Verena_Lugert 15.07.2006, 16:03 Uhr 0 2

Driften in den Wahnsinn

Chris Cleaves aufregender Briefroman LIEBER OSAMA erzählt von Terrorangst in London. Unheimlicher Zufall: Am Erscheinungstag gingen echte Bomben hoch.

Es war der Morgen des 7. Juli 2005, als die Wirklichkeit mit der Fiktion verschmolz: In London explodierten Bomben. Und während die Londoner versuchten, Angehörige oder Freunde zu erreichen, während U-Bahn-Passagiere aus brennenden Zügen krochen und Rauch aus Schächten quoll, waren in den Stationen Plakate zu sehen, auf denen London in einer Luftaufnahme gezeigt wurde. Und schwarzer Rauch, der aus der Stadt aufsteigt. Darunter stand: »What if?« – »Was wäre, wenn?« Auf den Plakaten wurde »Incendiary« beworben, ein Buch, das jetzt auf Deutsch unter dem Titel »Lieber Osama« veröffentlicht wird.

Am 7. Juli sollte der Roman erscheinen, am Vorabend war die Premiere gefeiert worden, in 14 Länder war das Buch verkauft – das Thema war ein Reißer: islamistische Anschläge auf ein Londoner Fußballstadion. Waswäre, wenn? Das Heute-Journal meldet am 7. Juli: »›Es gab eine Explosion und einen weißen Blitz, ein lauter Knall folgte binnen Sekunden,‹ sagte der Augenzeuge Derek Price. Anschließend sei die Hölle losgebrochen. ›Alles wurde schwarz, die Menschen warfen sich in Panik zu Boden‹, sagte eine Touristin. Als sie aus der U-Bahn befreit worden sei, habe sie ringsum Leichenteile liegen sehen.« Das also wäre, wenn. Denn das war die Wirklichkeit.

Bei Cleave heißt es: »Sie rannten in einer Walze aus Feuer und Rauch auf den Tunnel zu, und einige schafften es nicht mehr. Andere hielten sich die Arme über den Kopf, weil der halbe Arsenal-Block in Fetzen auf sie niederregnete. Füße. Halbe Gesichter, Fleischklumpen in Arsenal-Trikots, die schlauchartige Gebilde hinter sich herzogen wie Wurstketten. Das mussten Gedärme sein.«

Am 7. Juli hatte Chris Cleave, 33, gerade seinen Sohn in den Kindergarten gebracht. Als er den Fernseher einschaltete, glaubte er, er sei wahnsinnig geworden. »Meine Frau war in der U-Bahn. Ich konnte sie vier Stunden lang nicht erreichen«, erzählt Cleave. Dann berieten er und der Verlag, ob man das Buch zurückzuziehen müsse. Ob die Werbung gestoppt werden sollte. Er fragte auf seiner Website die Öffentlichkeit, die reagierte gespalten. Cleave ließ sein Buch in den Läden und setzte sich der Literaturkritik aus. Auch dort polarisierte das Buch extrem – besonders in den USA, wo man nach 9/11 bei einem 7/7 nicht mehr mit kühler Objektivität zu urteilen vermag. »Brillant!«, jubelte »Newsweek«. »Schiere Geschmacklosigkeit!«, tobte die »New York Times«. Bei dem Buch – einem furiosen Briefroman – spaltet schon das erste Wort: »Lieber Osama«, so beginnt der Roman. Die Briefschreiberin ist eine traumatisierte Proletenbraut aus dem East End. Mann und Kind der Frau sterben, während sie gerade Sex mit dem Nachbarn hat. Beide vögeln sich die Seele aus dem Leib, im Fernsehen läuft Arsenal gegen Chelsea – der Rest der Familie ist live im Stadion dabei. »Ich hob meinen Hintern ein bisschen. Jasper Black fand meinen Kitzler, Thierry Henry nahm den Ball aus der Luft, wunderschöner Volley, und ich stöhnte auf. Thierry Henrys Schuss ging tief unten rein, genau wie Jasper Black, und die Menge flippte aus.« Ihr Mann und ihr Sohn stehen auf der Arsenal- Tribüne, als die Bomben hochgehen. Die Briefschreiberin kommt in Schuldgefühlen fast um und wird verrückt. Sie schreibt Osama Bin Laden einen Brief, um sich zu erklären. Und um ihn zu fragen, ob er nicht aufhören könne zu bomben.

In England wurde Chris Cleave mit dem wichtigen Somerset- Maugham-Preis bedacht, den zuvor auch A.L. Kennedy (»Paradies«) und Ian McEwan (»Saturday«) gewannen. Sein Buch ist heißblütig, bissig und grell. Man liest atemlos, wenn Cleave das Post-Terror-London beschreibt, die panische Stadt, bis auf die Zähne bewaffnet, die Ausgangssperren befiehlt und auf Menschen schießt. Während die Apokalypse hereinbricht und die Stadt in den Wahnsinn driftet, schweben riesige Ballons über London, sie sollen Selbstmordflugzeuge abhalten. Sie sind grotesk bemalt mit den Porträts der tausend verbrannten, zerrissenen Opfer. »Shield of Hope« heißen sie, im Euphemismus unsicherer Zeiten. Begleitet wird all das vom cheesy Soundtrack des Unglücks: »England’s heart is bleeding«, Elton John hat es fix komponiert.

2

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare