coldwater 11.10.2010, 11:53 Uhr 0 0

Buchmesse Frankfurt erster Tag

Um als Studentin nicht nur das Minus auf meinem Konto in ein Plus zu verwandeln, sondern auch die großartigste Messe der Welt zu entdecken.

Kaum steige ich aus der U-Bahn aus, bin ich auch schon beseelt von der Orientierungslosigkeit. Auf welcher Seite liegt Messe Frankfurt noch gleich? Ahnungslos laufe ich erst einmal die am nächstliegendsten Treppen hoch, um nicht starr und müßig dazustehen und Zeit zu verlieren.

Oben angekommen, sehe ich eine etwas ältere extravagant gekleidete Dame, die sich suchend um ihre eigene Achse dreht. Als sich unsere Blicke treffen, sind wir schon zwei, die mich fragen, wo es überhaupt lang geht, zur Buchmesse.

Gemeinsam entscheiden wir, die Richtung zu wechseln und den Menschentrauben zu folgen. Auf der Rolltreppe erwartet mich ein höfliches warmes Lächeln, wonach es zu einem spontanem Gespräch kommt.

Wir tauschen uns darüber aus, was uns beide dorthin bringt. So erzähle ich ihr also von meinem Job in dem Restaurant und sie mir von ihrem Job als Verlegerin. "Märchen für die Seele" heißt das Buch, wovon sie mir begeistert erzählt. Eine Sammlung von Märchen der Gebrüder Grimm zum Anlass des 200. Geburtstags mit einem Vorwort von Prof. Dr. Gerald Hüther, in dem mit der Neurobiologie erklärt wird, was geschieht, wenn wir Märchen lesen. Und als sie mir einladend den Standort beschreibt, beschließe ich, sie nach meiner Arbeit zu besuchen. Uns gegenseitig einen schönen Tag wünschend, verabschieden wir uns also voneinander.

Und augenblicklich, sobald ich das Messegelände betrete, bin ich umgeben von Hektik, personifiziert von uniformierten Männern und Frauen im Anzug und ihrem hinterher schleifendem Gepäck, was mich dennoch nicht dazu bringt, diesen Ort als Kundgebung der Kunst des Schreibens und Darstellens anzuzweifeln, da zwischen drin Tüpfelchen von Kreativität, sich spiegelnd in Kleidung und Präsenz, ein schwarz-weißes Bild herausragend verhindern.

Nach meiner angenehmen Arbeit mit der umgänglichsten Chefin, einem deutschen Koch, der der Ansicht ist, die Migrationsproblematik könne sich durch gegenseitige Integration beheben, und einer Kollegin, die mich nicht nur bei der deutschen Bedeutung meines Namens - Meeresbrise - ruft, sondern fest davon überzeugt ist, dass sie mit der sozialen Arbeit, die sie ausrichtet, nichts aufopfert, verabschiede ich mich dankend bei allen.

Eine selbstbewusste Desiree Nick stolziert an mir auf der einen Seite vorbei, und ein Politiker der Christlich Demokratischen Partei Deutschlands namens Roland Koch, der das Blitzlichtgewitter, nach dem Ausdruck seines Gesichtes zu urteilen, deutlich zu genießen scheint, auf der anderen. Kurze Zeit nachdem ich begreife, warum die Presse diese eine Figur umzingelt, lauf ich auch schon weiter. Er ausländerfeindlich, ich gebürtige Türkin - war ihm sicher auch Recht, wenn er davon wüsste.

An einem recht unauffälligem Stand bleibe ich stehen, als ich ein großes Poster mit dem Abbild Kemal Atatürks sehe. Als mein Blick weiter nach unten wandert,beschließe ich also, in diesen vielversprechenden Bereich einzutreten und mir das mal genauer anzuschauen.

Ich greife also nach dem Buch mit dem Titel "Kemal Atatürk und die moderne Türkei". Den Klappentext überflogen sehe ich im Seitenwinkel schon jemanden auf mich zu kommen. Obwohl ich der jungen Frau erkläre, dass ich nur privat hier bin, erklärt sie mir mit Mühe, und Enthusiasmus die Ziele dieses unbekannten "unerwünschten" Verlages. Ahriman, so nennt sich der Verlag, der genau das veröffentlicht, was Bildungseinrichtungen und Presse vorenthalten wollen. Alle "unerwünschten Bücher", so nennt der Verlag die eigenen Publikationen, setzen jedoch wissenschaftliche Arbeit voraus.

Durch die Lektorin, deren Name mir leider noch nicht bekannt ist, erfahre ich, dass tiefgreifende, aufklärende Artikel, die zur Vorstellung des Alevitentums dienen sollen, von Zeitungen wie Zeit oder Welt strikt abgelehnt werden. Der tolerante, friedliche Alevite bestätigt, der Lektorin zufolge, natürlich nicht das Vorurteil der terroristischen, beschränkten Fundamentalisten im Islam, was den Medien, die unter Anderem durch Angst-und Panikverbreitung hohe Gewinne erzielen, keineswegs dient.

Ein anderes Buch, das mir in dieser Reihe ins Auge sticht, nennt sich "Die Karmaten" von Peter Priskil. Vor über 1000 Jahren gründet "eine Ketzerbewegung im islamischen Frühmittelalter den ersten religionslosen Staat der Weltgeschichte, der 179 Jahre währt". (Prof. Gerhard Armanski)

Nachdem wir uns noch über das Laizismus-Modell Atatürks, Deutschlands Entwicklung und dem Feminismus unter Alice Schwarzers Führung unterhalten, reise ich also, nachdem ich viel mitgenommen habe, weiter.

Als leidenschaftliche Leserin historischer Romane habe ich glücklicherweise noch den Roman "Maria Christina - Tagebuch einer Tochter" der Schriftstellerin Rebecca Novak entdeckt.

Die Blätter des Buches sind durchgängig in der Farbe Rosa ausgewählt worden, was natürlich einen noch romantischeren und epischeren Eindruck schindet.

Nachdem mir die zwei jungen Damen vom Stand begeistert vom Buch erzählen, geben sie mir noch eine Leseprobe mit, die ich als unglaublich süß und originell empfinde, da es an den anderen Ständen kaum solche Aufmerksamkeiten gibt.

Zwei Stunden lang suche ich also noch nach dem Stand der Märchenbücher und unmittelbar kurz vor halb sieben (um diese Uhrzeit schließt die Messe), finde ich ihn, nachdem ich jeden Stand noch einmal in Halle 3.1 unter die Lupe nehme.

Als mich die nette Verlegerin vom Morgen entdeckt, strahlt sie und begrüßt mich als ihre nette Bahnbekannschaft. Ich kann nicht sagen, wer von uns beiden sich mehr über die Zusammenkunft freut, jedenfalls bereitet sie mir eine unglaubliche große Freude, indem sie mir völlig unerwartet die Ausgabe, wovon sie heute morgen noch sprach, schenkt.

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