln ernten. Und dann hatte Vati was von seinem größten Fehler in seinem Leben gesagt, und dass er es wohl noch bereuen werde. Ungluecklicherweise hatte Mami es doch mitbekommen.
Sie hatte aber nicht geschimpft. Auch nicht wütend war sie geworden. Nur geschwiegen. Eine ganze Woche Vati einfach ignoriert, und ganz bedrückt geguckt. Das war noch schlimmer gewesen als schimpfen.
Aber es war vorbeigangen. Und eigentlich war es immer toll bei seiner Tante. Und wenn man fleißig Kartoffelkäfer weggesammelt hatte - Er wusste gar nicht, was seine Cousine Clara immer gegen diese süßen Viecher hatte. Eigentlich waren sie doch ganz niedlich. - gab es leckren Kuchen. Den besten Kuchen der Welt. Und dann konnte man sich auf die Wiese legen und das Summen der Bienen und Knistern des Kaminfeuers hören. So wie jetzt.

Er lauschte. Da war was.Ein Poltern. Dann Stimmen."Mensch Hans. Kannst du denn nicht vorsichtiger sein?! Mit diesem Lärm erweckst du ja noch die Toten." Ein verhaltenes Lachen. Dann Stille.
Er überlegte, ob er sich umdrehen sollte, und schauen, wer sich da unterhielt. Aber er entschied sich, lieber noch ein wenig liegen zu bleiben und das Kribbeln der Sonnenstrahlen zu genießen. Später konnte er ja immer noch aufstehen und mit seinen Freunden spielen. Seinen neuen Freunden.

Seit ihrem Umzug hatte er Gregor nicht mehr gesehen. Alles war so schnell gegangen. Von jetzt auf nun waren sie in den Zug gestiegen. Seine Eltern hatten schon die Sachen gepackt. Er hatte geschrieen. Sich losgerissen. Ohne Gregor wollte er nirgendwo hin. Aber sein Vater hatte ihn zurueckgehalten und ihm versprochen, er könne Gregor ja eine Karte schicken. Er wolle ihm gerne beim Schreiben helfen. Also hatte er sich zusammengerissen. Er war ja schließlich ein Mann.
Naja. Ein, zwei Tränen waren ihm schon kühl, die Seele wärmend,die Wange entlang gekullert. Aber das hatte niemand mitbekommen. Und hier in der neuen Umgebung war es so richtig spannend, immer wieder neue Leute kennen zu lernen. Lisa, Anton und Lukas. Und den lieben Onkel von gegenüber. Darüber hatte er doch glatt vergessen, Gregor zu schreiben.
Das musste er nachholen. Gleich morgen früh würde er mit seinem Vater eine richtig schöne Karte aussuchen und dann schreiben, was er hier schon so alles erlebt hatte. Wie schön man hier Verstecken und Fangen spielen konnte. Was für spannende Gruselgeschichten, Anton zu erzählen wusste. Und von der neuen Arbeit seines Vaters. Aber vor allem, dass er ihn vermisste. Seinen Freund. Mit dem er zusammen das erste, und auch einzige mal Claras Wäsche vom See geklaut hatte, und er dachte daran, wie sie daraufhin beide gemeinsam rasch vor der wuetenden und klitschnassen Cousine geflüchtet waren.Oh man. Was gab das nachher für einen Ärger.Aber gelohnt hatte es sich.
Und er dachte an das Kätzchen, dass sie auf dem Baum gefunden hatten. Das kleine Ding kam von alleine nicht wieder runter. Also war Gregor raufgeklettert und hatte sie gerettet. Ihre Eltern erlaubten ihnen aber nicht, ihr Findelkind zu behalten. Doch sie hatten sie heimlich gepflegt und mit Milch gefüttert. Ja. Gregor war schon ein toller Freund. Vielleicht konnte er ihn hier ja mal besuchen kommen.
Das musste er ihm direkt vorschlagen. Hier war es noch wärmer als da, wo er früher gewohnt hatte. Das würde bestimmt spaßig, mit Gregor und all den neuen Freunden.

Er sprang auf und eilte zu seinen Eltern. Oder besser: Er versuchte es. Denn sein Körper verharrte wie festgenagelt.
Das konnte doch nicht sein. Schweißperlen rannen ihm nicht nur von der Stirn, sondern vom ganzen Körper. Es war wie in einem schlechten Traum. Nur dass er sich nicht entsinnen konnte, eingeschlafen zu sein.
Er suchte in Gedanken seine Erinnerung ab. Umständlich kramte er in den letzten Winkeln seines Gedächtnisses.Aber so sehr er auch suchte. Das letzte, woran er sich erinnern konnte, war, dass er mit den anderen Jungen und Mädchen duschen gegangen war.
Danach? Er wusste es nicht. Und jetzt lag er da, und ihm war heiß. Zu heiß.Er blinzelte. Sonnenstrahlen fielen ihm ins Gesicht und umgaben ihn mit einem blauen Mantel der Hitze. Er wollte zu seiner Tante. Kuchen essen. Und mit Gregor spielen. Stattdessen lag er da, und sah zu, wie die Flammen sich in seinen Körper fraßen.
Ein letztes Mal in diesem Sommer '44 versuchte er sich gegen das Feuer zu wehren. Er öffnete den Mund und schrie. Stimmte ein in das Klagelied der Toten, das sich im Schall und Rauch des Ausschwitzer Kamins verirrte.

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4 Antworten

Kommentare

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    !!! Mehr ist nicht zu sagen!

    Caro

    16.11.2006, 23:34 von carolinedaniel
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    So unterschwellig war mir der Gedanke gekommen, während des Lesens. Die letzten drei Sätze haben mich deswegen nicht weniger getroffen. Dein Text wird mir noch ne ganze Weile nachgehen.

    Erstklassig!

    15.10.2006, 13:35 von the_actress
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    huuu...
    Wahnsinnstext.
    Kann noch nicht genau sagen warum, aber ich bin echt fasziniert. Liegt wahrscheinlich irgendwie auch an deinem Schreibstil. Den mag ich :)

    13.10.2006, 08:28 von girasole
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