krev 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 0

Auf Schlössertour (Kolumne)

Der Versuch zu erklären, warum so viele Fahrradschlösser verlassen an Laternenpfählen hängen.

Wenn ich von einer Schlössertour rede, dann denken viele sicher gleich an imposante Bauten mit filigranen Türmchen, wie Schloss Neuschwanstein oder .... Ehrlich gesagt muss ich an dieser Stelle gestehen, dass hier mein Wissensstand deutscher Schlösser bereits erschöpft ist. Etwas ernüchternd, nicht wahr? Mit diesem marginalen Wissen der deutschen Schlösser- und Burgenlandschaft könnte ich bei "Wer wird Millionär" gerade einmal die 500 € Frage beantworten, aber auch nur aus bloßer Unkenntnis der anderen Kategorien, oder weil diese völlig absurd sind. Allerdings frage ich mich gerade wie eine solche 500 € Frage lauten sollte. Vielleicht in etwa so:

Welches der folgenden Schlösser steht in Deutschland:

a) Neuschwanstein

b) Altentenfels

c) Mittelaffenberg

d) Gebrauchtkükenkiesel

Und selbst in diesem Fall wäre ich wahrscheinlich zutiefst verunsichert, ob denn a) die richtige Antwort wäre, denn Deutschland ist zwar groß, aber ob deshalb auch Schloss Neuschwanstein drin läge ja deshalb keine Selbstverständlichkeit.

Wer könnte das daher schon sicher sagen? Sicherlich eine ganze Menge belesener Menschen, die die Welt oder zumindest die Heimat bereist haben oder die einfach über das Verfügen, was gemeinhin als Allgemeinbildung bezeichnet wird. Bevor ich also weiter Lücken    meines eher spärlichen Allgemeinwissens preisgebe, wechsle ich lieber zum eigentlichen Ansinnen meines Artikels.

Mit Schlössertour meine ich das interessante Erlebnis, das einem widerfährt, wenn man nichts ahnend und ggf. auch nichts denkend durch eine deutsche Großstadt schlendert. Der ein oder andere mag vielleicht beim Schlendern doch an etwas denken und vielleicht sogar darüber sinnieren, wo denn das Schloss Neuschwanstein in der Republik liegt, aber ob nun mit oder ohne Gedanken. Wichtig ist allein, das Schlendern.  Ob dies nun in einer deutschen Großstadt sein muss, oder ebenso in südlichen Gefilden Europas möglich ist, dass kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Das noch zu beschreibende Phänomen wurde zumindest in einer deutschen Großstadt beobachtet. Der geneigte Leser möge mir Fotos von seinen Urlaubsreisen schicken, um zu belegen, dass auch andernorts das Phänomen vorzufinden sei. Ich bitte aber lediglich um Fotos des Phänomens und nicht um eine ganze Fotofolge der Urlaubsreise, von langweiligen Gebäuden in der Abendsonne etwa oder zahnlosen Greisen. Eine Ausnahme könnte ich allerdings machen, wen eine schöne Señorita das Bild schmückt.

Zum Phänomen selbst: Durch die Straßen schlendernd, fiel mein Blick auf einen Laternenpfahl und an diesem Laternenpfahl hing nun ein Schloss. Natürlich keines aus Stein und Mörtel, kein Neuschwanstein, sondern ein ganz profanes Fahrradschloss, vor dem ich nun stand und bei dem ich mir nun die Frage stellte. Warum?

Warum liegt ein Fahrradschloss völlig vereinsamt an einen Laternenpfahl gebunden?

Jetzt mag vielleicht der sofortige Einwand kommen, dass jemand wahrscheinlich zwar das Schloss, um den Laternenpfahl geschwungen, er aber sein Rad nicht fachgemäß daran angeschlossen habe und das Rad nun entwendet sei. Als Resultat bliebe dann eben nur noch das Fahrradschloss zurück. Ich muss zugeben, auf den ersten Blick scheint das plausibel, insbesondere da ich selbst einmal dieser optischen Täuschung erlegen war, mein Fahrrad fest angeschlossen zu haben.

Man stelle sich aber nun die Rückkehr des Fahrradbesitzers vor und wie dieser in Erwartung seines Fahrrades, stattdessen nur noch das verlassene Schloss vorfindet. Warum sollte nun diese Person das Schloss am Laternenpfahl zurücklassen? Wenn man sich einmal die Mühe macht sich ein solch vereinsamt darbendes Schloss näher anzuschauen, so fällt  dessen Unversehrtheit auf. Warum also nimmt der Besitzer nicht wenigstens das Schloss wieder mit? Ist es der Moment des Schocks über den Verlust des Fahrrades, der dem Fahrradbesitzer dermaßen zusetzt, dass dieser auch das Schloss komplett aus dem Gedächtnis löscht. Oder ist es eine psychologische Abwehrhaltung des Betroffenen, der sich seine Unfähigkeit ein Schloss anzubringen nicht eingestehen will und daher die Schuld dafür in das Schloss projiziert und dieses als Strafe den Unbillen der Natur über- und es dort verrotten lässt. Auch dieses Szenario scheint eher unwahrscheinlich.

Eine andere Möglichkeit, die einem sofort in den Kopf schießt, ist sicherlich die, dass diese Schlösser die Funktion eben jener Handtücher haben, wie man sie aus Urlaubsorten kennt. Wer seinen Blick einmal von den Laternenpfählen abwendet, wird sehr schnell feststellen, dass überall ganze Batterien verlassener Fahrradschlösser zu entdecken sind. Der Gedanke einer Reservierungsfunktion scheint daher zunächst wiederum plausibel. Denn wie praktisch wäre es doch, statt kiloschwere Schlösser mit sich herumzuschleppen, diese direkt am Zielort fest zu installieren und damit eine Parkplatzgarantie zu besitzen. Nur ein notorischer und ignoranter Autofahrer mag so engstirnig sein, dass sein Gefährt das einzige mit Parkplatzproblemen im öffentlichen Raum ist. Seltsam bei diesem Gedanken schien jedoch, dass ich noch nie von einer solchen Fahhradschloss-Platzreservierungs-Regel in Großstädten gehört hatte. Daher begab ich mich in Sichtweite eines hochfrequentierten und schlossbehangenen Fahrradabstellplatzes und beobachtete die Szenerie.

Ich stellte schon nach kurzer Zeit fest, dass auch niemand anderes diese Regel zu kennen oder zu beherzigen schien. Um letzteres zu prüfen, sprach ich einen solchen Fahrradrowdy an, der gerade sein Fahrrad an ein bereits mit einem anderen Schloss markierten Fahrradständer anschloss. Das Unverständnis seinerseits und seine barsche Reaktion auf meine höfliche Frage nach seinem Tun verunsicherte mich zunächst, schien es doch eher ein Hinweis darauf zu sein, dass ich einen Missetäter bei einem offensichtlichen Verstoß gegen allgemeine Sitten ertappt hatte. Allerdings zeigte mir eine ähnliche Reaktion weiterer (etwa zwanzig Befragter), dass wohl eher die Nicht-Existenz einer solchen Platzreservierungsregelung Grund für die Reaktion war. Somit musste ich auch diese Theorie verwerfen.

Was bleibt dann also noch? Letztlich nur die Vorstellung eines völlig betrunkenen Verkehrsteilnehmers, der, unter Alkoholeinfluss stehend, zunächst versäumt, sein Gefährt mit anzuschließen und der später im Delirium die Existenz sowohl seines Vehikels als auch des dazugehörigen Schlosses aus seinem Gedächtnis löscht. Währenddessen wird wahrscheinlich ein anderer, mindestens ebenso Betrunkener, dessen kriminelles Potenzial durch den Alkohol deutlich gesteigert ist, das Rad kurzerhand entwenden.

Dies würde sowohl die Anwesenheit des Schlosses bei gleichzeitiger Abwesenheit des Fahrrades plausibel erklären.

Man stelle sich die Möglichkeiten vor, die eben diese Erkenntnis nun bedeutet. Man könnte so einen Trinkeratlas einer ganzen Stadt erstellen. Wohnungssuchende könnten dies als Hinweis auf die potenzielle Nachbarschaft nutzen und je nach eigenem Trinkverhalten das eigene passende Wohnrevier finden. Es wird sicherlich noch weitere ungleich wertvollere Erkenntnisse geben,  die sich aus dieser Beobachtung ableiten lassen.

König Ludwig wird es allerdings wohl damals nicht interessiert haben. Denn zu seiner Zeit gab es noch kaum Fahrräder und ob er beim Bau von Neuschwanstein auch einen Fahrradständer eingeplant hat, ist nicht bekannt. Gewiss ist nur, dass Schoss Neuschwanstein tatsächlich in Deutschland liegt, im südlichen Bayern.

 

 


Tags: Kolumne, Schlössertour, Alltagsrätsel
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