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Die Schleife an Stalins Bart - Erika Riemann

Ein Mädchenstreich, acht Jahre Haft und die Zeit danach. Ein Buch über eine totgeschwiegene Zeit.

Jeder von uns erfährt im Geschichtsunterricht von den Greueltaten des Nationalsozialismus. Von den Verbrechen an Juden, Sinti und Roma, an Andersdenkenden und Andersartigen und wo sie verübt wurden. Auschwitz ist jedem ein Begriff und auch von den deutschen KZs z.B. Sachsenhausen, Bergen-Belsen, Ravensbrück und viele andere mehr haben wir alle gehört. Für viele von uns ist mit dem Ende des Dritten Reiches auch das Ende der Konzentrationslager verbunden. Von einer „Nachnutzung“ haben wir wenig erfahren. Genauso wenig wie von den Verbrechen des Stalinismus in der neu gegründeten DDR. Wurde das Thema doch über Jahrzehnte totgeschwiegen und ist auch heute noch immer nicht massenwirksam genug um darüber zu berichten.

Erika Riemann durchbricht diese Schweigen. Offen und schonungslos erzählt sie von ihren Jahren in Haft –u.a. auch im ehemaligen KZ Sachsenhausen bei Berlin.

Sie war grade 14, als sie 1945 während einer Besichtigung der neuen Schule im thüringischen Mühlhausen aus reinem Übermut einem Porträt Stalins mit Lippenstift eine Schleife um den Bart malt. „Du siehst ja ziemlich traurig aus“, sagte sie damals. Jemand verpfiff sie. Sie wird Festgenommen und zuerst nach Ludwigslust, dann nach Schwerin verschleppt. Nach stundenlangen Verhören unter unmenschlichen Qualen gesteht sie alles was man ihr vorwirft. Sie wird zu 10 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt, gelangt aber nie dorthin.

Es beginnt für die jetzt 15jährige eine Odyssee durch ostdeutsche Gefängnisse. Bautzen, Sachsenhausen, Hoheneck sind nur einige Stationen ihres Leiden. Ihre gesamte Jugend ist geprägt von Hunger, Demütigungen, Prügel und Depressionen. Sie ist überall die Jüngste. Die Russen hatten sie eben mal zwei Jahre älter gemacht, sonst hätte sie nicht verurteilt werden dürfen.

Ihr Lebensmut bleibt in den acht Jahren ungebrochen. Aber es gibt für sie ein Leben nach der Haft, an dem sie kläglich scheitert. Nach der Haftenlassung reist sie zu ihrer Familie nach Hamburg, führt zwei Ehen und hat drei Kinder. Aber nie erzählt sie von dem was war. Sie schämt sich und gibt nur Randgeschichten, für die sie belächelt wird, preis. Es kann dann ja alles nicht so schlimm gewesen sein, denken viele.

Erst heute, mit über siebzig Jahren, schafft sie es mit diesem Buch ihre Nachkriegszeit zu verarbeiten. Erstmals findet sie die Sprache über ihre gestohlene Jugend und die allmähliche Befreiung aus ihren inneren Mauern zu berichten. Dabei spricht sie ohne Pathos und ohne Beschönigung von Gräueltaten, von dem Kampf um ihre Kinder, über alles Leid, dass sie erfahren hat. Doch nie verliert sie sich in Selbstmitleid oder klagt andere an. Am Ende - jedes Mal wieder - mache ich das Buch zu und bin beeindruckt von dieser Persönlichkeit, die aus den Zeilen spricht.

Erika Riemanns Lebensbericht ist mehr als die Geschichte einer vom Leben gezeichneten und gebeutelten Frau. Er ist auch ein Spiegel gesamtdeutscher Geschichte und dabei weder trocken noch uninteressant.

Erschienen ist das Buch "Die Schleife an Stalins Bart" als Hardcover im Verlag "Hoffmann und Campe" und als Taschenbuch im Piper-Verlag.

3 Antworten

Kommentare

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    Ein sehr gutes Buch. Es steht seit langem in meinem Bücherschrank.

    26.06.2006, 19:07 von Zwiebelfisch
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    Du trifst die Stimmung, die Schwere nd Bedeutung dieses Buches genau. Und dein Schreib-/Sprachstil hat etwas ungewhnliches. Das macht Lust darauf mehr von dir zu lesen.
    Weiter so.

    gruß J.R:

    23.06.2006, 10:55 von chapel
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    Eines der besten Bücher die ich je gelesen habe!

    24.04.2006, 15:00 von Unschuld
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