MissRaten 09.01.2013, 10:16 Uhr 16 29

Das Herz meines Dichters

Erst war es nur ein kleiner Funke, jedoch wirkten seine Worte wie ein Feuersturm, den Brandherd stets neu entfachtend. Und im Zentrum stand ich.

Ich fand ihn im Herbst. An einem grauen Tag bei stark abnehmendem Licht in düsterer Stimmung stolperte ich wie durch Zufall über eines seiner auf den ersten Blick unscheinbaren Gedichte, überflog es flüchtig, erinnerte mich, las es später deshalb nochmal und schließlich immer und immer wieder und auch seine weiteren Werke. Die ganze Nacht. Erst war es nur ein kleiner Funke, doch wirkte seine Poesie wie ein Feuersturm, den Brandherd stets neu entfachend. Und im Zentrum stand ich.

Der heiße Atem seiner geflüsterten Worte wirbelte wütend durch meinen Verstand und hinterließ in meinem Gehirn eine Schneise der Verwüstung. Gekappte Synapsen, verknotete oder verkohlte Nervenstränge, entfesselte Transmitter. Elektronenblitze und Dopaminschübe zerstörten verkrustete Gewissheiten. Ich erlebte das Leben neu. Selbst wenn es jetzt nicht mehr mein eigenes war.

Entzündet auch mein Herz. Seine hydraulische Funktion einwandfrei erfüllend pumpte es gleichmäßig Blut durch meinen Körper und seine Kontraktionswellen verliehen mir Kraft, die Frequenz allometrisch optimiert. Bum-Bum Bum-Bum. Eigentlich kein Platz, kein Raum dazwischen. Funken finden immer ihren Weg. Erst schwelte seine Lyrik nur schwach in der rechten Kammer. Doch die regelmäßige Sauerstoffzufuhr entfachte die Glut. Das Feuer bahnte sich rasch quer durch den gesamten kardialen Apparat, aber es zerstörte nicht. Durch mich durch schien es gleißend hell, ein Pulsar, der Licht spendete nach außen, nur noch keine Wärme.

Seine Worte nahmen mir mein altes Leben, meine Überlegenheit und am Ende meinen Stolz. Der nur ein anderes Wort war für meine Kälte. Die langsam schwand. Ich sehnte mich nach mehr. Schrieb ihn an.

Er war der Verfasser? Als er in der morgendlichen Dämmerung vor meiner Tür stand, musste ich lachen. Hahahahaha. Niemals waren diese Gedichte von ihm. Diesem unschuldigen jungen Mann. Niemals. Er lächelte mich schüchtern an. Ich trat näher zu ihm und spürte, wie endlich die Hitze in mir hochstieg und …

Wut.

Inzwischen ist Winter. Während ich dies auf dem Sofa liegend schreibe, schweift mein Blick unruhig durch den Raum und bleibt schließlich am Wandregal hängen, auf dessen oberstem Tablar ein Glasbehälter thront, in dem in einer gelblichen Flüssigkeit ein undefinierbares Gebilde schwimmt.

Hier ruht das Herz meines Dichters, das ich in düsterer Stimmung am Ende der langen Nacht aus seiner Brust herausgerissen hatte, um es zu studieren, um dem Geheimnis seiner Worte auf die Spur zu kommen, die meinen Verstand verwüstet hatten, mein Herz entflammt und meinen Stolz korrumpiert.

Skeptisch betrachte ich es. Wie es da so schwimmt, ein schrumpeliger Zellhaufen, eher bräunlich als rot, eher unappetitlich als erhaben, eher schlaff als kraftvoll, wie soll es da wohl noch irgendein Geheimnis bergen? Und doch muss es so sein, denn der Jüngling ist entwachsen, verfasst seit diesem Morgen nur noch nüchterne Traktate, durchzogen von mechanischen Sätzen und kühler Sprache. Ohne Poesie. Er ist jetzt wie ich.

Ich starre zurück auf den Bildschirm, gehe meine geschriebenen Worte noch mal durch. Zeile für Zeile. Wohlfeil konstruiert, logisch einwandfrei, reich an Details. Belehrend, moralisierend, zuweilen idealisierend. Aber ohne Liebe und Leidenschaft. Ich fühle meine Lücke und seufze leise auf. Mein Blick wandert wieder nach oben ...

Nachher werde ich sein Herz verspeisen.

Und dann schreibe ich vielleicht Liebesgedichte.


                                            En garde!


                                                    x


Tags: Kamillus von Lellis
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16 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Mich hat der Teil 

    Er war der Verfasser? Als er in der morgendlichen Dämmerung vor meiner Tür stand, musste ich lachen. Hahahahaha. 

    aus der bildhaft schön verpackten Geschichte gerissen. Wenn du sagen willst, dass du lachst und es mit "hahaha" wiederholst, dann spielt sich in meinem Kopf nur ein grässlich lachendes Etwas ab. Schuss nach hinten.

    Trotzdem muss man sagen, dass er Wirkung hat, dein Text. 

    09.01.2013, 23:56 von unabhaengIch
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  • 1

    das en garde war mir zu viel, aber ansonsten logisch einwandfrei und reich an details ;)

    09.01.2013, 21:33 von MissesBiscuit
    • 0

      Es sollte eigentlich mehr zum Bild, jetzt besser?

      09.01.2013, 22:04 von MissRaten
    • 0

      aaaah jetzt hats klick gemacht =)

      09.01.2013, 22:04 von MissesBiscuit
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  • 1

    gefällt mir sehr! irrsinn wird es nur derjenige nennen, der das werk zu direkt versteht.

    09.01.2013, 20:32 von monolisa
    • 1

      Da hast du vollkommen recht.

      09.01.2013, 21:19 von MissRaten
    • 0

      aha.

      11.01.2013, 12:21 von mo_chroi
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Ich kaue noch.

      09.01.2013, 19:52 von MissRaten
    • 0

      Vielleicht gibt es keine Liebesgedichte, sondern nur Gedichte über Fleischeslust?

      10.01.2013, 00:17 von SteveStitches
  • 1

    "zerstörten verkrustete Gewissheiten"


    09.01.2013, 12:01 von pur_pur
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  • 1

    jou!

    09.01.2013, 11:59 von pur_pur
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  • 1

    irrsinn wortfein hübsch verpackt.

    09.01.2013, 11:59 von mo_chroi
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  • 1

    ..muss es mehrfach lesen...ich finde es glaub super!

    09.01.2013, 11:57 von pur_pur
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  • 1


    Nachher werde ich sein Herz verspeisen.


    Mag ich

    09.01.2013, 10:55 von FrauKopf
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