LudwigMartin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 2

Der Start

"Was wird aus uns, wenn jetzt etwas schiefgeht?", fragte ich ihn. "Es kann nichts..." "Es darf nichts schiefgehen!" fiel ich ihm gleich ins Wort.

_Er versuchte, Ruhe auszustrahlen: "Es ist alles durchdacht."
Seit mindestens fünf Stunden stand ich nun schon vor den großflächigen, nach oben schräg ausladenden Glasscheiben, die bei Tag einen endlos weiten Blick freigaben. Im Moment präsentierten sie mir nur ein winziges Lichtgewirr am fernen Horizont einer schwarzdunklen Nacht. Nicht einmal der beruhigende, wenn auch illusorische Blick auf den Sternenhimmel war mir vergönnt, da die weiten Scheiben das dünn im Raum verteilte blaue Licht unzähliger Monitore reflektierte, so daß nur die starken Lichtsignale von außen in den Raum drangen. Wenn das Recht des Stärkeren unter Menschen auch umstritten war, im Konkurrenzkampf der Lichtquellen um Beachtung wirkt es unerbittlich.

So bemerkte ich denn auch, wie sich zu meinem verschwommenen Spiegelbild ein zweites dazugesellte. Seine Gesichtszüge erschienen nach oben hin zur Unkenntlichkeit verzerrt. Trotzdem meinte ich zu spüren, was er dachte.
"Ich weiß, ich bin hysterisch. Ich reiß mich zusammenen."
Er legte seine Hand auf meine. "Willst du dich wirklich nicht etwas ausruhen?", fragte er.
Er wußte es, ich brauchte nicht zu antworten. Natürlich konnte ich hier nicht weg!
Manchmal erscheint es so einfach, die Verantwortung abzugeben, nein, besser: weiterzugeben. Aber stimmt das denn? Meine Verantwortung hört doch nicht auf, weil ein verläßlicher niederer Dienstgrad für mich die Stellung hält. Im Gegenteil: Es gibt dann eine Menschenseele mehr, deren Überforderung und eventuelles Versagen mich zur Rechenschaft ziehen würde. Nicht vor den Menschen und nicht vor den Gerichten, die hätten ihre Ausreden auch für mich parat. Für Schäden wäre ich verantwortlich, könnte nicht mehr hier arbeiten, im schlimmsten Falle.
Aber einem Menschen diese Last folgenschwerer Entscheidungen, die ich zu treffen habe, im Extremfall aufzubürden, könnte ich mir bei seinem Versagen selbst nicht verzeihen.
Daß dieses Projekt von einem Team geleitet wird, ändert daran nichts. Ich identifiziere mich hundertprozentig mit der gemeinsamen Aufgabe. Jede unserer Entscheidungen muß von uns beiden getroffen werden und jede so getroffene Entscheidung ist damit meine volle Verantwortung.

Er weiß das, es geht ihm ja ebenso. Und doch ist er ein Mensch, der sieht, wie ich unter der Last leide, fast zusammenbreche. Und er ist ein Mann, der seine eigene Schwäche gut versteckt. Ich würde das gar nicht mitbekommen, aber ich kenne ihn schon zu gut. Das einzige, was ich immer wieder überlege, ist, ob er seine Angst versteckt oder sie in den entscheidenden Augenblicken gar nicht mitbekommt. Oder erst dann, wenn diese Momente vorbei sind, wenn er in den Armen seiner Frau liegt nach nervenzerfetzenden Stunden hier auf dem Tower.
Manchmal denke ich, ich kenne ihn besser als sie. Diese Art, sich selbst in eine rationale Maschine zu verwandeln und, wenn der Countdown läuft, alles unter Kontrolle zu haben, wirkt nicht nur faszinierend, selbst, wenn man weiß, daß es darauf gerade ankommt.

Ich könnte ihn nicht lieben, nicht so, wie eine Frau einen Mann liebt. Dabei liebe ich ihn ja. Die Vertrautheit, die uns verbindet, ist die, gemeinsam durch Höllen gegangen zu sein, gemeinsam stumm, angestrengt konzentriert Missionen und Gefechte geleitet und trotzdem immer wieder neu erlebt zu haben, daß er und ich Menschen geblieben sind.
Die Aufgabe, die jetzt vor uns liegt, ist von einer unfaßbaren Bedeutung für die aufgeklärte Zivilisation.Wenn der Start dieser Mannschaft schiefgeht, sind nicht nur die neun Kosmonauten und unsere Bodenstation in Gefahr, sondern Kontinente. Stumm stehen wir beide vor den Gläsern, die Monitore hinter uns summen und die dahinter sitzenden Spezialisten sind konzentriert und routiniert dabei, jede Kleinigkeit im Startablauf unter Kontrolle zu halten. Immer wieder schauen, ob die Handgriffe des Bodenpersonals nach Plan laufen, ob die vielen bunten Diagramme, die die Startbedingungen beeinflussen, sich nicht verändern und ob die unzähligen Aktionen zum richtigen Zeitpunkt erfolgen.

Diese Stille ist unerträglich. Wenn man bedenkt, wie es wäre, jetzt unbeschwert ein Kind sein zu können, zu rennen, weil man gerade rennen will, zu spielen, mit dem, was man gerade so findet, zu rangeln und zu raufen und am Ende eines langen Tages erschöpft einzuschlafen, dann möchte man heulen.
Doch so darf man nicht denken. Diese gute Zeit habe ich gehabt. Damit andere und immer wieder neue Menschen diese gute Zeit erleben können, deshalb stehe ich jetzt hier.
Aber warum muß sich diese Frage so stellen? Es gab lange Zeiten, da mußte kein Mensch ein solches Kommando übernehmen, und es gab ein Leben in Frieden. Oder nicht?

"Wie hat das eigentlich alles angefangen?"
Er ist sichtlich erleichtert, als ich ihn das frage.
"Das weißt du doch, der elfte September. New York."
"Ich will es noch einmal hören."

Nervös schaut schaut der Mann am Monitor, der sich unmittelbar neben mir an den Scheiben befindet, auf. Die Stille, die bis eben für die Beamten eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre bedeutet hatte, war schlagartig einer knisternden Spannung gewichen. Nicht jetzt das! Nicht jetzt vom Unglücksjahr sprechen! Einige der Frauen und Männer hatten Angehörige gehabt, die mit den Türmen in Schutt und Asche versunken sind. Aber darum ging es nicht. Jeder der Offiziere und Technologen war so mit seinem Dienst verwoben, daß man das kollektive Verletztsein der Nation nach Jahren hier im Tower spüren konnte. Jeder wußte, daß es vor den Anschlägen eine heile Zeit für uns alle gegeben hat, eine Zeit, die unwiderruflich dahin war.

Man stelle sich vor, eine Handvoll unsicherer Individuen hätte im Finstern gestanden und ihr gesamtes Selbstvertrauen wäre daher gekommen, daß sie sich einander immer wieder zugeraunt hätten, daß sie schön und stark wären, ideale Menschen. Plötzlich hätte jemand das Licht angeknipst und sie hätten sich mit einem Mal gesehen: häßlich und unförmig, schwächlig, weißhaarig und faltig, alt und krank. Da könnte wieder und wieder jemand das Licht löschen, die Illusion wäre dahin.

Natürlich wurde das schon im Herbst 2001 versucht. "Das Gute gegen das Böse!", war die (fast) offizielle Devise des damaligen Präsidenten. "Wir", das sollte auf einmal nicht nur Amerika, sondern die "westliche Welt" (eigentlich seit ein 1989 überholter Begriff) sein, waren die, wenn schon nicht die materiell, dann doch moralisch Unschlagbaren. Bomben und Worte sollten alsbald die alten Verhältnisse wieder herstellen. Das World-Trade-Centre sollte wiedererrichtet werden - dort, wo es einmal war und so, wie es einmal war.
Es liegt im menschlichen Empfinden, zu wissen, daß es nicht funktioniert. Und denoch liegt es in der menschlichen Eigenart, es trotzdem zu versuchen, seinen Blick, der über die Abgründe der Menschheit gewandert war, wieder zu verengen und die Erinnerung zu auszublenden. Kollektive Schizophrenie!

Jeder wußte es und viele haben es gespürt, daß es Menschen gewesen sein mußten, die die Flugzeuge in die Türme steuerten. Daß es nicht nur ein paar wahnsinnige Attentäter waren, die in Lagern des kranken Milliardärs ausgebildet worden sind. Viele spürten und einige in Europa sprachen es aus, daß uns ein schmerzlicher Umlernprozeß bevorstehen würde.
...

(2002 geschrieben; 2003 von neon-online mit persönlicher Begründung abgelehnt aufgrund der (unseriösen?) Verbindung von Fiktion und Weltgeschichte; 2006 ohne wesentliche Überarbeitungen online gestellt - nicht aus Trotz, sondern aus Interesse, ob und inwiefern darin von usern ein Problem gesehen werden kann)

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Kommentare

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    Also Walter Moers hat die Theorie vom ansteckenden Wissen zumindest aufgenommen. In der "Nachtschulordnung" (bei nachtschule.de) steht zu lesen:

    "3 Wissensvermittlung
    Die Schüler bekommen kein Wissen vermittelt, die Schüler vermitteln das Wissen. Wird Wissen von Schüler zu Schüler durch intellektuelle Ansteckung übertragen, ist das ein erwünschter Nebeneffekt.

    4 Ansteckung durch die Nachtschulbakterien
    Hat eine Ansteckung durch Wissen stattgefunden, ist es dem Angesteckten freigestellt, sein Wissen weiter zu übertragen. Eine Infizierung des gesamten Internets durch Nachtschulbazillen wäre begrüßenswert. Dafür stehen unsere Nachtschulbakterien zur Verfügung"

    Ich persönlich packe zwar Lehrbücher nicht mehr absichtlich unters Kopfkissen, schlafe jedoch öfter mal mit Texten im Bett ein, und denke, das schadet zumindes nicht...

    01.04.2007, 00:27 von alle_register
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  • 1

    "Diese Stille ist unerträglich. Wenn man bedenkt, wie es wäre, jetzt unbeschwert ein Kind sein zu können, zu rennen, weil man gerade rennen will, zu spielen, mit dem, was man gerade so findet, zu rangeln und zu raufen und am Ende eines langen Tages erschöpft einzuschlafen, dann möchte man heulen."
    Ach Du Scheiße.

    Hab den Text leider nicht verstanden, fand ihn nichtsdestoweniger sehr, sehr gut.

    07.12.2006, 05:59 von veit
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      @veit Oh, der veit mal wieder, das freut mich!

      Zum Textverständnis... vielleicht liegts daran, daß es keine abgeschlossene Story, sondern eher ein situativer Einblick ist.

      Ach Du Scheiße?
      *g*
      Findest Du diesen Wunsch beim erwachsenen Menschen so deplatziert? Falls die Einwände nicht emotionaler, sondern intellektueller Art sind, dann sprechen doch die weitergehenden Gedanken eine Relativierung des affektiven Traums vom Kindsein aus, oder?

      07.12.2006, 13:43 von LudwigMartin
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      @[Benutzer gelöscht]
      Der angesprochene veit versteht das, denk ich.
      Im Text versuche ich mich einfacher auszudrücken, wie ich hoffe.

      Ich nehme schwer verständliche Dinge oft zum Anlaß, Dinge nachzuschlagen, daher hätte ich Freude daran.

      Hier meine ich, daß die Erzählerin aus einer spontanen Gefühlsregung heraus daran denkt, wie schön es doch wäre, lieber Kind zu sein. (affektiver Traum)
      Aber sie reflektiert dann weiter und besinnt sich auf das Wohl aller Generationen - relativiert also das subjektive Ungerechtigkeitsgefühl (zwischen den Zeilen), welches sie empfindet.

      Ich wollte weniger Worte machen... ;-)

      07.12.2006, 14:12 von LudwigMartin
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  • 0

    Das Ziel meiner Zeilen in Klammern ist die Diskussion um diese Art des Schreibens - nicht, die neon-Redaktion vorzuführen.
    Zur (eigentlich nicht notwendigen) "Ehrenrettung" kann eingewandt werden, daß ja heute dieser Text hier so stehen darf, aufgrund des neuen Systems.
    Die Diskussion um den Realitätsbezug von Literatur ist ja nicht neu, aber auch noch nicht am Ende.

    04.12.2006, 21:38 von LudwigMartin
    • 0

      @LudwigMartin
      ...hatte viele unlesenswerte Talente vertrieben:

      Mich.

      Jede Veränderung wird erzeugt durch:

      Druck.

      Jeder kann den Druck verändern.

      04.12.2006, 23:57 von liebe_mueh_dann_maeh
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    "Man stelle sich vor, eine Handvoll unsicherer Individuen hätte im Finstern gestanden und ihr gesamtes Selbstvertrauen wäre daher gekommen, daß sie sich einander immer wieder zugeraunt hätten, daß sie schön und stark wären, ideale Menschen. Plötzlich hätte jemand das Licht angeknipst und sie hätten sich mit einem Mal gesehen: häßlich und unförmig, schwächlig, weißhaarig und faltig, alt und krank. Da könnte wieder und wieder jemand das Licht löschen, die Illusion wäre dahin."

    Nicht nur, aber vor allem dieser Absatz ist eigentlich schon Grund genug um die Argumentation der enon-Redaktion ad absurdum zu führen. Es ist einfach sehr sehr gut, und dann ist es doch egal ob Realität oder Fiktion und wo ist da überhaupt die Grenze?

    04.12.2006, 21:17 von odradek
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      @odradek
      Berichte über "Tatsachen" kann man mit Deutungen, die in Formlierungen versteckt sind, durchziehen. Fiktion geht immer auf einen Erfahrungshorizont zurück.

      Aber vielleicht ist die Wendung vom einen zum anderen hier recht schnell. Ich dachte mir, bevor ich etwas Vergleichbares erst Ewigkeiten schildern muß - was sehr von den eigentlichen und mir wichtigen Gedanken ablenkt - greif ich auf etwas zurück, das momentan noch im Erfahrungshorizont der Leser herumwirbelt.

      11.12.2006, 14:40 von LudwigMartin
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      @[Benutzer gelöscht] Das Witzige ist: nachdem mir so ein Gedanke wie dieser gekommen ist, haut's mich selber erstmal um.
      Da hilft dann nur: Aufstehen! Aufschreiben!
      Kennste ja sicherlich. *g*

      04.12.2006, 20:32 von LudwigMartin
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      @[Benutzer gelöscht] Es gab mal so eine Theorie (wo ich Begriff und Name des dazugehörigen Theoretikers vergessen habe), daß Ideen eine Lebensform sind, die sich versuchen zu vermehren und sich den Menschen als Wirt nehmen.

      Wäre jedenfalls ne Erklärung für diese Erlebnisse.
      ;-)

      04.12.2006, 20:41 von LudwigMartin
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    Sehe darin kein Problem; das als erste Reaktion darauf. Finde die Kombination aus beidem durchweg gelungen.

    Und: gab es nicht erst zum Jahrestag des 09/11 verschiedene fiktive Variationen auf Spiegel online zu lesen, die sich mit der Veränderung der Welt seitdem befassten?

    01.12.2006, 16:20 von ssanni
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      @ssanni
      Jaja, Künstlerschicksal. Er war "zu früh für seine Zeit."
      ;-)

      01.12.2006, 18:20 von LudwigMartin
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