Deutschland-Italien, Exitus-Exodus
Was wäre, wenn ein deutscher Dichter seine WM-Erfahrungen in Verse gesetzt hätte? Und das Ergebnis beim Bachmannpreis der Jury zu Gehör gebracht?
Moderator:
Ich begrüße Sie ganz herzlich hier in Klagenfurt. Eröffnen wird heute abend Uwe Tellkamp. Herr Tellkamp wird sein Gedicht „Deutschland-Italien, Exitus-Exodus“ lesen. Bitte.
Tellkamp:
Und Ecke!
Perotta schießt, nur Lehmann fistet ab, der Schwarze Blitz,
ich seh bloß Gegnerrecken sich strecken nach der Decke,
der Angriff kraß daneben wie’n unrasierter Witz!
Metzelder klärt, Nullnull der Stand, Zambrotta rennt!
Erwischt das runde Ding,
wird mit bewährter Grätsche
getrennt von der Kartätsche
vom fairen Mertesack.
Da hatten die Tifosi ganz schön voll die Hosi.
Der Fanblock schreit: Geh duschen!
Anstatt hier rumzupfuschen.
Das lassen wir uns nicht bieten –
voll drauf auf diese Nieten.
Der Schieri schwenkt die Kappe und schreit nach Sanitäter,
Pfiff! Nullnull der Pausenstand, zurück ins Funkhaus, Werbebreak, bis später.
Moderator:
Vielen Dank. Meine Damen, meine Herren, der Text ist Ihnen allen bekannt; ich möchte die Diskussion eröffnen. Frau Schneider, wollen Sie bitte beginnen?
Schneider:
Also, was sofort an dem Text gefallen hat, als ich ihn zum ersten Mal gelesen habe, das ist der atemlose Sog. Wie Herr Tellkamp da den Spielverlauf rekonstruiert, das habe ich gleich wiedererkannt. Es war für mich ein ganz nervöser Text, ein abgerissener Text, wie das Spiel auch ein sehr nervöses Spiel war, ich meine, erst mal nicht Totti gegen Totti, dann die ständigen Ecken für die Italiener und unsere Jungs mit der Seuche am Fuß. Aber egal. Also ein Text, der überhaupt nicht mit seinem Thema fertig ist, sondern ein Text, der selber seiner Sache hinterrennt – wie ja auch die Deutschen, wenn Sie den Vergleich gestatten, immer dem Ball hinterhergerannt sind –
Maser:
Die Italiener aber auch!
Moderator:
Keiner ist schneller als der Ball.
Schneider:
Genau, das meine ich: Das Gedicht versucht festzuhalten, gierig festzuhalten. Das ist hier eine Weise, finde ich, damit umzugehen, was Sport heute für uns ist. Leben überhaupt. Und Dings, äh, Gott. Man sieht ja, wo man sich da befindet. Klar, diese Reimverwendung, Tifosi-Hosi, duschen-pfuschen, das mag ein bisschen dick sein; aber praktisch der Pfiff, also der Pfiff des Schiedsrichters – am Anfang für den Eckstoß, dann der Abpfiff zur Halbzeit kurz vor Schluss, sozusagen als Klammer um den Text, das finde ich, also, dass das ein sehr zeitgemäßer Text ist.
Moderator:
Danke. Herr Schammer.
Schammer:
Wir haben ja gestern und heute schon mehrfach das Wort von der Expedition benutzt, Expeditionen in sehr genau beobachtete Wirklichkeitsbereiche, zum Arbeitslosen in die Fabrik, ins Kinderzimmer; und hier wird das wieder zum Thema gemacht, die Expedition ins, nein, zum Fußballspiel, die verschiedenen Stimmen, Jubel der Menge, die Mannschaften, ein Eckstoß – das ist ein überreiches Material, das hier angehäuft wird.
Ich habe nur ein Problem mit diesem Text: Dass ich hier zu wenig höre; also in der Fachsprache, in der Fußballsprache, würde man vielleicht sagen: „Der Rasen brennt, aber auf dem Ball liegt Schnee.“ Verstehen Sie? Ich werde den Eindruck nicht los, dass das Gedicht sehr präzise konstruiert ist, dafür aber auch mit einer modellierten Mechanik vor sich hinklappert, mit kalkulierten Effekten spielt. Zum Beispiel hier: Gegnerrecken sich strecken nach der Decke. Das ist, also vom Klanglichen her, ist das doch mit Absicht so gesetzt. Und das erzeugt so, so eine Schwere auf den Buchstaben –
Maser (dazwischen):
Das Spiel wird im Kopf entschieden!
Schammer:
Lassen Sie mich grade noch – deshalb ist die Wirkung, glaube ich, etwas Gleichmäßiges, Einschläferndes, und die Spannung zwischen Absicht und Wirkung ist das Problem von, äh, „Deutschland-Italien, Exitus-Exodus“. Wenn man das ein bisschen böse formulieren wollte, was ich gerade gesagt habe, dann muss man sagen: Für schön spielen gibt es keine Punkte. Zumindest nicht von mir. Und da würde ich doch für die Zukunft empfehlen, den Ball beim nächsten Mal einfach laufen zu lassen, nicht? Der hat mehr Luft als wir alle zusammen. (lacht)
Moderator:
Es gibt Tage da verliert man, und es gibt Tage, da gewinnen die anderen. Frau Singvogel, bitte.
Singvogel (stockend, aber prononciert):
Also, ich möchte doch noch etwas sagen zum Bezugsgeflecht Realität-Fiktion, Wirklichkeit-Literatur; also, wenn hier ein Autor versucht, etwas nachzubilden, was wirklich passiert ist – die meisten von Ihnen haben das Spiel sicherlich verfolgt – und so eine Szene wie, na, Tottis Freistoß, und Lehman sagt „Danke“ und pflückt die Kugel einfach aus der Luft –
Moderator:
Riesenszene!
Singvogel:
Also, wenn das so gar nicht erwähnt wird, in dem Text, oder als, Dings, als Klose von der rechten Seite mit so einem Zuckerpass zu Schneider, oder eben, kurz vor Schluss, dieser, dieser Lehrbuchkonter der Italiener, und dann Del Pierros Schlenzer ins lange Eck. Also, was ich meine, ist: Wenn dieser Text vorgibt, die Chronik eines Ereignisses zu sein, ja, dieses Spiels zu sein, also Wirklichkeit abzubilden, und da gibt es ganz viele Indizien, die Schusssymbolik überall, und dann, dann denke ich doch, muss sich das Gedicht auch an der Wirklichkeit messen lassen.
Maser (dazwischen):
Wenn der Torwart einen Fehler macht, ist es meistens ein Tor.
Moderator:
Frau Maser, Sie sind gleich dran.
Singvogel:
Und, äh, dann finde ich noch wichtig und interessant, also, das Verhältnis von Wort und Bild. Hier versucht ein, äh, also, so entwickelt der Text eine ganz schöne Poetik, darüber, wie entsteht eigentlich Literatur. Ja? Am Beispiel Fußball. Ein Gedicht muss präzise sein, und es muss poetisch sein. Also: „Tifosi. Voll die Hosi.“ Das ist die Präzision. „Wird mit bewährter Grätsche / getrennt von der Kartätsche / vom fairen Mertesack.“ (enthusiastisch) Das ist Poesie, meine Damen und Herren! Also in dieser Hinsicht ist es sehr reich, sehr genau gearbeitet.
Moderator:
Frau Striegel. Bitte.
Striegel (österreichisch):
Ich möchte noch einmal eingehen auf eine Stelle, die wir so noch gar nicht angesprochen haben, nämlich hier in der vierten Zeile, „der Angriff kraß daneben wie’n unrasierter Witz“. Also, da fragt man sich doch instinktiv, was ist das für eine Trope, die Herr Tellkamp da einwirft? Was ist das für einen Bildraum, den er da aufmacht? Wenn man sich das Rasieren mal als Tätigkeit vorstellt, wo also Barthaar, oder anders; etwas, das schon wächst, sich in der Ausbreitung befindet, also wenn das abrasiert wird, zurückgestutzt; und man das mal weiterdenkt, also Weltmaterial, Anteile von Wirklichkeit, die hier, äh, beschnitten werden; sozusagen. Und dann heißt es an dieser Stelle eben unrasiert und auch nicht Wirklichkeit, sondern das Gegenteil von Wirklichkeit: ein Witz. Verstehen Sie, was ich meine?
Maser:
Da fällt der Groschen wie ein Torwart.
Schammer:
Ich kenne das so: Da fällt der Torwart wie eine Bahnschranke.
Striegel:
Und wenn man das so liest, dann erlebt man doch auch ein Gefühl der Entfremdung zwischen den Zeilen; was wir auch auf gesellschaftlicher Ebene haben, und dann liegt da so einen merkwürdige Stille – trotz des Lärms – über dem Text. In Schönheit gestorben. Ja.
Schneider:
Ne.
Moderator:
So, Frau Maser, jetzt, bitte.
Maser (flott):
Danke, danke. Ja also, für mich ist das ein Text über das Wahrnehmen. Ein sehr musikalischer Text. Ich glaube, man kann ihn verschieden lesen. Alles ist wichtig. Eine besondere Art der Wahrnehmung. Sehr sprachverliebt. So nach der Devise „Du mußt vorne immer eins mehr schießen, als du hinten rein bekommst!“ Nicht? Da geht jemand hin, dann holt er was raus, und dann bastelt er dran rum. Wie ein, äh, Bundestrainer, der eine Spielaufstellung festlegt, nicht? So im Sinne einer Aufzählung. Einer der großen Aufzählungskünstler – nämlich Danilo Kisch, leider verstorben – war ein ganz großer Meister der, äh, Aufzählungen, aber da waren diese Aufzählungen immer unterfüttert, sozusagen mit einer weiteren Dimension. Hier bei bleibt es für mich noch ein bisschen in der Oberflächlichkeit, also, der Ball zu flach gehalten, sozusagen. Die Fotographie beispielsweise kann ja auch zu einer Tiefenwirkung führen; vielleicht hat Herr Tellkamp auch von der Oberfläche, äh, nach dem Foto gearbeitet, es wurden ja recht viele Fotos gemacht in den letzten Wochen –
Schneider:
Wenn ich grade kurz einhaken dürfte, ich finde das natürlich sehr richtig beschrieben, das ist doch gerade ein Haschen nach den Worten, nach der Oberfläche, aber ich lese das so, dass das doch gar nicht anders geht, sozusagen als Anwesenheit eines Selbst, das ist ja eigentlich ein tragischer Text, und dieses verzweifelte Immer-weiter; so wie eine Verlustmeldung, die Sie richtig beobachten.
Moderator:
Wie wir ja auch das Spiel verloren haben.
Maser:
Ich möchte noch –
Moderator:
Bitte kurz, wir wollen gleich Pause –
Maser:
Eins noch: Also, was da gesagt wurde; das Prädikat „handwerklich sehr genau gearbeitet“, das kann ich leider nicht unterschreiben, denn die zentrale Metapher, das Spiel mit dem Ball, mit dem Fußball, das stimmt so nicht. Das müsste von der Anlage her um eine andere Sportart gehen: Tennis zum Beispiel. Ich habe mit dem Institut für Sportforschung telefoniert, und die haben das auch gesagt, von der Wortwahl her und der Stimmung und den Satzabständen, ist das alles mehr Tennis als Fußball. Das muss ein Autor einfach recherchieren, wenn er so etwas schildern will, und da wäre auch an der handwerklichen Präzision noch gewaltig zu arbeiten.
Moderator:
Ja, liebe Zuschauer, Sie sehen, kurz vor dem Pausentee brennt es noch einmal lichterloh im Strafraum. Ich möchte mich bei Herrn Tellkamp bedanken, bei der Jury, und gebe zurück ins Stadion.



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