Michi 08.10.2004, 17:25 Uhr 9 0

Das Problem Jelinek

Mit Elfriede Jelinek erhält eine radikale Autorin den Literaturnobelpreis. Einige Gedanken hierzu.

Elfriede Jelinek ist die Literaturnobelpreisträger in diesem Jahr. Die Überraschung, die die Wahl des Nobelpreiskomitees ausgelöst hat, ist wohl mindestens so hoch wie die Freude darüber. Der Tenor der Medienberichterstattung ist einstimmig, und spricht von Elfriede Jelinek als einer würdige Preisträgerin. Von schreibenden Kolleginnen und Kollegen ganz zu schweigen.

Österreichs Politik reagierte prompt und mit ähnlicher Einstimmigkeit: Es gab Würdigungen von allen Seiten, in der Intensität schwankend, je nach Coleur. Einzig die Kultursprecherin der FPÖ äußerte ihre Skepsis, schließlich zieht Jelinek, ist sich Partik-Pablé sicher, Österreich seit Jahren genüsslich durch den Dreck. Die Missbilligung der Kronen Zeitung war obligat; mit ihr und ihrem Herausgeber Hans Dichand liefert sich Jelinek seit Jahren Auseinandersetzungen. Die Krone steht stellvertretend für jenes Österreich, das Jelinek mit all ihrer Kraft zu bekämpfen versucht. Ansonsten blieb Jelineks größte Befürchtung, vor den Parteipolitischen Karren gespannt zu werden bislang unbegründet. Ein Novum für Österreichische Verhältnisse allemal.

Beobachtet man Reaktionen in diversen Internet-Foren, bietet sich ein etwas differenziertes Bild, sind die Meinungen deutlicher. So wie Jelinek mit ihrem Werk provoziert und radikalisiert, so sehr schwanken die Meinungen hier zur Preisvergabe an Jelinek. Will man auch hier einen Grundtenor ausmachen, müsste man ihn wohl dahingehend ansiedeln, dass Jelineks Werk nur wenigen wirklich bekannt ist. Vielfach scheitert die Auseinandersetzung nicht erst am Anspruch den ihre Texte an die Leserschaft stellen, sondern an der Person Jelineks. Sie ist keine Sympathieträgerin, die breite Zustimmung findet. Zwischen Verehrung und Ablehnung besteht praktisch kein Spielfeld.

Hier treffen wir auf das Problem, das sich einer moderne Gesellschaft mit radikalen KünsterInnen stellt: Es ist ihre Ohnmacht bei Umgang und Auseinandersetzung mit diesen. Sie scheint aus dieser Handlungsunfähigkeit heraus nur zwei Fluchtmöglichkeiten gefunden zu haben. Die eine führt nach hinten, die andere nach vorne. Die eine verfällt dem, in der (österreichischen) Öffentlichkeit weit verbreiteten und beim politischen Stimmenfang überaus wirksamen, Beißreflex. Die andere bietet die Fluchtmöglichkeit nach vorne; was in einer zu Undifferenziertheit neigenden Zustimmung für das Werk und der Person des Künstlers mündet. Gegenseitig bewerfen sich diese beiden Lager mit Unverständnis und gegenseitiger Verachtung. Die einen werden zu reaktionären Beißer und Ewiggestrigen, die anderen die bleiben die Nestbeschmutzer und Vernaderer. Damit ist zwar die Provokation geglückt, aber keinesfalls gewährleistet, dass sich durch diese auch eine Entwicklung anstoßen lässt. Nebenbei kann man sich natürlich auch die Frage stellen, ob der provokante Künstler diese überhaupt will, denn er benötigt für sein Schaffen ja eigentlich den Status Quo.

Wo aber liegt die Mitte? Wie kann eine Öffentlichkeit auf KünstlerInnen vom Schlag Jelineks angemessen reagieren ohne einem der beiden Extreme zu verfallen, die eine objektive Betrachtung unmöglich machen? Vielleicht mag das auf Extremen aufgebaute Kunstwerk am ehesten in der Lage sein, einer Gesellschaft wie der unseren, den oft zitierten Spiegel vorzuhalten. Das Potential der Selbsterkenntnis bleibt aber ungenutzt, so lange es unmöglich erscheint, KünsterInnen wie Jelinek oder auch Thomas Bernhard, mit einem möglichst hohen Maß an Objektivität zu begegnen. Es liegt also am Publikum, einerseits diesen Provokationen auszuweichen, ohne aber dabei blind zu werden. Erst dann erhält das Werk einer Elfriede Jelinek jenen Wirkungsgrad, den es sich verdient hat."Wichtige Links zu diesem Text"
Web-Page von Elfriede Jelinek
Werkverzeichnis Elfriede Jelinek
Web-Page des Nobelpreises

9 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    ...in die österreichische Seele findet Ihr unter derStandard.at unter Kultur/Literatur/Literatur-Nobelpreis. Derweilen gibt es dort schon 922 Postings, die die Problematik welche Michi in seinem Text andeutet, noch einmal verdeutlichen.
    Ich selbst will an dieser Stelle weder Glückwünsche an Sie richten, noch will ich die Entscheidung kommentieren... das haben schon genügend Leute gemacht - die wahrscheinlich noch nie ein Stück VON Ihr, sondern nur Texte ÜBER Sie gelesen haben.
    Manche Sachen von Ihr mag ich, manche nicht. Und das wird sich nachdem sie Literaturnobelpreisträgerin geworden ist, auch nicht ändern.

    18.10.2004, 00:30 von prekestolen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich kann und will nicht verstehen, wie eine Frau wie Elfriede Jelinek, den Friedensnobelpreis erhalten konnte.
    Nur Konfrontation und Fäkalie, schmutzig orgiastische Exzesse, braucht es heute wirklich nicht mehr?!
    Mißstände aufzuzeigen ist gut, daß Gehabe dahinter, widerlich.
    Man muß Teilen der Bevölkerung recht geben, immer nur querschießen ist kein Verdienst.
    Ganz abgesehen davon, glaube ich, daß Frrau Jelinek eine Quotenlösung darstellt.
    In diesem Sinne,
    Brummel

    12.10.2004, 10:50 von Brummel
    • 0

      @Brummel sie hat aber gar nicht den friedensnobelpreis bekommen. der ging an Wangari Maathai. Elfriede Jelinek bekam den Literaturnobelpreis.

      Deine Meinung zu Jelineks Werk sei Dir überlassen.

      12.10.2004, 19:03 von Michi
    • 0

      @Michi Entschuldigung, war eine Überschneidung. Aber es ist ja Gott sei dank ersichtlich der Literaturnobelpreis gemeint war und ist.
      In diesen Sinne,
      Brummel

      12.10.2004, 19:20 von Brummel
    • Kommentar schreiben
  • 0

    guter text!

    10.10.2004, 23:30 von elfenfabrik
    • 0

      @elfenfabrik danke!

      11.10.2004, 07:46 von Michi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    1. ich finde die überschrift deines artikels etwas unglücklich gewählt. "das problem jelinek", das erschreckt mich ein wenig.
    2. ich habe null bock, einem schriftsteller mit einem "möglichst hohem maß an objektivität" zu begegnen.

    h.

    p.s.: neben mister zimmerman setz ich noch einmal senhor antunes ins wartezimmer.

    10.10.2004, 21:12 von stundenhotel
    • 0

      @stundenhotel @Studenhotel
      Bravo!

      12.10.2004, 11:20 von ramCore
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Der Artikel beschert einem viele zu bejahende Generalklauseln, die am Inhalt gemessen nicht unbedingt falsch sind, nur eines steht fest:

    Ich, der Leser, weiß immer noch nicht, was an Frau Jelinek nun so extremistisch oder schlimm ist. Es hätte dem Text gut angestanden, ein paar Beispiele zu bringen, wie und wodurch Frau Jelinek Österreich durch den Schmutz zieht, oder inwiefern sie extremistisch ist.

    Leider sagt der Text so nicht viel aus. :~/

    10.10.2004, 15:31 von Michou
    • 0

      @Michou also, dass sie schlimm ist, hab ich nicht geschrieben. ich habe auch keine persönliche wertung abgegeben. ich sagte, dass sie als radikale autorin gilt und ich wollte mit meinem text versuchen, wie man mit autoren ihres schlags umgehen kann, ohne selbst in die extreme gehen zu müssen. (totale ablehnung oder umarmung).

      der einwand, ich hätte beispiele bringen sollen, der geht klar. danke dafür. ich ändere den text jetzt aber trotzdem nicht. thomas bernhard hat einmal gesagt: "in jedem österreicher steckt ein heimlicher nazi." jelinek bezieht sich sehr oft auf sexuelle themen und die ausbeutung der frau durch den mann. sie verwendet dabei sehr bizarre und mechanische bilder:

      ...wie ein Fabrikdirektor Namenlos sein "schweres Geschlechtsgerät", seinen "Lendenwagen", seinen "wilden Karren" unablässig "in den Dreck der Frau" fährt, sein "zappelnder Zapfen", sein "Trumm Wurst" immerfort "in ihrem schlummrigen Geschlecht" wühlt, kurz: wie die Frau im Tagbau der Ehe abgebaut und zu Asche verheizt wird. (Zitat siehe: www.zeit.de/2000/43/Kultur/200043_l-jelinek.html)

      10.10.2004, 21:49 von Michi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    weiß auch nicht wie ich das ganze bewerten soll. jedenfalls hat die vergabe des preises an österreich sicher nicht nur die schriftstellerin und ihre leser-bzw. nichtleserschaft überrascht, sondern auch ihre verleger. man hört ja die tollsten sachen von der messe. alex fest hat nur einen titel mit in frankfurt.hihi. da musste ups sicher mal schnell bei der auslieferung vorbeidüsen und was abholen.
    na jedenfalls find die preisvergabe an e.jelinek besser als wenn es wieder irgendein amerikaner gewesen wäre.
    doch da gibt es noch zwei die ihn während ihrer sicher nicht mehr allzu langen lebenszeit abgreifen sollten. Mr. Zimmerman & Mr. P.Roth.
    maybe next year.

    09.10.2004, 10:29 von OlliSchulz
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Jelinek kenne ich, das muss ich beschämt zugeben, noch viel zu wenig, aber Bernhard war mein Matura-Spezialgebiet und da kamen natürlich auch die unterschiedlichsten Fragen, warum ich denn unbedingt den Nestbeschmutzer Nr. 1 nehmen wolle und so weiter. Ich gebe zu, eine Aussage wie jene von Bernhard, dass in jedem Österreicher zumindest auch ein Nazi steckt (!), ist alles andere als leichte Kost und greift den Leser im eigenen Land ungeniert zwischen die Beine, aber wenn man seine Biographie gelesen hat, der er von sich aus fünf Bände gewidmet hat, dan beginnt man sehr schnell zu verstehen, dass dieses beschmutzte Österreich viel mehr die von anderen ohne Rücksicht beschmutze Innenwelt des Schriftstellers ist und wenig mit der Nation an sich zu tun hat. Bleibt abzuwarten, ob man von Jelinek je das Selbe sagen wird.

    08.10.2004, 23:57 von Yinn
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] danke!

      ist es nicht etwas mühsam, sich mit ihren texten auseinander zu setzen? ich kenne ihre sachen nicht so gut. aber was ich kenne ist einfach schwierig zu verdauen, oft.

      12.10.2004, 19:10 von Michi

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare