cochise 18.07.2006, 19:57 Uhr 0 0

Das Foto in der Zeitung

ein Schreibversuch

Sie starrte auf das Foto, zum zehnten Mal bestimmt. Nein, eigentlich starrte sie seit einer Stunde ununterbrochen auf das Bild. Sie hielt einen Zeitungsausschnitt in der Hand, die Sprache war ihr fremd, aber das Foto zum Artikel konnte sie natürlich trotzdem erkennen, und das nur zu gut. Es war in der Hauptstadt des Landes entstanden, auf einer Demonstration. Im Hintergrund war ein Auto zu sehen, doch viel wichtiger war der Vordergrund, das eigentliche Motiv: sie selbst, mit Landesflagge und Victory-Zeichen. Ein Bekannter aus Deutschland, den sie vor einem Jahr kennengelernt hatte, als er in ihrem Heimatland zu Besuch war, hatte ihr den Zeitungsausschnitt zugeschickt. Er hatte auch dazugeschrieben, worum es in dem Artikel neben dem Foto ging. Und jetzt würde ausgerechnet ihr Gesicht damit verbunden, dabei ... Sie dachte an die Zeit vor etwa drei Wochen zurück, als das Foto entstanden war.
Sie war gerade wieder in die Hauptstadt gekommen damals, eine Woche eher als geplant, vielleicht sogar gänzlich ungeplant, wenn es nach anderen ginge. Sie war geflüchtet vor ihrem konservativen Heimatdorf, vor ihrer religiösen Familie, vor all den Dingen aus ihrer Kindheit und Jugend, denen sie zum Beginn ihres Studiums endlich entkommen war. Nur in den Sommerferien musste sie noch dorthin zurück, zurück in ihre kleine Hölle, wie sie das Leben dort gegenüber Freunden nannte. Dieses Mal war es jedoch besonders schlimm gewesen, und sie hatte beschlossen, nicht wieder zurückzukehren. Ihr Vater hatte ihr die üblichen Vorhaltungen gemacht: eine junge Frau müsse nicht studieren, sie sei längst im Heiratsalter, die Dorfgemeinschaft zeige schon mit dem Finger auf ihn, der nicht einmal seine Tochter im Griff habe, und so weiter. In den vergangenen Jahren bekam sie gegenüber ihrem Vater immer Unterstützung von ihrem Onkel, dem älteren Bruder des Vaters. Dieser hatte ihr einst ermöglicht, aus der Gemeinde auszubrechen und an die Universität zu gehen. Doch diesen Sommer war sie gerade noch rechtzeitig gekommen, um ihn zu Grabe zu tragen. Es war ein tragischer Unfall gewesen. Ihr kamen die Tränen, als sie daran zurückdachte.
Gegen Ende der Sommermonate hatte sie mehr und mehr den Eindruck bekommen, dass ihr Vater sie nicht mehr gehen lassen würde. So hatte sie eines Nachts die nötigsten Sachen eingepackt und sich davongeschlichen wie ein Dieb. Sie hatte Glück gehabt, dass sie nach wenigen Kilometern von einem verspäteten Postauto mitgenommen worden war, sonst hätte man sie sicherlich eingeholt und festgehalten.
So war sie in die Hauptstadt zurückgekommen, endgültig entwurzelt von ihrer Familie, irgendwie frei, aber zutiefst aufgewühlt und verwirrt. Sie hatte auf der Straße einen alten Bekannten getroffen, der jetzt Unteroffizier bei der Luftwaffe war, hatte sich ihm anvertraut, ihr ganzer Ärger, ihre Enttäuschung und ihre Wut waren aus ihr herausgesprudelt. Er hatte sie aufgenommen, ihr zugehört, ihr Zuspruch gegeben. Es war auch für sie da, als sie sich in Sex geflüchtet hatte. Die Nacht war leidenschaftlich und intensiv gewesen und hatte sie für den Moment alles vergessen lassen.
Sie war danach in einen traumlosen Schlaf gefallen und erst am späten Nachmittag wieder aufgewacht. Sie war wütend geworden. Wütend auf ihre Familie, wütend auch auf die ganze Welt, in der sich das Gedankengut ihrer Eltern wieder ausbreiten konnte.
Sie dachte noch einmal darüber nach. Ja, das war wohl ein Grund gewesen, dass sie mit zu der Kundgebung des Regimes gekommen war, als ihr Bekannter, der Unteroffizier, sie am frühen Abend dorthin mitnehmen wollte. Sie war gewiss keine Anhängerin des autokratischen Apparates, sie liebte die Freiheit viel zu sehr, aber dieser Apparat garantierte ihr momentan die Unabhängigkeit von noch mehr Unfreiheit in ihrer Familie und deren archaischen, rückständigen Traditionen. Sie sah in dem Moment nur diese beiden Alternativen. Im Nachbarland waren die religiösen Eiferer, die Fanatiker, seit dem Sturz des alten, brutalen Regimes auf dem Vormarsch. Das Regime in ihrem Heimatland war lange nicht so brutal wie das im Nachbarland, sie hatte sich bisher damit arrangieren können und hatte vor ein paar Jahren wieder Hoffnung geschöpft, dass es sich auch von innen heraus ändern könne.
Auf der Kundgebung war sie fotografiert worden, und dieses Foto war in der europäischen Presse gelandet. Das ärgerte sie, stand doch jetzt ihr Gesicht für die Menschen, die dem Regime blind zujubelten. Dass Fotos nur eine Momentaufnahme sind, das war einmal wieder vergessen worden; dass jeder Augenblick einen Zusammenhang hat, ebenfalls.
Sie schloss die Augen und schweifte in die Ferne, in eine andere Welt, weder dominiert von religiösem Fanatismus noch von autoritären Systemen noch vom Reichtum einiger Großer. Sie stand auf, zog sich an und ging hinaus, ein Flugblatt in der Hand.

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