Der Schizo - Romanauszug
Der Schizo Tilmann Kleye kindle/amazon
Und verdammt, was sieht sie geil aus, in diesem unechten, bunten Licht, nach drei Bier in diesen sportlichen viel zu kleinen Flaschen. Auch ihre Augen geben weniger von dem hier verdunkelten, glitzernden Weiß frei, auch sie trank ein wenig, so daß sie zufrieden lächelt, während er darauf achtet, sie nicht zu penetrant anzustarren. Unterhalten klappt hier nicht, nur das Zuschreien von Kurzmitteilungen ist möglich, wie bei Telefonaten bei denen man darauf achtet, Geld zu sparen, bloß daß hier Lungenkraft gespart wird, denn schreien kann schon nach drei Sportbier anstrengend sein. Sie zerrt an seiner Hand, er solle doch tanzen, er widerstrebt, sie muß ihren getanen Schritt zurücksetzen, da ihr Versuch ihn von dem Stuhl hochzuziehen, doch zu ehrgeizig war. Dies gefällt ihm, wie sie sich müht, daß er doch ein paar alberne Bewegungen vollführt, bloß weil sie es so will.
Nachdem sie ihm irgendetwas halbverständliches ins Ohr schreit, steht er doch auf, es muß etwas mit „Belohnung“ zu tun gehabt haben. Inmitten von Typen, denen die Haare über die Augen stehen und die sich scheinbar die T-Shirts ihrer potenziellen sechsjährigen Söhne übergezwängt haben, heißt es so cool wie möglich die Kiste zu schwingen. Er schaut Maria in die Augen, wenn sie sich dreht, auf den Arsch. Wenn er glaubt, daß sie ihn nicht anschaut, glotzt er anderen Frauen auf den Arsch, und ihm ist es mehr als gleichgültig, wie die sich dabei fühlen. Einer auf der Tanzfläche vollführt die ganze Zeit ein Hüftendrehen, so langsam und abstoßend, wie es die alten Frauen im Seniorenheim beim wöchentlichen Vormittagssport draufhaben.
‚Schwul!‘, denkt er sich angewidert, doch dann springt ihm das gesellschaftliche Über-Ich auf diesen Gedanken, das Toleranz erwartet, das einen Schwarzen auch nie Neger nennen würde. Dies ist zu Recht in Fleisch und Blut übergegangen, aber einen derartig Schwulen ohne jegliches Vorurteil zu betrachten, das geht ihm zu weit im Moment. Wenn er morgen wieder völlig nüchtern ist, wird er die Schwulen wieder schwul sein lassen und so prima tolerant sein, wie es die Welt von allen verlangt. Aber dann müßte man das Tolerante voll durchziehen, denkt er sich, Toleranz mit Terroristen, Toleranz mit korrupten und inkompetenten Politikern, Toleranz mit den Intoleranten und als sich Maria ein weiteres Mal dreht, ist er froh einen derartig prachtvollen Frauenarsch vor Augen zu haben und nicht mehr über das Hüftschwenken des Homos dort drüben nachdenken zu müssen.
Sie tanzen und ihre Ohren haben sich an die überlauten Bässe gewöhnt, eine Musik, die er mehr mag als so manch schönes und als er sich eine weitere Zigarette anzünden will, hält Maria seine Hand mit dem Feuerzeug vor dem Mund auf, nimmt ihm die Zigarette wieder aus dem Mund und gibt ihm einen saftigen Kuß auf die Lippen, so daß er verdutzt schaut und dann verlegen lächelt, sich den Nacken kratzt. Er brüllt ihr so viel ins Ohr, wie, daß sie doch mal in eine ruhige Ecke gehen sollten... zum unterhalten.
Als sie mit neuem Bier auf einem gemütlichen, alten Sofa sitzen und die Musik von ihren Stimmen leichter zu übertonen ist, legt er seinen Arm um sie.
Er sagt: „Du bist schön.“, sie schaut verlegen in den Winkel ihrer Lider und duftet, wie er es mag. „Aber, Clemens, ich dürfte gar nicht hier sein, ich sollte für die Prüfungen lernen.“
‚Dann laß uns doch nach Hause gehen.‘, denkt er sich mit der Nase tief einatmend, doch er sagt: „Ja, die Prüfungen, die werden schwer, doch ich bin mir ganz sicher, daß du die prima bestehst. Du hast doch was auf dem Kasten!“
„Ja, schon, aber ich habe noch so viel zu lesen!“
„Ach, das schaffst du.“, sagt er, als wäre er der großzügige Professor, der die Prüfung schon von vornherein mit einer Eins bewertet.
„Und dann geht es mir nicht so gut zur Zeit,“, sagt sie mit einem, vom Bier oder von der geplanten Aussage, gedunsenen Blick. „Es ist ein halbes Jahr her, da machte mein Freund mit mir Schluß - und warum - wegen einer anderen, und deshalb wundert es mich jetzt so sehr, warum ich dir vorhin den Kuß gab. Aber ich liebte ihn so sehr, und er? - er schnappt sich einfach eine andere. Wir waren zweieinhalb Jahre zusammen.“
Ihre Augen scheinen noch mehr zu glitzern in diesem Dunkel, nur ab und an durchschnitten von buntem, falschen Licht.
„Er hat mich verarscht, verstehst du, wer weiß, wie lange schon.“, sagt sie lauter, fast quengelnd. ‚Jetzt hast du ja mich, laß uns gehen!‘, denkt er sich und muß aufpassen, daß die Belustigung über diesen Gedanken nicht bis auf seine Lippen springt.
„Ja, ich kenn‘ das, ich wurde auch mal verlassen. Man fühlt sich so machtlos, als ob man von dem Wipfel eines Baumes abrutschen würde, den man soeben noch umarmte, ein Baum, der sich plötzlich in Luft auflöste.“, versucht er herumzuphilosophieren und fühlt sich auch noch majestätisch dabei und hat sogar Erfolg, denn sie drückt sich noch enger an seinen Rumpf, dessen Achselhöhlen ihm Sorgen machen, nach einem Tanz auf einer höllisch heißen Tanzfläche.
„Alles was war, ist wie fortgeblasen.“, meint sie traurig.
Und er ergänzt mit schwerem Atem: „Und man kann es niemals zurückholen.“ Er ist zu schüchtern, um die Situation damit aufzulockern, sie zu sich nach Hause einzuladen für diese Nacht. Und sie scheint ewig an seiner Brust liegen zu wollen, was ihm zwar nicht unangenehm ist, er anderes allerdings als dringlicher einstuft. Doch eines hat er verstanden: wer herumdrängelt hat meistens das Nachsehen. Es ist immer noch so, daß wer am längsten um den heißen Brei schleicht, ohne allerdings gelangweilt von dem Getapse zu werden, daß der dann auch Erfolg hat. Solche Theorien überlegt er sich, während Maria sich da an ihn klammert und alle zehn Minuten ihren Kopf hebt, um von ihrem Bier zu nippen.
‚Ich müßte in einer verkehrten Welt leben, in einer, in der man sich grundsätzlich erst nach dem ersten Sex kennenlernt und das ganze Hin und Her und Abwehren und Grenzen erproben und Entschuldigen für ein zu weit gehen, würde einfach ausfallen. Wenn man sich dann nicht mag, schläft man einfach mit einer anderen, um diese anschließend kennenzulernen. Na, das wäre vielleicht auf die Dauer auch recht langweilig, wenn sich jede auf den ersten Blick hinlegt, nachdem sie sich freigemacht hat.‘
Er spürt die Wirkung des Bieres erneut, als er sich mit Maria auf dem Oberkörper aufrichtet, damit sein rechter Arm nicht einschläft.



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