curtis_mcnamara 14.01.2009, 07:38 Uhr 6 5

An einem Tag im Januar

(Anstatt zu schlafen, stelle ich mir vor:)

Als ich an einem bitterkalten Tag im Januar durch die enge Rue de l’Aude im 54. Quartier im 14. Arrondissement von Paris gehe, ist die fahle Wintersonne bereits vor einigen Stunden untergegangen, so dass der schwarze Nachthimmel den frisch gefallenen Schnee in sattem Weiß erstrahlen lässt. Den ganzen Tag schon hat es geschneit. Ich muss auf der Straße gehen, weil der Bürgersteig – das Trottoir – begraben unter Massen von Schnee, unwegsam ist. Alles Leben der Stadt scheint an diesem Abend in klirrender Kälte erstarrt. Kein Auto weit und breit, so gehe ich eben auf der Straße.
Nun aber fällt kein Schnee mehr. Einen momentlang halte ich inne und sehe mich um: Sehe hoch an den steilen Fassaden der alten Gemäuer, sehe hinein in ihre Fenster, versuche in die Leben ihrer Bewohner zu blicken, sehe aber einzig gelbes Licht, das warm auf die vereiste Straße fällt. Kein Zugang für mich zu anderen Welten, ich stehe auf der Straße und friere.
Ich reiße mich los und setze meinen Weg fort. Ich habe nicht die Zeit, mich in Gedanken zu verlieren. Ich habe einen Grund hier zu sein, ich habe ein Ziel. Der unberührte Schnee quietscht unter den Sohlen meiner Schuhe, als ich endlich weitergehe.

Während er so durch die Kälte läuft, verfolgt nur von seinen Fußabdrücken im frischen Schnee, einer verräterischen Schlange, wandern seine Augen, inzwischen müde, aber dennoch unablässig an den Wänden der vierstöckigen Altbauten entlang. Sie suchen nach Hausnummern, suchen nach der 26, um präziser zu sein, der Hausnummer 26 in der Rue de l’Aude im 54. Quartier im 14. Arrondissement von Paris. Nie zuvor ist er hier gewesen und doch leitet ihn das bestimmte Gefühl, alles hier habe schon viel zu lange auf ihn gewartet.
Hätte er heute Mittag auf den dritten Kaffee, den er trank, um sich die Zeit zu verdingen, verzichtet, hätte er nun noch ein wenig Geld in der Tasche gehabt, von dem er sich, zumindest für einige tausend Meter, ein Taxi hätte leisten können, das ihm den Marsch durch den Schnee erspart hätte. Doch er ärgert sich nicht darüber. Der Taxifahrten durch Paris ist er ohnehin überdrüssig. Stattdessen läuft er weiter. Läuft durch die menschenleere Stadt. Seit wann läuft er nun schon? Läuft und friert. Er versucht sich gerade darauf zu besinnen, als sein verfrorener Blick auf die Hausnummer 26 fällt.

Warum ist er hier?

Ich betrete das Treppenhaus und entkomme der kalten Nacht. Noch aber habe ich die Unwirklichkeit des Augenblicks nicht überwunden. Gestern Abend noch war ich zu Bett gegangen, wie an jedem anderen Tag, jetzt bin ich tatsächlich in Paris und das Leben, das ich führte, erscheint mir als Hirngespinst, als erdachte gedankliche Konstruktion. Auf keinen Fall aber real. Ein gescheitertes Experiment, zur Serienproduktion nicht vorgesehen.
Vielleicht ist gar nicht dieser Augenblick unwirklich, sondern vielmehr alles davor.

Zwölf Jahre ist es her.

Während er fast vorsichtig, in jedem Falle langsamer als es der Vorgang an sich erfordert, die Treppenstufen heransteigt, ist er sich über Folgendes im klaren: Sie nach all den Jahren sehen zu wollen, sie in Paris ausfindig gemacht zu haben – sie, mit der er einst sein Leben teilte – folgt längst nicht mehr den Regeln der Vernunft. Er hatte sie schon längst vergessen, vielleicht bloß vergessen zu haben geglaubt, hatte ein ganzes Leben zwischen sie und sich gebracht, zumindest aber viel zu lange Zeit verstreichen lassen. Er sollte nicht hier sein. Darüber herrscht vollkommene Klarheit.

Warum also ist er hier?

Es vergehen einige Sekunden, nachdem er seinen Finger vom kleinen, runden Knopf der Türklingel genommen hat. Er steht wie angewurzelt. Es ist still. Dann Schritte. Noch könnte er sich umdrehen und gehen; endlich doch Vernunft annehmen; doch er bleibt. Das Knarren in den Dielen kommt näher, ist jetzt direkt vor ihm und schließlich stumm. Ein Schlüssel, der sich innenseitig dreht, vielleicht wird auch eine Türkette gelöst.
Die Türe öffnet sich und vor mir stehst du.

Du siehst mich an, fragend aber unbefangen, so wie man einen Paketboten empfangen würde, einen Unbekannten, und hast in diesem Moment noch nicht begriffen.
„Bon Soir?“, sagst du.
Ich sollte nun auch etwas sagen, um dir auf die Sprünge zu helfen, die Situation aufklären, zumindest aber deinen Gruß erwidern. Doch ich schweige, schweige und sehe dich an. Sehe braunes langes Haar, das dir sanft über die Schultern fällt. Ganz wie vor Jahren. Es umrahmt dein noch immer zartes Gesicht. Kleine Fältchen um die Mundwinkel – das ist neu – und große dunkle Augen, die mich noch immer unwissend anblicken. Sie erinnern mich. Erinnern mich an Nächte unter freiem Himmel, Nächte mit Wein im Park; an unwissende Gespräche über die Zukunft und ehrliche Geständnisse über die Vergangenheit; an Tanzen in verrauchten Clubs, die Körper eng beieinander; an Streits, die nie wieder so aufrichtig waren.
Endlich wage ich einen Versuch und sage: „Hallo.“
Doch wie nun weiter?
Ich weiß es nicht und schweige wieder.
Auch du weißt es noch nicht – hast die Situation noch nicht erraten – und so stehen wir einfach nur still voreinander.
Ein Mann und eine Frau, die sich gegenüberstehen und schweigen.
Nochmals, so kommt es mir vor, vergehen zwölf Jahre.

Wie du schließlich zu verstehen beginnst, kann ich geradezu beobachten: Es fängt an mit einer leichten Verstimmung deines Blickes, setzt sich fort in unwillkürlichem Runzeln der Stirn, schließlich, über ein Zusammenziehen der Lippen, bis hin zu deinem Kinn, das du nun erschrocken nach hinten schiebst. Dein Blick nicht länger unbefangen, vielmehr ist er angsterfüllt und starr. In diesem Moment habe ich dich aus deinem Leben gerissen.
Nun muss ich etwas sagen. Deine Angst trifft auch mich, ich suche nach Worten, die uns wieder Bodenhaftung bescheren.
Doch schon ist die Tür mit lautem Krachen ins Schloss gefallen. Binnen einer Sekunde bist du unwiederbringlich verschwunden und ich stehe alleine.
Ein Mann, der nun alleine auf eine Tür blickt.
Was hatte ich erwartet?

Es ist still. Im oberen Stockwerk hat eines der gelben Oberleuchten zu flackern begonnen. Nur sein unregelmäßiges Knacken unterbricht das monotone Surren der Heizkörper.
Er dreht sich um und geht. Noch weiß er nicht, wohin.
Fast suchend setzt er einen Fuß vor den anderen.
Was hatte er erwartet?
Zu viel Leben ist vergangen.
Widerwillig nimmt er Stufe um Stufe.

Er ist müde.






(Ich stelle mir weiterhin vor:)

Plötzlich hinter mir – ich bin bereits die halbe Treppe hinabgestiegen – höre ich das erneute Öffnen deiner Tür.
Ich erschrecke, drehe mich aber dennoch langsam um und sehe nach oben.
Ich sehe dich.
Ich sehe deine Augen, noch immer angsterfüllt.
Dein Brustkorb bebt vor Aufregung, hast du geweint?
Abermals treffen sich unsere Blicke.
Schließlich versuche ich ein Lächeln.

Noch immer siehst du mich stumm an, deine Augen aber nun schon etwas weniger ängstlich.

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6 Antworten

Kommentare

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    Einfach ein wunderbarer Text! =)

    14.01.2009, 23:04 von blueschen
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    Mir auch, auch wenn es noch nicht ganz klar ist.

    14.01.2009, 13:13 von Tanea
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    hatte schon gehofft, als ich dein bild zufällig heute morgen bei den eingeloggten sah, dass du einen text einstellst..sonst bist du ja nie hier..so sehr beeindruckt von dem ersten gewesen ;) wieder ein sehr sehr toller!!

    14.01.2009, 11:47 von TNT
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    behutsam geschrieben, verwirrend, poetisch. ganz zauberhaft. etwas zum wieder und wieder lesen. *verneig*

    14.01.2009, 10:41 von misspringle
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