Alceste 04.11.2013, 09:25 Uhr 10 12

Die schwarze Kette

Menschen lesen nicht von Lippen, die nichts sagen, und bleiben auch im Kuss allein.

Sie trat in das Marktcafé und vor mein Denken, das weiß ich noch: ein Sommerflimmern zwischen Selbstbespiegelung und erster Szene, erster Akt: Der Vorhang auf, die Frage folgt und dann das Schweigen der Sirene, die angewurzelt sitzt und wortlos lauscht als wär' sie Witwe tausend früh verstorbener Gedankengänge, die sie nie geliebt – und wer nicht liebt, lebt oberflächlich, abgrundsfern und frei von Rissen, die uns adeln und durchadern und zum Andern führen. Wer immer ohne einen Andern war, konnt' sich kaum ändern oder gar begreifen, was es ist, was andert. Wer niemals einen Krieg mit sich geführt und Leidenschaften es gestattet, ihn mitunter zu zerreißen, der hat auch keinen Schmerz, um zu beweisen: er ist Mensch und hat gelebt. Ohne dies ist er Fassade, ein schönes Haus, dies zweifelsohne, doch ohne Licht und ohne Zimmer - wo Wohnen nur ein Warten ist und jeder Aufenthalt nur Ablenkung: Sie trägt eine schwarze Kette, doch kein Mensch kann Ketten lieben und entwürdigt sich, wenn er es will.

Sie saß im Marktcafé vor mir und meinem Denken, das weiß ich noch: der Kopf so schön und doch ein Spielplatz ohne Kinder, wo der Wind durch leere Schaukeln fegt und keine Burgen stehen. Wenn am Bewusstseinsstrand nur Ebbe herrscht und Wellen nur Bewegung sind: Ohne irgendeine Spur im Sand, mit Flaschen, Kippen, grauen Kieseln, eine Dünenlandschaft ohne Delta - vor einem Horizont mit Rand. Was ich brauch', ist Widerstand und Kunst, die sowohl Hand verrät als auch den Menschen, der sie sorgsam führt. Kein leeres Nicken oder Sonnenstrahlen, das nie die Stirn der Schwermut trifft. Die Hand, die lindert, was das Lot entdeckt, die Stimme deren Lieder unsre Lider sinken lässt, die Hand, die selbst gezittert und gezögert hat, die mehr ist als der schnöde Schmuck, der ihre Finger ziert: Sie trägt einen roten Ring, doch Menschen respektieren keinen Ring und ruinieren sich im blinden Anruf von Symbolen.

Sie sprach im Marktcafé vor mir und meinem Denken, das weiß ich noch: die Art, liebenswert und lächelnd zu enttäuschen, wenn man nichts zu sagen hat und dennoch spricht, wenn es nicht reicht, nur auszusehen, und man das Siegel bricht – nur um einen leeren Brief zu halten. Wenn Haltung nur die Weise meint, wie einer steht, und nicht benennen kann, womit er fällt. Wenn zur Beschreibung der Person nur allgemeine Phrasen durch ein Dorf getrieben werden und im Rummel untergehen: wie soll man einen finden, wenn er allen gleicht, geschweige denn: ihn lernen, wenn er niemand ist? Ist das ein bittrer Akt, ein leeres Spiel, des Nachts, wenn die Planeten – die kalten wie auch toten – konzentrisch um die eignen Achsen kreisen, wie besessen von der Feier eines Namenlosen, doch im Leerlauf, selbstvergessen. Wenn Frohsinn nur ein Joker ist, der Schummeln hilft in einem Spiel, das alle müde sind – und niemand je beenden kann, aus alter Angst der Auslief'rung. Ein wahres Wort über die weichen Lippen, nur ein Wort aus deiner Tiefe, der du nicht mehr traust – und ich wär' dein. Doch Menschen lesen nicht von Lippen, die nichts sagen, und bleiben auch im Kuss allein.

Sie verließ mit mir das Marktcafé und stand noch kurz vor meinem Denken, das weiß ich noch: Ein Sommerflimmern, Schweigen und der Vorhang fällt; das ermüdend immergleiche Gelb dieser Laternen dort am Straßenrand, umschwirrt von Motten ohne einen Kompass, der Kunstlicht und die Sonne unterscheiden könnte. Sie orientieren sich allein am Leuchten, lodern und verlöschen. Dennoch diese Kerzenlust, das kam zu kurz: der Leichtsinn hin zum Leichtsein: Die Besinnung mag ja nicht gelingen, wenn man so berauscht ist. Wenn Augen zwingen und das Denken ringt – um Widerstand, um Warnung und die Worte, die verschwiegen wurden. Wenn man sich zerreißen ließe, so der andre wollte. Wenn man will und will wie nie und dennoch weiß: im Denken war kein Rettungssinn, in ihrem Sein kein Ankerplatz, da geht sie nun und sieht mich an mit diesen schwermutlosen sanften Augen, doch Rausch und Schönheit, Schall und Rauch, sie reichen nicht; die Menschen lieben nicht in Augenschein und leben abseits der Kulissen.

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10 Antworten

Kommentare

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    Ich ziehe meinen imaginären Hut.

    04.01.2014, 18:50 von Bettkantenphilosoph
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    "Wer niemals einen Krieg mit sich geführt und Leidenschaften es gestattet, ihn mitunter zu zerreißen, der hat auch keinen Schmerz, um zu beweisen: er ist Mensch und hat gelebt."


    Ich bin ein großer Fan! :) Danke für deine Zeilen!

    24.11.2013, 09:22 von JennyPan
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    Perle. Auch wenn manches zu dicht gedichtet ist.

    Das Durchgestrichene hab ich nicht verstanden.

    12.11.2013, 21:40 von nyx_nyx
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      ich finde es auch toll, aber hier bei neon wird es nur wenige Wertschätzer geben oder zu wenige.

      04.11.2013, 20:56 von cosmokatze
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      das finde ich ja grad so schad.

      04.11.2013, 21:00 von cosmokatze
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      ich bin zu dumm dafür

      12.11.2013, 23:04 von Einnahme_ohne_Wasser
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