PaulGenarrow 26.12.2012, 22:19 Uhr 2 0

Die Akte H (Arbeitstitel) AUSSCHNITT ab Seite 26

Michael Preston hat das Erbe seines Vaters angetreten und erhält einen mysteriösen Anruf. Innerhalb weniger Stunden überschlagen sich die Ereignisse.

European Southern Observatory

VLT (Very Large Telescope),

Atacama-Wüste, Chile

15.13 Uhr

Karl Fechter hatte die ganze Nacht mit der Analyse eines Himmelskörpers im Sternbild Löwen zugebracht und war darüber eingeschlafen. Sein Norwegischer Kollege hatte sich bereits seit mehr als drei Minuten vergeblich bemüht ihn zu wecken.

"Wasn los", murmelte Fechter schlaftrunken.

"Hast Du die Daten schon ausgewertet, Karl?"

Fechter schleppte sich aus dem kleinen Raum, in dem er eigentlich nur ein Nickerchen machen wollte, setzte seine speckige Brille auf und entfernte ungeschickt eine Strähne aus seinem Gesicht. Noch im Halbschlaf schnaufte er vor sich hin und gab Bill ein Zeichen. Kaffee! Bill Wardner war einer der ersten, die sich dem ESO Projekt nach der Uni angeschlossen hatten. Ehrgeizig und immer hilfsbereit, waren er und der Norweger Namens Jorn die besten Freunde von Karl geworden.

"Kommt sofort", sang Bill und flog in die Küche, in der eine Jura ihren Dienst verrichtete.

"Boah, mir fliegen die Augen aus dem Kopf", hauchte Karl, der sich beim Strecken und gähnen gebärdete, als wolle er den Schlag eines Profiboxers abwehren. "Hab ich was übersehen?"

Das Geräusch der Kaffeemaschine allein versetzte Karl in den Zustand der Glückseligkeit. Gleich, wenn der erste heiße Schluck getan war, würde er wieder unter den Lebenden weilen.

"Übersehen? Wenn Du das hier meinst", musterte Jorn seinen Kollegen. "Ich glaube, dass Du noch vor dem Ergebnis eingepennt bist, kann das sein?"

"Was ist denn, dann sag doch", jammerte Karl.

Bill tänzelte mit dem Becher heißen Kaffees in das Allerheiligste und blieb wie angewurzelt stehen.



Das LINN

15.19 Uhr

Mr. Linn, Aaron Van Lohe und Michael Preston gingen wenige Meter weiter und erreichten einen zweiten Raum, der, wie Michael es gewohnt war, völlig normale Eigenschaften besaß. Obgleich dies augenscheinlich eine Schaltzentrale war, hatten sich die Mitarbeiter hier sehr wohnlich eingerichtet. Eine Couch, mehrere Sessel, Spielkonsolen, Zimmerpflanzen und sogar ein kleines Aquarium. Von den fünfzehn Anwesenden waren einige von einer ehrfurchtartigen Überraschung erfüllt worden, als sie "Bob", den sie "den Hüter" nannten, leibhaftig vor sich sahen.

"Setzen wir uns", sagte Mr. Linn. Blitzartig lösten diese Worte ein weitreichendes Durcheinander aus. Einige verschwanden, andere tauchten auf und sogleich wurden Sitzgelegenheiten, die mit irgendetwas blockiert waren oder auf denen jemand saß, der nichts zu tun hatte, freigeräumt. Bob hatte nicht zu warten. Das hatte er niemals. Man kannte seinen Arbeitgeber. Und man tat es gerne für ihn. Die Annehmlichkeiten, die man als Mitarbeiter für Mr. Linn genoss, waren von exquisitem Rang. Wer hier arbeitete, dem mangelte es an nichts. Außer manchmal an Freizeit. Aber das nahm man gerne in Kauf.

Mr. Linn machte ein paar Gesten und bedeutete Michael sich auf den Sessel in Richtung Leinwand zu setzen, zwischen ihn und Van Lohe.

"Michael", sagte Mr. Linn in seiner entspannten Art, ich hoffe, Mr. Van Lohe hat Dich sicher hierher gebracht. Eine kurze Pause entstand in der sich ein paar unsichere Blicke trafen, und Michael atmete tief durch. "Mr. Linn, ich...", Michael war sich zum ersten Mal unsicher, was er sagen sollte.“... ich bin alleine gekommen. Nach dem Anruf bin ich sofort los gefahren. Aber ich muss gestehen, es dauerte einige Zeit, bis ich herausgefunden hatte, wo ich hin musste." Robert Copper-Linn drehte sich schnell, aber nicht zu hastig nach links, wo Aaron van Lohe kurz vor einem Hustenanfall stand und nervös mit den Augen knipste.

"Hatte ich sie nicht ausdrücklich instruiert, Michael Preston mit dem Bentley abzuholen?" Mr. Linn wischte sich einen imaginären Fussel von seiner Schulter.

Van Lohe räusperte sich, und er schien seine Stimme nun gänzlich verloren zu haben. "Ich hatte ihn angerufen...", röchelte er hilflos, "... und dann gab es diesen Zwischenfall, Sir."

Michaels Augenbrauen zogen sich düster zusammen. "Will der uns ver...", er verkniff sich den Rest. Mr. Linn legte eine Hand an sein Kinn und brummte bestätigend. "Er hat schon recht, Michael, aber das kannst Du nicht wissen. Ich war nur der Meinung, die Zeit würde gereicht haben. Hat er dich wenigstens informiert, dass die Zeit knapp werden würde?" Michael dachte einen Moment nach. Dann fiel es ihm wieder ein: "Und seien Sie pünktlich, wenn ich bitten darf", sagte er am Telefon. Als wir dann in diesem Gebäude eintrafen sagte er dem Wachmann, dass wir fürs Erste nicht viel Zeit hätten. Was auch immer das zu bedeuten hatte.“

Mr. Linn wiegte gemächlich seinen Kopf hin und her und fügte hinzu, "Wir sollten zur Sache kommen. Im laufe des Nachmittags wirst Du alles Weitere erfahren."

Bei diesen Worten stieg eine unbekannte Unsicherheit in Michaels Brust auf. „Wird es lange dauern? Ich habe noch eine Formel auf meinem Rechner, die ausgewertet werden muss.“

Mr. Linn drehte sich auf dem schweren Ledersessel und beugte sich zu Michael herüber, sah ihm in die Augen und sagte: „Deine Formel braucht sicher noch eine gewisse Zeit, nicht wahr? Oder lass es mich anders Formulieren. Deine Formel brauchte Dein Wissen und Deine Zeit. Wenn die Zeit rum ist, weißt Du, dass Du deine Formel nicht mehr brauchen wirst.


European Southern Observatory

VLT (Very Large Telescope),

Atacama-Wüste, Chile

15.34 Uhr

Karl, Jorg und Bill bemühten sich gar nicht erst ein intelligenteres Gesicht aufzusetzen. Es musst sich um einen Irrtum handeln, zweifelsohne. Eine andere Möglichkeit stand gar nicht erst zur Debatte. Was auch immer dieses Ergebnis hervorgerufen hatte, es war mit absoluter Sicherheit falsch. Davon war jeder hier im Raum überzeugt.

„Sollen wir uns das mal aus Arecibo bestätigen lassen“, brach es aus Jorg heraus.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, gab Karl zum Besten. „Es war doch unsere Aufgabe ein Dementi oder eine Bestätigung auszusprechen oder etwa nicht?“

Bill, der noch immer den Kaffeebecher in der Hand hielt, führte erstmals 1:0 in der Liga der Schweigsamen.

„Es hilft alles nichts“, stellte Karl fest, „da wir davon ausgehen müssen, dass die Teleskope einwandfrei arbeiten…“

Eine Tür flog auf und spuckte Evander Kir aus, der sich mit seiner Videokamera in der Hand einen Spaß daraus machte, seine Kollegen bei der Arbeit zu überraschen.

„…sollten wir… komm doch rein, Evi“, retournierte Karl. „Kurz und knapp: wir müssen Meldung machen. So oder so!“

Evander klatschte affektiert in die Hände. „Bravo, Bravo!“

Drei gespielt langweilig dreinblickende Augenpaare musterten Evander und straften ihn mit umgehender Missachtung.

„Hab ich was falsch gemacht? Leute… was ist denn hier los? Wieder ne tote Galaxy? Captain Kir an Erde!“

Bill flog der Draht aus der Mütze. Er schloß die Augen.

„Evi! Du nervst!“

„Wir versuchen gerade lediglich zu klären, ob wir dieses Objekt melden sollen oder eben nicht“, ergänzte Jorg, der einen leicht homo erotischen Unterton einfließen lies.

„Huch“, trällerte Evander, „was ist es denn?“

Karl schloss den Kaffeklatsch und führte den sachlichen Ton wieder ein. „Unser Problem ist folgendes: Gestern Abend bekamen wir einen Anruf aus München. Es hat geheißen, ein Hobbyastronom beobachte seit über einer Woche ein Objekt im Sternbild des Löwen.“ Evander lies das Handy sinken und verstand langsam die Ernsthaftigkeit der Situation. „So… man hat uns gebeten dieses Objekt zu bestätigen oder zu dementieren. Für Ersteres gilt, wir sollen in diesem Fall auch herausfinden um was es sich handelt.“

Evander stapfte zum Monitor, der die Informationen anzeigte, um die es ging. Der Spaß hatte nun auch für ihn ein Ende. „Was zur Hölle ist das, Jungs?“

„Das wissen wir eben nicht“, sagte Bill

Karl griff seinen Gedanken wieder auf. „Wie ich schon sagte, wir sollten eine Meldung machen. Am besten jetzt.“


Das LINN

15.43 Uhr

Auf der Leinwand war ein eigenartiges, vertikales Rauschen auszumachen. Die ersten Farbeindrücke wirkten ungesund. Alles schien verschoben oder gewölbt zu sein. „Wir arbeiten daran“, gab ein kleinäugiger Kittelträger zum Besten.

Michael kniff immer wieder seine Augen zusammen und versuchte aus dem Wirrwarr eine zusammenhängende Struktur oder bestenfalls ein für das menschliche Auge erträgliches Bild zu erhalten. Seine Frage nach dem Sinn dieser "Hirnattacke", wie er es nannte, kommentierte der , aus Mombasa stammende, stellvertretende Leiter der Abteilung 14, Kilabe Ukusu „Die Rechenzeit zur Umwandlung ist enorm, wir arbeiten an dieser Sequenz seit über drei Jahren, weshalb wir ihnen… ähm… aufgrund der heutigen Situation, einfach das Original vorspielen.“

„Was meint der damit“, wollte Preston wissen.

Van Lohe schmunzelte. „Sie werden staunen, mein Freund.“

Mr. Linn bedeutete Van Lohe nicht den Kumpel zu mimen und fügte an Michael gerichtet hinzu, "Dieses Video ist nicht das Einzige. Aber er hat recht. Es wird dir die Augen öffnen.

„Ein Video mit Farbfehlern und grausiger Verzerrung? Ich überlege schon die ganze Zeit, wie ich das mit geöffneten Augen überhaupt ertragen soll. Vor allem wüsste ich gerne, welchen Sinn das haben soll.“

"Nur Geduld, Michael", sagte Mr. Linn und wollte wissen, ob er im etwas zu trinken bringen lassen könne. Michael lehnte dankend ab.


Angespannt blickten die Anwesenden auf den Film. Besonders auffällig war das nervende hell-dunkel Spiel oder genauer gesagt das Farbbild-zu-gelb-flacker-Video, dessen vordergründiger Effekt scheinbar darin bestand, keine sinnvollen Informationen zu transportieren. Ab und zu war das Bild sehr verrauscht, dann wieder gestochen scharf, ohne erkennbare Raster oder Zeilen. Es bestätigte sich der Eindruck, dass ein zunächst undefinierbarer Hintergrund zu sehen war, vor dem man die Kamera hin und her bewegte, eben nur mit jenem besonderen Unterschied, dass neben den grausigen Farben auch der Rahmen des Videos nicht klar abgegrenzt war und vor allem eher eiförmig oder formlos wirkte.

„Was zum Teufel soll das?“ Michael wurde zunehmend ungeduldig.

Alle weiteren Anwesenden schwiegen, denn sie kannten den Inhalt und ließen Michael seine Erfahrung selber machen.

Als die ersten brauchbaren, visuellen Eindrücke zum Vorschein kamen, musste man schon sehr genau hinsehen, um festzustellen, was dort zu sehen war. Michael war, als hätte er kurz einen Mann im Bild auftauchen sehen, der umgehend wieder verschwunden war. Nichts Besonderes offensichtlich. Ein nahezu leerer Raum, dessen reale Farbe sicherlich nicht Lila war. Denn der Mann zuvor hatte grünliche Haut. Also irgendwie waren die Farben im Spektrum verschoben oder sonst wie durcheinander geraten. Einer der anwesenden Forscher, ein winziger Mann mit schütterem Haar, der sich im Hintergrund aufhielt, gab zu verstehen, dass es sich sozusagen um eine andere Fernsehnorm handele, die ihm aber momentan noch ein Rätsel sei. Michael verdrehte seine Augen so sehr, dass es fast bis in seine Stirn hinein blicken konnte und wollte wissen, welche Fernsehnorm man denn noch nicht zu kennen glaubte. Doch urplötzlich wurde ihm klar, dass er es nicht mit einem gewöhnlichen Video zu tun hatte. Etwas hatte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Leinwand gelenkt. Dort schwenkte die Kamera mit einem Mal wild hin und her. Das waren keine gewöhnlichen Kameraschwenks. Offensichtlich wurde die Kameraführung mit einer Präzision ausgeführt, die Michael völlig aus dem Konzept brachte. Da waren Personen im Bild, Gegenstände. Alles wirkte vertraut und doch eigenartig. Michael machte in erster Linie die grausigen Farben für diesen Eindruck verantwortlich. Aber die Führung der Kamera. Absolut faszinierend. Nichts war verwackelt, die Schwenks fast blitzartig, dass man den Eindruck hatte, das Objektiv sei nach aufsuchen des Zielobjektes an selbigem fest getackert. Doch immer unterbrochen von einem kurzen, aber weichen gelbfarbigen Bild, das zwar störend wirkte, bei dem es sich aber um keine Störung handelte, wie Mr. Linn nachdrücklich versicherte. Es war eher eine Art Aufblitzen. Und Michael wollte wissen, was, wenn es keine Störung war, diesen Effekt auslöste. Eine neue Szene ließ Michael diese Frage umgehend vergessen.

"Wen filmt der da“, warf er verdutzt in den Raum, und beobachtete einen Mann, der in einer Art Rahmen stand. Wurde dort ein Monitor abgefilmt, ging es Michael durch den Kopf "Ich meine...", sagte er verblüfft, "...ich hatte fast gedacht... es sah so aus, als würde jemand sich selbst im Spiegel aufnehmen. Komisches Bild ist das!"

"Ist das Dein Eindruck? Dann hast Du das völlig richtig erkannt. Er filmt sich selbst. Der Mann steht vor einem Spiegel." Mr. Linn beobachtete Michaels Reaktion genau.

"Ja, das dachte ich zuerst auch. Aber auf die Art ist das doch nicht möglich"

"Es ist aber tatsächlich so. Das ist sein Spiegelbild. Warte kurz. Er wird gleich vor den Spiegel treten und seinen Arm ausstrecken. Dann kann man es prima erkennen."

"Wo ist denn dann die Kamera? Wie kann er sich selbst filmen ohne dass man die Kamera sieht."

Auf der Leinwand trat der Mann, dessen Kleidung nicht sonderlich auffällig war, an den Spiegel heran, streckte seinen Arm aus und berührte mit seiner Hand das Siegelbild. Es sah genau so aus, wie wenn man diese Szene selbst vor einem Spiegel nachstellt.

"Du meinst, man sieht die Kamera nicht? Oh, man sieht sie schon... Wir haben - ehrlich gesagt - anfangs auch nicht glauben können, dass diese Menschen von damals über solch ausgeklügelte und wahrlich unglaubliche Videotechnik verfügten. Aber man muss es nehmen, wie es ist; die Kamera oder besser die Kameras..." Mr. Linn dachte über eine andere Formulierung nach, doch sie wollte ihm nicht einfallen. "...du kannst doch seine Augen sehen, nicht wahr?"

Michael schüttelte mit kurzen Bewegungen seinen Kopf, als wolle er seine Fragen sortieren und in die richtige Reihenfolge bringen.

"Was meinen sie mit MENSCHEN VON DAMALS? Geht es hier um den Zeitraum seit dem Sie alle hier an dem Film arbeiten? Wie viele Jahre waren es doch gleich... sieben?" Michael blickte in die Runde. Mr. Linn bedeutete einem Mann am Computer das Video anzuhalten. Während Michael fortfuhr, wurde die Leinwand dunkel und der Raum erhellte sich langsam, wie in einem Kino nach der Vorführung. "Und wollen Sie andeuten, die KAMERAS seinen in seinem Kopf? Hab ich das so zu verstehen", polterte Michael Mr. Linn an und bewegte sich unruhig auf dem Sessel hin und her. Das ist unmöglich"

"Weshalb glaubst Du flackert das Video in unregelmäßigen Abständen, Michael?"

"Ich hab das schon verstanden! Keine Sorge. Sie meinen das Flackern ist das Schlagen der Augenlider, nicht wahr?"

"Das nehmen wir an… also, wir haben von Anfang an angenommen, dass es die einzig logische Erklärung dafür wäre. Wir haben nur ein Problem. Und das ist nicht, dass wir so lange an einer Möglichkeit arbeiten, das Video in eine, für uns richtige, Norm zu übersetzen. Unser Problem liegt darin, dass diese Art der Videographie eigentlich noch gar nicht erfunden wurde."

Michael schloss seine Augen, hob die Brauen und neigte seinen Kopf leicht, als hätte er einen Gesichtskrampf, während Mr. Linn seine Ausführung fortsetzte.

"Walter! Das Video bitte..."

Die Leinwand wurde erneut hell.

"Eine Technik der Zukunft..."

Ein im Hintergrund wahrnehmbares Poltern schreckte Michael auf. Es wurde begleitet von einem harten Schwenk.

"Hat das Video etwa auch Ton? War das in dem Video?"

"Ja, natürlich. Das Video hat Ton. Leise aber gut wahrnehmbar. Du musst das alles für einen schlechten Scherz halten..."

Auf der Leinwand wurde es schlagartig hell, als hätte man eine Türe geöffnet. Dieses Bild war extrem klar, die Farben sauber und Michael erkannte eine Hand, die sich ins Bild schob, gerade so, als würde sich jemand von der Helligkeit geblendet, die Hand vor die Augen halten. Eine Stimme war zu hören. Dann folgte ein langes "huuu", dass klang, als hätte jemand einen Heidenspaß. Jetzt ging alles rasend schnell. Die gleiche Kameraführung wie in der Szene zuvor. Doch diesmal war es mehr als klar, was hier passierte. Es musste etwa ein Meter gewesen sein, die die Person von irgendwoher herunter gesprungen war. Das Sichtfeld fing die Arme kurz ein, die sich beim Sprung wedelnd in der Luft bewegten. Ein Aufprall folgte. Knapp aber deutlich kamen die Füße für einen kurzen Moment ins Bild. Es musste wohl ein Mann sein. Er schrie etwas unverständliches, aber es klang fröhlich. Er rannte los, so schnell er offensichtlich konnte. Er lachte laut. Die Landschaft war grün, mit Gräsern und Sträuchern bedeckt. Einige Bäume standen in der näheren Umgebung. Michael biss seine Zähne so fest zusammen, dass seine Wangenmuskeln hervortraten. Er blickte fast enttäuscht.

Im Hintergrund kam dem Betrachter eine sonnige Landschaft entgegen, die wie auf Schienen gefilmt wirkte, während man die schnellen Schritte, atmen und leichte Windgeräusche wahrnahm. Immer wieder harte Schwenks, die eher wie Schnitte im Film wirkten. Aber alles hing zusammen. So, wie man eben sieht. Alles, was man betrachtet, wird vom Auge des Betrachters fixiert. Man kennt das nicht anders. Aber dieser Effekt in einem Video... das war ungewohnt. Schließlich weiß man, wenn man guckt, wohin man guckt. Man tut dies ja, weil man es so will. Aber wenn man auf eine Leinwand blickt, mit einem Video, auf dem man sieht, wie ein ANDERER Mensch sieht... das ist heftig. Weit entfernt glaubte Michael am Horizont einige Strukturen ausmachen zu können, die wie eine mächtige Stadt aussahen. War es eine optische Täuschung oder waren diese Gebäude... Nein, das konnte nicht sein. Michaels Einschätzung nach müssten diese Hochhäuser im Verhältnis zum Betrachter einen Kilometer oder höher sein. Nein. Michael wollte sich gerade einreden, dass es so nicht sein konnte. Eine optische Täuschung. Nichts weiter. Der Mann, dessen Augen offensichtlich diese Landschaft während eines kurzen Auslaufs gefilmt hatten, wurde langsamer und stoppte schließlich. Im Bild waren seine Beine und darauf aufgestützten Hände zu sehen. Coole Schuhe, dachte Michael noch, der dem Hecheln des Mannes zuhörte, der ziemlich außer Atem war. "Ese guet", rief der Mann und lachte.

"Klingt irgendwie nach einem Schweizer", feixte Michael und fügte hinzu, "Ich nehme mal an, es ist nicht zu weit hergeholt, wenn ich annehme, dass die Ohren als Mikrofon dienen?"

"Schweizer ist gut", lachte ein dicker, offensichtlich eher für die Küchendienste abgestellter Mann.

Die Leinwand offenbarte den Anwesenden den Blick durch die Augen eines fremden Mannes. Und er blickte zurück. Dort hin, von wo er losgelaufen war.


European Southern Observatory

VLT (Very Large Telescope),

Atacama-Wüste, Chile

16.01 Uhr

Das Gebilde auf dem Monitor war mittlerweile nur noch ein viertel Lichtjahr entfernt und bewegte sich mit enormer Geschwindigkeit auf das Sonnensystem des Planeten Erde zu. Die Größe des Objektes wurde von den Kollegen aus Arecibo bestätigt. Durchmesser ca. 2,5 Kilometer. Das Geschoss raste mit 150.000 km/s durch das Weltall und erzeugte nicht nur in Chile eine unangenehme Stimmung bei den Betrachtern.

Karl hatte in der vergangenen halben Stunde mehrfach die Meldung des Objektes angemahnt. In wenigen Minuten würde etwas großes, unbekanntes den Mars passieren. Karl empfing nun endlich das bestätigende Kopfnicken. Er griff zum Telefon.


Ausschnitt aus meiner Arbeit

Copyright Paul Genarrow



2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Davon gibt's noch mehr ???

    Hm.

    27.12.2012, 17:48 von cosmokatze
    • 0

      Ja, gibt es. Ist das jetzt schlecht oder gut? ;)

      27.12.2012, 17:52 von PaulGenarrow
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