MarcLippuner 03.11.2004, 18:50 Uhr 0 0

Die Kälte der Mittsommernacht

Stig Dagerman, „das schwedische Wunderkind der Literatur“, nahm sich vor 50 Jahren das Leben. Eine Erinnerung.

In diesem Jahr wurde Elfriede Jelinek nicht nur mit dem Literaturnobelpreis bedacht: Vor einigen Monaten, am 5. Juni 2004, erhielt sie eine Auszeichnung, die sich, ebenfalls in Schweden vergeben, doch vergleichsweise bescheiden ausnimmt – den Stig-Dagerman-Preis – benannt nach einem Dichter, der nicht nur der Preisträgerin bis dahin unbekannt war, sondern der selbst in seiner Heimat mittlerweile weitestgehend in Vergessenheit geraten ist.
Vor fünfzig Jahren jedoch zeigte sich ganz Schweden von der Nachricht seines Selbstmordes bestürzt und tief betroffen.
Mit Stig Dagerman, der zu den bekanntesten Vertretern der 'litterature engagee' im Schweden der Nachkriegszeit gehörte, starb ein Dichter, dessen schmales Werk den Nerv seiner Generation traf wie kein zweites.
Neben vier Romanen, wenigen Theaterstücken und zahlreichen Erzählungen, die vielleicht zu den illusionslosesten und verstörendsten literarischen Texten überhaupt gehören, präsentierte Dagerman 1947 die Eindrücke seiner im Jahr zuvor unternommenen Deutschlandreise in dem Reportagenband „Deutscher Herbst“.
Elfriede Jelinek bemerkt zu diesem Buch: „Ich bewundere Dagermans Gelassenheit und seinen Gerechtigkeitssinn den Tätern gegenüber, ohne daß er die Opfer dabei vernachlässigen und damit schänden würde. Gelassenheit ist bei diesem Autor das Sehen Wollen, ohne aktiv oder passiv einzugreifen. Außer man kann jemandem helfen. Gelassenheit ist nicht: geschehen lassen, aber es ist trotzdem Aktivität. Die Aktivität des Sehens und Beschreibens, die alles durch sich hindurchgehen läßt und es festhält, indem es nichts festhalten will.“

Am 5. Oktober 1923 in Älvkarleby als uneheliches Kind geboren, wurde Stig Dagerman früh von seiner Mutter verlassen und wuchs bei den Großeltern auf. Nachdem der von ihm verehrte Großvater 1940 von einem Wahnsinnigen niedergestochen wurde, entwickelte Dagerman aus dem Schmerz und der Konfrontation mit dem Tod heraus das Verlangen zu schreiben, um „aussprechen zu können, was es bedeutet: zu trauern, geliebt worden zu sein, einsam zu werden.“ Angst und Einsamkeit bleiben die zentralen Themen seines Werkes, dessen dichte, bildreiche, erschütternde Sprache an Kafka und Faulkner erinnert, wobei Dagermans philosophischen Gedanken in der Nähe des französischen Existentialismus anzusiedeln sind, wenngleich sie weitaus fragiler und weniger rigoros sind als die von Sartre oder Camus. Dagerman kannte keine heroisch ausgehaltene Trostlosigkeit, er war vielmehr ein unrettbarer Trostsucher: "Ich habe keine Philosophie, in welcher ich mich bewegen könnte wie der Vogel in den Lüften und der Fisch im Wasser. Alles was ich besitze ist ein Zweikampf, und in jedem Augenblick meines Lebens tobt dieser Zweikampf zwischen den falschen Tröstungen, die sich bloß die Ohnmacht steigern und meine Verzweiflung vertiefen, und diesen echten Tröstungen, die mich hinführen zu einer flüchtigen Befreiung", einer Befreiung im Wissen darum, "dass ich ein freier Mensch, ein unantastbares Individuum bin, eine innerhalb meiner Grenzen souveräne Person".
Schreiben bedeutete für Stig Dagerman ganz wesentlich Distanz zu gewinnen, zu seiner Weltanschauung, seinen Gefühlen, vor allem jedoch zu der Rigorosität sich selbst gegenüber, zu seiner "teuflischen Krankheit", die sich in einem ewigen Hass gegen sich selbst äußert". Die Ehe mit der Schauspielerin Anita Björk zerbrach, seine dichterische Kraft erlosch nach nur wenigen Jahren: Trotz zahlreicher Entwürfe zu neuen Arbeiten und verzweifelten Anstrengungen blieb „Schwedische Hochzeitsnacht“ aus dem Jahr 1949 seine letzte größere literarische Arbeit.
Dagerman, der sich zeit seines Lebens zu eben jenem Leben verurteilt fühlte, beging mit nur 31 Jahren Selbstmord. Er wurde am 4. November 1954 tot in seiner Garage aufgefunden: Erstickt an den Abgasen seines Wagens.



Werkübersicht (Auswahl):

„Die Schlange“ (Roman 1946),
„Insel der Verdammten“ (Roman 1947),
„Deutscher Herbst“ (Reportagen 1947),
„Spiele der Nacht“ (Erzählungen 1947),
„Gebranntes Kind“ (Roman 1948),
„Schwedische Hochzeitsnacht“ (Roman 1949).

Stig Dagermans Texte werden momentan nicht verlegt und sind nur noch antiquarisch erhältlich. Sie erschienen u.a. bei Limes, Reclam und Suhrkamp.

Zu seinen bekanntesten Erzählungen gehört „Ein Kind töten“, 1952 von Gösta Werner verfilmt. Dagerman beschreibt darin mit grausamer Leichtigkeit und minutiöser Genauigkeit den Morgen einiger Menschen, deren Leben sich mit einem Autounfall radikal ändern wird: „So unbarmherzig ist das Leben denen gegenüber, die ein Kind getötet haben, daß nachher alles zu spät ist.“

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