Die kleine Fred und der dunkle See
Ein Märchen
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Es war einmal eine kleine Seele, die ihr wohlbehütetes, aber dennoch eintöniges Leben im Lande der Seelen lebte. Dieses Land liegt hinter den Hundert Toden, den Hundertundein Geburten, dem dunklen See, und ob das Tor des Vermißten auch in dieser Richtung liegt, daran scheiden sich die Geister. Doch von diesen soll hier nicht die Rede sein, sondern von der kleinen Seele Fred.
Am Leben der kleinen Fred - Seelen sind geschlechtsneutral, aber grammatisch weiblich - war im Prinzip nichts auszusetzen. Sie war wunderbar mit den Spielen der Seelen beschäftigt, wie dem Einklang der Seelen beispielsweise. Hierbei handelt es sich darum, die Stimmung der eigenen Seele mit anderen Seelenstimmung einer anderen in Einklang zu bringen - und die beiden, die es zuerst schafften, sich in Einklang zu bringen, durften sich vereinigen. Sie bewegten sich im Lande der Seelen, als wären sie eine einzige Seele. Sie schwebten über die Nebelpfade und durch die kantigen Schluchten des grenzenlosen Landes - frei und unabhängig und doch mit der Kraft und Geselligkeit einer Gemeinschaft.
Dieses ging solang, bis sie zwei Seelen trafen, die sie forderten und das Spiel begann von Neuem. Die Seelen trennten sich wieder und ließen ihre Emotionen schwingen. Da Seelen sich gegenseitig nicht sehen, können sie ihre Stimmungen nicht von den Gesichtern ablesen. Ebenso wenig können sie Seufzen oder Kichern mitteilen, was uns Menschen doch so vertraut ist. Allein Schwingen können sie. Die gesamte Seele kommt dabei in eine tiefgehende Bewegung und drückt damit eine Stimmung aus, während eine andere Seele versucht, diese zu ahnen, und selbst mitschwingt.
Fred hatte seit mehreren Ewigkeiten - das ist die Zeiteinheit im Seelenlande - keinen Einklang mit einer anderen Seele mehr erlebt und konnte sich auch nur vage erinnern. Lia war es gewesen. Es war eine innige, tiefe Schwingung gewesen, die sie verbunden hatte. Aber es kam ihr vor, als wäre dies nicht im Seelenlande gewesen. Immer häufiger kam in Fred eine unbestimmte Sehnsucht auf, die weiter ging als die Erinnerung an Lia. Und langsam fing das stumme und blinde Treiben der Seelen an, eine Schwermütigkeit in ihr zu wecken. Sie fing an, andere Seelen zu meiden, zu versuchen, keine Schwingungen zu erahnen, die ihr seltsam fremd vorkamen und langsam reifte in ihr der Entschluß, zu reisen.
Das Reisen der Seelen ist ein merkwürdiges Ding. Zum einen konnten Seelen über die Landschaften des Seelenlandes schweben und die sanften bis schroffen, bizarren oder einfach harmonischen Gegenden ließen die Seele stets neu und anders schwingen. Doch manche Landschaften waren auch gefährlich und konnten tiefe Melancholie oder Todessehnsucht erzeugen - in die Nähe dieser Gegenden wagten sich die Seelen nur im Einklang. Die vermuteten Grenzen lagen aber noch weit dahinter: die Hundert Tode, die Hundertundein Geburten und der dunkle See.
Der kleinen Fred schauderte beim Gedanken an Todes- und Lebensangst, die sie vom Hörenschwingen her kannte. Aber ihr Unglück, zu dem sich ihre Grundstimmung immer mehr hinabschwingte, trieb sie an, hin zu den Grenzen. Und so machte sie sich auf zu den Hundert Toden. Düsterer und schwärzer wurden die Landschaften, rauh und ziemlich oft waren Grenzen zwischen Boden und Luft gar nicht mehr ersichtlich und gefährlich. Denn nun ist es so, daß Seelen zwar durch Landschaften hindurchschweben können - aber es kostet sie viel Lebenskraft, um eine selbstbejahende Grundstimmung aufrechterhalten zu können. Auf ihrem Weg bemerkte sie, wie dunkle Schwingungen anderer Seelen sie streiften. Trauer. Wehmut. Todesangst. Aber dann hier und dort wieder Liebe. Dankbarkeit. Gleichmut. Stimmungen, die sie kannte, aber doch irgendwie verklärt, als wären diese Stimmungen letztendlich.
Die kleine Fred stellte verwundert fest, daß sie vom Einklang mit jeder dieser fremden Seelen, die an ihr offensichtlich vorbeisegelten, sehr weit entfernt war. Andererseits setzte ihr die Nähe des Todes gar nicht so sehr zu, vielleicht zog sie Kraft aus der Harmonie zwischen der Todesstimmung und ihrem eigenen gefühlten Unglück. So kam sie dann zu den Hundertundein Toden. Die sie umgebende Landschaft verlief ins Nichts einer unbeschreiblichen Farbe, während sich dahinter große dunkle Tore mit diffusen Umrissen aufspannten. Hinter diesen Toren schimmerte ein Weiß, wie es die kleine Fred nie gesehen hatte und in diesem Weiß ahnte sie Konturen von Angesichtern und Körpern.
Heftige Sehnsucht packte die kleine Fred und sie schwebte mit zunehmenden Verlangen auf den ersten Tod zu. Doch was war das? Der schwarze lodernde Rand des Tors wölbte sich zwar erwartungsgemäß über sie, doch das Weiß schien zu entfliehen und die Konturen verblaßten immer mehr. Dabei spürte sie einen Sog, der sie zurückdrängen wollte. Einmal gab sie dem Sog kurz nach und fand sich sofort vor dem Tor wieder. Sie stürzte sich von Neuem mit aller Kraft in den Tod und stemmte sich dem Weiß entgegen, aber während sich das Schwarz schon fast hinter ihr schloß, blieb das Weiß ungreifbar, ja es war fast so, als würde das Schwarz sie eher vollständig einhüllen, wenn sie am weitesten vorgedrungen war. In der kleinen Fred reifte die Erkenntnis, daß diese Tode nicht ihre Tore waren.
Sie durfte die andere Seite erahnen, aber nicht selbst dorthin. Und sie ahnte Glück und Leid. Die Stimmungen der anderen Seelen ahnte sie wie vorher schon, aber noch viel mehr und vielfältiger. Vollkommen abgelenkt und von unzähligen Ahnungen durchrüttelt, ließ sie sich in den Sog fallen und fand sich sofort dort wieder, wo die Landschaften des Seelenlandes im Nichts endeten und die Tode erhaben in Schwarz und hellem Weiß in der Ferne in aller Gelassenheit warteten. Die kleine Fred gab diesen Weg auf und machte sich auf die Suche nach den Hundertunein Geburten.
Abgestumpft für das Treiben im Seelenlande, welches ihr nun seltsam dünn vorkam, trieb sie durch Gegenden, über Höhen und Tiefen, in weite Fernen und war fast eine ganze Ewigkeit unterwegs, als das Land aufhörte und sie in eine Art bodenlosen Kosmos einschwebte. Stille und ein ruhiges helles Gelb umfing sie. Auch in ihr wurde es ruhig und seltsam leer, fast stimmungslos. Mittlerweile schebte sie vollständig im stillen, hellem rötlichem Gelb, daß sie sich fast nicht mehr als bewegend wahrnahm. Da stiegen zwei heftige Emotionen in ihr auf und rangen um Beachtung. Das erste war eine ferne, dunkle, furchtlose Erinnerung an diesen Ort, aber dazu kam plötzlich eine gierige Angst, die in ihr ein reißendes Feuer entzündete. Diese Angst drängte das leichte Erinnern zurück und bestimmte ihren Willen: Fort! Rückwärts!
Sie wußte nicht, warum, aber diese unbändige Angst um sich selbst, diese Existenzangst trieb sie zurück, und mit einer letzten fliehenden Vorstellung von Vorwärts und Rückwärts versuchte sie die Wende und tatsächlich kehrte nach und nach die Orientierung zurück, weit bevor sich das Rotgelb wie Nebel auflöste und vetraute Landschaften des Seelenlandes freigab.
Die Erinnerungen an die Angst quälten die kleine Fred noch lange, während sie ansonsten stimmungs- und ziellos durch die Landschaften segelte. Ihre Erinnerungen schwebten wie sie selbst orientierungslos in ihr, stießen einander an und gebährten absurde Phantasien, gingen und kamen wieder. Erst nach langem Dahintreiben kam ihr in den Sinn, daß sie jetzt zwei Grenzen ihres Landes kennengelernt habe. Kennengelernt? Nunja, sie hatte die Tode und die Geburten in ihren sich selbst widersprechenden Stimmungen gespürt und aufgenommen. Sie hatte die Enden der Landschaften überschritten und ist an äußere und innere Barrieren gestoßen. Wo wollte sie noch hin?
In ihr reifte der Wunsch nach Verstehen. Ein Begriff, der in seiner Bedeutung erst durch ihre Erfahrungen in ihr gewachsen war. Vorher gab es das Verstehen nicht - es gab das Leben und das Schwingen - und das Vereinigen von glücklichen Seelen, die aber weder etwas verstanden, noch den Wunsch nach derartigem verspürten. Die kleine Fred verspürte stärker und stärker ihr eigenes Nichtverstehen, eine Form der Dunkelheit, die sie vorher nicht kannte, denn es war nicht Trauer oder Tod, sondern ein kühles Nichts, eine Leere, die gefüllt werden wollte.
In ihr tat sich eine stumpfe Dunkelheit aus, die sich ausbreitete und sie selbst letztlich überstieg. Sie fand sich nunmer in einem dunklen, kühlen Etwas schwimmend wieder. Und plötzlich gewahrte sie Erinnerungen. Nicht dunkel und diffus, sondern klar und deutlich. Und stets, wenn eine Erinnerung aus dem Nichts kam, war es hier, als hätte sie vorher genau nach dieser Erinnerung verlangt. Sie sah Menschen und erinnerte sich, kurz vorher nach Menschen gefragt zu haben. Sie sah das Leben auf der Erde als Erinnerung, ein Leben, das sie eigentlich nicht kannte, aber welches ihr seltsam vertraut vorkam.
Während sich dieses in ihrem Inneren abspielte, fing das Schwarz um sie herum an, zu schimmern und zu wärmen. Auch schwebte sie nun nicht mehr an diesem Ort, sondern schwamm mit eigenen Bewegungen von hier nach da - und an diesen Orten bildeten sich Erinnerungskomplexe: Bäume, Tiere, Freude und Streit, Gesichter…
Gesichter. Lia. Sie sah Lia wieder und plötzlich wußte sie, wo sie war. Sie war an der dritten Grenze des Seelenlandes angekommen, dem dunklen See. Anscheinend hatte sie in diesem Moment nach dem dunklen See gefragt. Sie bewegte sich weiter in diesem See und empfing Antworten, während sie ihr eigenes Bewußtsein wachsen spürte. Die Tode! Natürlich konnte sie nicht durch die Tode gehen. Die Tode waren die Tore der Menschen, die dort ihre Seelen wie an einem Hafen einer fernen Reise anheimstellten. Dort gab es kein Rückwärts, zumindest nicht für Fred, die sich merkwürdigerweise nicht daran erinnerte, je durch die Hundert Tode gekommen zu sein. Dafür erinnerte sie sich an ihre Geburt, an dieses unbestimmte Gefühl, dieses Erlebnis, welches eine Seele nur dann angstfrei durchschreiten darf, wenn sie frei von Erinnerungen ist. Von jeglicher Erinnerung. Doch der Abschied von jeglicher Erinnerung bedeutet, schmerzende Angst zu durchlaufen, eine Angst, die die Todesangst zur Ängstlichkeit verkümmern läßt.
Fred spürte das Bewußtsein in sich aufsteigen, während sie im dunklen See mehr und mehr nach oben tauchte. Es schien, als kehrte ein Geist zurück. Ihr eigener Geist. Hatten nicht Geister noch von einer weiteren Grenze erzählt…
"Frederic!"
"Oh Frederic, du lebst! Was hast du nur getan? Frederic, ich hab dich so vermißt." Frederic spürte nasse Kühle auf seiner Haut, aber doch eine strahlende Wärme und Helligkeit darüber. Er spürte ein körperliches Unbehagen, es durchzuckte seinen Körper, ein krisselndes Gefühl in seinem Innern kämpfte sich nach oben und befreite sich durch ein nasses Husten.
"Frederic... "
Dann sah er ihr in's Gesicht. Liane kniete über ihn mit aufgelöstem, aber glücklichen Gesicht. Er spürte Leben in sich und sah, wie ihr Gesicht auf ihn zukam. Ihre Lippen. Und er ahnte, daß er eben etwas verpaßt haben mußte. Etwas ungemein Schönes, Warmes und Leben bewahrendes, das sich jetzt wiederholen sollte.



Kommentare
interessanter Text, sehr stimmig!
02.02.2011, 20:15 von topfbluemchenSchööööön!
19.09.2010, 01:11 von MissRevolveralso ich finde den text voll schön. ich mag diese gedanken
18.06.2009, 11:03 von kaltefuesseund vielleicht hat die kleine fred herausgefunden, dass das leben die aufgaben stellt, die sie bewältigen kann..
08.02.2009, 08:53 von vivesganz zart, ganz wunderbar.
13.12.2008, 19:39 von beenerinN Abend,
06.12.2008, 20:28 von alle_registerich würde da bald zwei Geschichten draus machen. Oder die Frau am Schluss nicht so TV-melodramatisch...äh, ok, hast Du gar nicht so geschrieben, meine billige Phantasie. Aber der Bruch ist ziemlich komplett von Fred zu Frederic. Wahrscheinlich ist das auch gewollt so, um des dramatischen Effekts willen, und weil die Seele in diesem Szenario ja nur ein Teil des Menschen ist – der wahrscheinlich (und das deckt sich ja mit der Alltagserfahrung diesbezüglich) kein eigenes Bewusstsein „im Leben“ hat.
Hm, ich finde die Seelenlandschaft schön, so als Verweil-ort. Ich würde aber noch wissen wollen (nicht unbedingt in dieser Geschichte, aber vielleicht doch),
-warum „Gender“ erst im Körper ein Thema wird,
-warum nicht mehrere Seelen zusammen schwingen können,
-ob die Seelen eine Grundschwingung Stimmung haben, oder nur eines von beiden, inwiefern und warum sich die verändert,
-und warum sie so gerne gleichschwingen. Dopplereffekt? Kein Rhythmusgefühl?
Übrigens hab ich bei der post-Uhrzeit des Artikels auf etwas zu später Stunde Geschriebenes gehofft. Statt dessen Konserve. Na, das hab ich Dir gleich gleichgetan.
Viele Grüße!!
im 12. absatz bitte :"kleine Fred"
04.12.2008, 21:00 von nancycolada;)
anregender texxt, interessante vorstelllungen die du da hast.
@nancycolada tja, und da hau ich selbst n fehler rein ;) text natürlich nur mit einem x :P
04.12.2008, 21:01 von nancycolada