Der Fänger ist tot
"Manche Sachen sollten so bleiben, wie sie sind. Man sollte sie in einen großen Glaskasten stecken und so lassen können."
Es ist Freitag Nacht, das Bier steht wie von selbst auf dem Küchentisch und die Leute kommen ohne zu klingeln. Irgendwann beschließt man gemeinsam auf die Uniparty zu gehen; wieder eine dieser Veranstaltungen mit dem markigen Namen, der aus irgend einem Informatikerhirn entkorkt wurde. Die Leute tanzen, denn sie sind jung, auch wenn man es ihnen nicht ansieht. Du kannst nichts Schönes an diesem Ort erkennen und du weißt nicht wo diese ganze Motiviertheit her kommt und wo sie hin soll. Die Aussicht auf etappenweise nachgeholten Schlaf während MTV Next im Fernsehen läuft macht dich nicht mehr glücklich. Die Aussicht auf ausgedehnte Telefonate, deren Quintessenz nur tröpfchenweise herausgepresst werden kann, nämlich wer mit wem und warum nicht mit dir, wirkt schon lange nicht mehr spannend und du willst weg. Vielleicht steigst du in den ersten Zug und fährst nach Bochum zu deinem alten Freund aus Schulzeiten. Der, mit dem du nur "anständige" Sachen unternommen hattest, der, der nie dein Seelenheil in Gefahr gebracht hatte, der, dem keine einzige Falte in deinem Gesicht geschuldet ist, zu dem bist du unterwegs. Und während du im Zug sitzt und dein Schlafmangel wie ein Entzug auf deinen Körper wirkt, mit Schüttelfrost und allem drum und dran, hast du das Gefühl, dass du nicht mehr weißt wo dein Leben hin fährt, während du nach Bochum fährst aber eigentlich auch nicht genau weißt wieso gerade dorthin.
In gerade solchen Momenten nimms du deinen abgelesenen "Der Fänger im Roggen" zur Hand, den du seit circa so lange du lebst in deinem Seesack dabei hast. Du fängst ganz von vorn an, denn du willst kein Wort von dem verpassen, was dir Holden vorflucht. Ist es nicht so, dass gerade die besten Bücher dich in den ersten drei Sätzen gewaltätig wegreißen, so dass du keinen Boden unter deinen Füßen mehr spürst? Dieses Buch fängt dich ein wie diese eloquenten Sektengurus im Marihuanarausch oder einfach nur wie diese Stimme in deinem Kopf, der du bisher nie so richtig zugehört hast. Beim ersten Lesen willst du noch "ja, genau" schreien, wenn du wieder etwas verstehst, das bis dahin irgendwo verschwommen unter deiner Schädeldecke kauerte. Später sind die Sätze wie alte Bekannte, denen du entspannt zuhörst während du dich freust, dass es sie noch gibt. Manchmal gibst du dich auch nur der Melodie der leisen Flüche hin, die dich davontragen wie die erste Welle im Sommerurlaub.
J.D. Salinger meldete sich neunzigjährig wieder zu Wort, weil er die Veröffentlichung eines gewissen J.D. California und dessen "60 Years Later, Coming Through the Rye" verhindern wollte. Bis dahin hatte der Autor zurückgezogen an der Küste von New Hampshire gelebt und sich geweigert mit der Presse zu sprechen; ein Phantom bzw. ein Mann, der wusste, dass manchmal das Beste im Leben schon hinter einem liegt und man perfekte Dinge nicht anrührt. Verfilmungen seines Bestsellers lehnte er konsequent ab und möglichen Fragen über eine Fortsetzung begegnete er indem er sagte, dass alles was man darüber wissen muss in diesem einen Buch steht.
Holden Caulfield, der selbsternannte Kinderfänger im Roggen, der Held meiner traurigen Momente, ist bei seiner kleinen Reise auf der Suche nach Reinheit, auf der Suche nach etwas, das bewahrt werden sollte. Wahrscheinlich hätte auch er diesen J.D. California verflucht und beklagt, dass nichts auf dieser Welt noch sicher ist, wie er zum Beispiel auch sagt: "Manche Sachen sollten so bleiben, wie sie sind. Man sollte sie in einen großen Glaskasten stecken und so lassen können. Natürlich ist das unmöglich, das weiß ich."
Jerome David Salinger ist nun am 27. Januar in seinem Haus in New Hampshire gestorben und hat damit den letzten Punkt unter seine eigene Geschichte gesetzt. Er war für mich einer dieser Menschen, von denen man weiß, dass sie gerade irgendwo auf dieser kalten Erde atmen, während dein Herz auf der anderen Seite der Welt für sie schlägt. Einer, den man zu kennen glaubt, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Irgendwo verborgen in meinem Hinterkopf lag ein Rückzugszenario abgespeichert, das damit anfing einfach so das Land zu verlassen und damit endete Jerome D. Salinger in seinem Haus zu besuchen und einen Kaffee (vor seinem offenen Kamin) mit ihm zu trinken. Das ist nun vorbei. Auch ich muss erwachsen werden.



Kommentare
° ich hatte kein geld mir das buch zu bezahlen...
08.02.2010, 16:38 von papaya234sehr schön geschrieben. kenne das gefühl, zwar nicht durch dieses buch aber wohl durch die musik.
06.02.2010, 19:28 von Kathue-tataals ich das buch zum ersten mal gelesen habe,war es so: ich wollte "genau" schrein und musste immer wieder nicken.man hat wirklich das gefühl,ihn gekannt zu haben.ich schreie bei deinem artikel innerlich auch "genau!"
05.02.2010, 00:00 von karlotta.herzblutdein Text gefällt mir sehr gut,
02.02.2010, 12:03 von laphzIch habe das Buch zwar nie gelesen, aber du schreibst so rührend darüber.
daumen oben
Gutes Buch, das seine Zeit hat in/zu der es gelesen werden sollte.
02.02.2010, 10:50 von mixtapeapeyeah, i know... diese 'motiviertheit'. die kann einen schon sehr traurig machen,
02.02.2010, 03:16 von Federicowirklich... echt. "Du kannst nichts Schönes an diesem Ort erkennen und du weißt nicht wo diese ganze Motiviertheit her kommt und wo sie hin soll." fick dich. beschissener text. wirklich
02.02.2010, 03:09 von Federicoeinfach
nur
beschissen.
@Federico fick dich. schreib besser!
03.02.2010, 19:33 von overratedashellKeine Worte... AH!!! "wieder eine dieser Veranstaltungen mit dem markigen Namen, der aus irgend einem Informatikerhirn entkorkt wurde." Allein der Satz...
02.02.2010, 02:53 von Kataklysmusthis is so fuckin bad and so fucking pathitic even tokio hotel write better lyrics.
02.02.2010, 02:47 von FedericoI am disgusted and repulsed. Seriously... this is ridiculously bad.
02.02.2010, 02:44 von Kataklysmus