flughund 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Die ferne Stimme - Wie lange noch (5)

Am Abend schloß Vincent seine Wohnung ab und tappte die fünfundachtzig Stufen abwärts, die sein Vogelnest, wie die

Stimme seine Bude nannte, von der Straße mit den schnaufenden Lokomotiven trennten.

Bereits im Treppenhaus fing er zu frösteln an, und als er schließlich draußen stand, hinter ihm mit einem lauten Rumms die Eingangstür zufiel und der kalte Nieselregen ihn bis unter die Haarwurzeln erschauern ließ, zögerte er einen Moment. Sein Hals kratzte, er mußte husten. Sofort fiel ihm der angebrochene Rum im Vorratsschrank ein und daß es vielleicht besser wäre, er ließ die Kneipe sausen und bekämpfte stattdessen die aufkeimende Erkältung mit einem schönen starken Grog. Doch dann riß er sich zusammen, schlug den Kragen seines Mantels hoch, stopfte die Hände in die Taschen und marschierte los.

Er ging schnell, beinahe hastig, obwohl er eigentlich keinen Grund zur Eile hatte, schließlich war es gerade mal zehn Uhr, und bis zum Gun Club, der um diese Zeit überhaupt erst öffnete, brauchte er höchstens eine Viertelstunde. Aber die Bewegung tat ihm gut, sie heizte seinen Körper auf. Und in seiner engen Bude, deren schräge Wände ihm neuerdings oft bedrohlich nahe rückten, hatte er es einfach nicht mehr länger ausgehalten. Außerdem hatte er nach seinen fruchtlosen Bemühungen, den magischen Brief zu schreiben, einen festen Entschluß gefaßt. Er wollte rausgehen, unbedingt, und zwar richtig raus. Also nicht bloß um die Ecke zum Einkaufen in den Supermarkt oder in die Drogerie oder zur Post oder auf die Behörde, sondern richtig unter Menschen. Wenigstens für ein paar Stunden wollte er mal wieder unter Leuten sein, mit denen er abhängen und bei einem Bier ein wenig quatschen und dabei auf andere Gedanken kommen konnte. Zu Hause drehte er sich ja doch immer wieder bloß im Kreis, da hätte er nur wieder gewartet, hätte bis in die frühen Mor-genstunden hinein vor laufender Glotze ausgeharrt - schlaflos, rastlos, unproduktiv, neben sich das verdammte Telefon, dieses bordeauxrote, gräßlich glatte Kunststoffteil mit korkenzieherartig verdrehtem Kabel dran, seiner Nabelschnur, die ihn nur allzu selten mit dem versorgte, wonach er sich so sehr sehnte. Das dämliche Ding hatte nun schon so lange nicht mehr geklingelt, bestimmt klingelte es auch heute abend nicht.

Mit Ausnahme der Stimme rief abends ja sowieso niemand mehr an. Wozu auch? Wenn man Gesellschaft wollte, dann ging man einfach auf die Piste, ganz zwanglos, ohne großartige Verabredungen vorher. Irgendwelche Bekannte traf man immer unterwegs.

Syd zum Beispiel.

Das wäre gut, der schuldete ihm noch hundert Mark. Und bei der Gelegenheit könnte er gleich mal nachhaken wegen dieses Jobs, von dem neulich noch die Rede war. Wenn er sich davon auch nicht allzuviel versprach, weil sich solche Begriffe wie „Job“ und „gegen Bezahlung“ in Syds Sprachgebrauch nicht auto-matisch zu decken pflegten.

Syd war zwar echt ein prima Kerl, aber umtriebig bis zum Exzeß. So einer, der ständig unter Starkstrom stand, der nur so sprühte vor Ideen, der andauernd neue Pläne und mindestens zwanzig Sachen gleichzeitig am Laufen hatte, und wenn man nicht aufpaßte wie ein Schießhund, spannte er einen gnadenlos mit ein. Für lau natürlich, so auf der Basis Freundschaftsdienst. Wie Syd das anstellte, war ihm schleierhaft, er wußte nur, es funktionierte meistens. Erst kam der Kumpelklaps auf die Schulter, man redete harmlos miteinander über die dies und jenes, und am Ende saß man unversehens da und hatte irgendeine Aufgabe am Hals."Wichtige Links zu diesem Text"
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Roman, erschienen 2006 bei Lulu.com

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