PDK 12.05.2007, 01:53 Uhr 3 5

Der schwarze Vogel Traurigkeit

Wie lange ging das jetzt schon so? Nicht lang. So vier, fünf Monate vielleicht. Nicht mehr als ein Augenblick, wenn man es recht bedenkt.

Nicht nach diesen Jahren. Nicht nach all den Jahren, die er jetzt schon jeden Morgen auf dieser mal schönen, mal tristen Welt erwachte, die immer noch alle vier Jahreszeiten kannte: Winter, Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Jetzt war auch gerade Winter. Oder war es schon Frühling? Draußen lag noch Schnee, aber der März würde bald beginnen. Es war ein kalter Winter gewesen. Er hatte zu seiner Stimmung gepasst, zu seiner Einsamkeit. Vor dem herannahenden Frühling ängstigte er sich schon seit Wochen.
Die Zeit, sagt man, heilt alle Wunden. Wie lange noch, fragte er sich oft, würde es dauern, bis diese Zeit vergangen sein würde? Wie lang war diese Zeit für ihn? Bis er vergessen konnte? Andere Menschen, dachte er manchmal, vergessen oder verdrängen wundersam schnell. Er bewunderte das. Und er beneidete diese Menschen. Sie hatten es alle so sehr viel einfacher. Aber gleichsam bemitleidete er sie auch. Was fehlte ihnen nicht alles, wenn sie die Dinge irgendwo tief unten in sich wegschlossen oder sie gar auf wundersame Art ganz von sich schoben und so war er sich nie wirklich sicher, was er nun eigentlich besser finden sollte: seine eigene, hartnäckige Erinnerung, von der er sich nicht lösen konnte oder diese ihm so fremde Möglichkeit des Vergessens. Nur wenn ihn die Schwingen des schwarzen Vogels seiner Traurigkeit besonders fest umschlungen hielten, wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass man sich dieses Etwas aus dem Hirn schneiden könnte, in dem die Erinnerungen lebten und darauf lauerten, einen mit Bildern zu überfluten.

Weißt du noch? Die kleine Bar auf dem Felsen über dem Meer, wo wir auf Plastikstühlen sitzend einfachen Wein aus weißen Plastikbechern getrunken haben, das kleine Zimmer in dem alten Haus mit der Jungfrau Maria über dem Bett und Klaviermusik tröpfelt durchs Fenster, als wir uns liebten, wie schön du warst, wie schön wir waren, zusammen, und die grauen Winter, Glühweintrinken auf dem großen Marktplatz in Prag, Schneetreiben auf der Karlsbrücke, die stillen Sommertage im überfüllten Park zwischen unseren Wohnungen, die tausend Berührungen, Küsse, Liebesworte. Erinnerst du dich?

Den ganzen Winter über war er nur selten vor die Tür gegangen. Eigentlich nur, um einzukaufen und dann, manchmal, an diesem oder jenem Wochenende, hatte er sich in die Nacht gerettet, in die kalten, verschneiten Straßen und war ziellos umhergeirrt, bis er trunken von seinen davon galoppierenden Gedanken, die sich entweder um Sie drehten, oder um die Arbeit, mit der er begonnen hatte, als alles aus war. Einmal hatte er sich nach noch und noch Nachterinnerungsstraßen allein in eine Bar gesetzt und sich betrunken. Um ihn hatten die vielen Menschen gelacht und sich zugeprostet und munter miteinander geplaudert. Auch er hatte sich unterhalten. So hier und da einmal. Mit Frauen vor allem, aber sie erschienen ihm nach ein zwei Worten schon gleich stumpf und ausgelaugt und gewöhnlich. Und er verglich sie mit Ihr, was nicht so ganz gerecht war. Schließlich hatte er sie geliebt.
Natürlich hatte es auch die eine oder andere Einladung gegeben, die er nicht hatte ausschlagen können oder wollen. Das Ergebnis blieb sich aber immer gleich: man plauderte, man schaute ein bisschen, man trank, vielleicht lachte man auch einmal, aber er fühlte sich unter Menschen immer nur noch einsamer, noch unglücklicher. Ein schreckliches Paradox, aber jeder kennt das wohl: unter Menschen sein und sie nicht ertragen, sich nicht ertragen. Und was fast noch schlimmer war: die wenigen Freunde, die er hatte, fragten mit einer Mischung aus Neugier und Mitleid nach Ihr und wie es ihm denn nun so ginge, wo diese Geschichte zu Ende war. Die Neugier konnte er verstehen, aber das Mitleid konnte er nicht ertragen. Vielleicht hatten sie auch gar keins und er bildete sich das alles nur ein. Einen Unterschied machte das ja so oder so nicht. Schließlich bildet man sich im Endeffekt doch ohnehin alles ein und das Hirn baut jedem eine eigene Welt zusammen. Nur einmal hatte er einen interessanten Gedanken gehört, nachdem er sich erklärt hatte – also dass es von ihnen Beiden kam und das man Fehler gemacht, sich langsam, schleichend aber unaufhaltsam auseinandergelebt hätte, ja es hatte so kommen müssen und vielleicht war es besser so, auch am Schluss hatte man Fehler gemacht, hatte sich gehen und schleifen, hatte das Uns gehen und schleifen lassen, aus Überdruss und sich zu gut kennen und persönlichen, ganz persönlichen Schwierigkeiten, aber ja, man hatte gut zusammengepasst, besser vielleicht, als es gut war, zumal noch so jung, du verstehst, und ja, es ist schwer manchmal, das Leben ändern, die gemeinsamen Routinen abschaffen, das Uns wenigstens ein wenig vergessen – er endete immer damit, dass er sagte, er sei oft noch traurig, man habe einfach zuviel Vergangenheit miteinander gehabt. Die Leute nickten dann immer ganz beflissen und schwiegen. Einige bohrten auch noch ein bisschen, aber da stieß man auf Granit. Das ging ja auch niemanden mehr etwas an. Außer Sie vielleicht. Und Sie wäre wohl auch die einzige gewesen, die ihn dann noch hätte verstehen können. Manchmal versuchte man ihm auch gute Tipps zu geben, Tipps wie: da muss man einen Schnitt machen, einen klaren, anders geht es nicht, oder: man muss auch vergessen können, sie ist doch auch nur ein ganz normales Mädchen (war sie nicht, dachte er dann immer, aber sagen tat er es nie – wie hätte das auch jemand verstehen sollen?).
Nur dieser eine Bekannte erzählte ihm, nachdem er sich erklärt hatte, von sich: ja, er hätte vor kurzem eine Beziehung gehabt, nein, nicht lang, eher kurz, aber dafür sehr intensiv, man wüsste ja wie das ist (er hatte nichts gesagt, aber nein, er wusste eigentlich nicht mehr so genau, wie das eigentlich ist), und doch wäre er selten so traurig gewesen, nein, nicht weil das Ende so brutal oder gemein gewesen wäre oder so, nein, wegen der Zukunft, die miteinander möglich gewesen wäre. Er hatte das nur zu logisch gefunden. Es ist immer die Vergangenheit oder die Zukunft, an der man verzweifelt. Die Gegenwart hingegen schleicht auf derart leisen Sohlen an einem vorbei, dass man sich vorsehen muss, sie nicht, ohne es eigentlich recht zu bemerken, entwischen zu lassen.

Weißt du noch? Unser erster Kuss, als wir beinahe noch Kinder waren, die Spaziergänge im Schnee am Ufer des großen Flusses, die Zeilen, die wir uns schrieben, die Sehnsucht, die manchmal nach uns griff, wenn wir fern voneinander waren, das Glück des Wiedersehens, die langen Gespräche und die stillen Momente, wenn wir schweigend und zufrieden nebeneinander einschliefen. Erinnerst du dich?

In den letzten Tagen war der schwarze Vogel seiner Traurigkeit wieder nah an ihn herangekommen und hatte ihn mit seinen leisen Schwingen gestreift. Zumeist blieb er dann auf dem Sofa liegen und sah der Zeit beim verstreichen zu. An Arbeit war nicht zu denken, wenn der schwarze Vogel kam. Er hüllte alles Denken ein und hinterließ ein wüstes, leergebranntes Land mit schwarz – weiß – bunten Erinnerungen.
Die Wohnung, in der Sie sooft mit ihm gesessen und gelacht und in seinen Augen, in seinen Armen, in ihm ertrunken war, war Qual und Labsal zugleich. Ja. Oft hatte er darüber nachgedacht, wegzufahren, einfach weg, irgendwo- nirgendwohin, in eine andere Wohnung zu ziehen oder die Stadt, in der sie beide gemeinsam so viel erlebt hatten, ganz zu verlassen, doch ihm war schnell klar geworden, dass das nichts verändern konnte, dass man vor sich und seinen Erinnerungen einfach nicht weglaufen kann. Egal wo er war, es würde immer dasselbe sein: er würde Sie vermissen, Sie, die ihn so gut kannte, wie niemand sonst. – Er fand, sie Beide waren oft nah dran gewesen. Vielleicht zu nah. Vielleicht unerträglich nah. Nah an so etwas wie richtiger Liebe, an etwas, von dem man beinahe annehmen könnte, es wäre schon lange tot und begraben im unruhigen Fluss der Zeit. – Und wer kann schon sagen, ob ihn seine Erinnerungen in einer fremden, in einer neuen Umgebung nicht gänzlich in Besitz nehmen würden.
Also war er geblieben. Nur ein, zwei Ausflüge hatte er gemacht. Den einen, als der schwarze Vogel ihn zu erwürgen drohte und den anderen, als er schon beinahe dachte, alles überstanden zu haben. Hatte er aber nicht. Das war fast genau so schlimm, wie der schwarze Vogel: diese Zeiten, in denen es einem ganz gut ging. Diese Zwischenstationen, diese arbeitsamen Tage zwischen seinen Besuchen.

Weiß du noch? Unsere Zeit in meiner Wohnung, diese drei Monate in einem Zimmer, wie wir uns gestritten und vertragen haben, wie wir uns nahe, beinahe zu nahe waren, wie ich es immer gehasst habe, einkaufen zu gehen, durch Läden zu streifen, unser erster Besuch in der Oper, das Auseinanderdriften, mein Kokon, in den ich niemanden, nicht einmal dich, hineinließ, die Nächte in dem Zimmer im Haus am Meer, gleich unterm Dach, in brütender Hitze und noch so viel mehr. Erinnerst du dich?

Aber was war eigentlich mit Ihr? Er wusste es nicht recht. Sicher, man telefonierte hier und da und schickte sich Mails, aber in den Kopf des Anderen konnte man so nicht schauen. Er hoffte, es ging ihr gut. Es reichte doch, wenn es ihm nicht so recht gut gehen wollte. Und doch hätte er es gerne besser gewusst. Wie es Ihr denn so ging. Aber er hatte auch Angst davor, zuviel davon zu erfahren, zuviel von Ihrem Leben ohne ihn zu erfahren. Trotz allem fürchtete er nichts so sehr, wie Sie zu verlieren. Dann wäre alles, wären diese sieben Jahre doch beinahe umsonst gewesen, nein, nicht umsonst, aber man hätte etwas ganz aufgegeben, was man vielleicht nie wieder finden würde: einen Menschen, der einen beinahe versteht.
Heute war der erste Tag, an dem er es nicht mehr aushielt in seiner Wohnung. Vielleicht lag es am Sonnenschein, vielleicht an dem in der Nacht frisch gefallenen Schnee, der den Hof vor seinem Fenster zuckerte, vielleicht hatte er auch allzu lange keinen Menschen mehr gesehen, aber er hatte das Gefühl zu ersticken, von den weißen Wänden seines Wohn- und Arbeitszimmers erdrückt zu werden. Unten auf der Straße wusste er schon fast nicht mehr, wieso er eigentlich hier heruntergelaufen war und ärgerte sich beinahe ein bisschen, denn die Sonne hatte sich hinter einer Wolke verkrochen und kleine, federleichte Flöckchen taumelten zu Boden. Dann hatte er doch noch eine Idee. Er würde in den Park gehen, einen Kaffee trinken und den Menschen zusehen, die spazieren gingen. Das hatte er schon viel zu lange nicht mehr getan.

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    sehr schön monsieur, besonders das "beinahe-verstehen"...
    lg

    18.05.2007, 12:16 von clara.tornova
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Mensch, Philipp, Du machst mich mit Deinen wunderschönen Texten verrückt...

    Dieser war noch mal eben vor'm Betthüpfen einen Einlogger plus Empfehlung wert...

    Gut's Nächtle und well done...

    Micha

    12.05.2007, 02:09 von Kiyan
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