frau.von.ungefaehr 30.11.-0001, 00:00 Uhr 14 54

Alexithymie

„Und wenn wir dann mal tot sind, dann lachen wir.“

Das hatte Christophe in seiner Krakelschrift, die mir so sehr fehlt, auf den Umschlag geschrieben, in dem seine Patientenverfügung lag. Man könne sich nicht früh genug um so etwas kümmern und ehe er künstlich von Sonden ernährt, Astronautennahrung in durchsichtige Scheißebeutel melken würde, wolle er lieber mausetot vom Asphalt gekratzt werden. Oder verbrennen. Oder was sonst halt so passieren kann, wenn Kinder vor ihren Eltern gehen sollen. Er hatte an alles gedacht. Kein Arzt sollte auch nur den kleinsten Beatmungsversuch vornehmen. Aber seine Organe, die wollte er hergeben. Allesamt. Als wir einmal darüber sprachen, stellte er sich vor, wie ich seine Organe suchen würde, wenn er schon längst vom Wurmfutter zu Kompost geworden sein würde. Er sah mich als trauernde Alte, die sich an seine tote und doch lebendige Milz klammert wie vorher bei Spaziergängen in unwegsamem Gebiet an seine Hand.

Nur seine Augen wollte er auch im Tod behalten. Das fand er gruslig. Ich dachte immer, dass es doch eigentlich ganz schön wäre, wenn andere mit meinen Augen das sehen könnten, was mir dann verwehrt blieb. Und verstand nicht, wo für ihn der Unterschied lag, wenn völlig fremde plötzlich mit meinen Ohren hörten, mit meiner Lunge atmen, mit meinem Herz leben würden. Aber ihm war das sehr wichtig. Dass nur er sehen konnte, was er sah.

Als ich durch die Straße laufe, in der er zuletzt gewohnt hat, wird mir eisekalt. Das Blut gefriert mir in den Adern. All die Erinnerungen wirbeln um mich.

Alle.
Zeitgleich.

Ich sehe uns im Elbsandsteingebirge. Auf Kreta. In der Mongolei. Cowboykaffee am Morgen. Meergetöse in der Nacht. Grünes irisches saftiges Gras so weit das Auge reicht. Wie er sich ärgern konnte, wenn er im Schach verlor. Wie schlecht er einparkte. Wie traurig wir waren, als ich zum dritten Mal ein Kind verlor.

Das Erinnerungsgestöber macht mich wütend. Traurig. Einsam. Alle schrecklichen Gefühle fluten mich zugleich. Ich halte das nicht aus. Weiß aber, dass ich das aushalten muss, noch ehe alle Gedanken an Christophe rostig werden. Muss ihn glänzend in meinem Kopf, Herz und Zwerchfell behalten. Ich muss. Sonst gehe ich ein wie die Palme auf seinem Schreibtisch, mit der er immer gesprochen hatte, die er aber nie goss.

Ehe er starb, haben wir uns jahrelang nicht gesehen und nicht gesprochen. Allenfalls schrieben wir uns Postkarten. Manchmal unzählige kurz nacheinander. Dann wieder monatelang keine einzige. Selten enthielten sie wichtigen Informationen. Eher Sternenkonstellationen, die uns gefielen, wieviel wir am Tage für Lebensmittel ausgegeben hatten oder wie das Buch hieß, das ich letztens nicht fertig gelesen hatte. Ich bin mir sicher, dass er nie log. Nie. Im Gegensatz zu mir, die ich selten ehrlich mit ihm war. Er wusste das. Ganz sicher. Und mochte mich dennoch. Das rechne ich ihm hoch an.

In seiner Wohnung brennt Licht.

Ich will heulen.
Kann nicht.
Gehe weiter.

Erinnere mich daran, wie wir immer freitags schwimmen gingen. Im Sommer an den Müggelsee. Im Winter ins Hallenbad. Schwimmen war unser kleinster gemeinsamer Nenner. Vielleicht auch unsere größte gemeinsame Schnittmenge. Es ist sowieso egal. Christophe ist weg. Ich gehe nicht mehr schwimmen. Nicht freitags. Nie mehr.

Er ist jetzt ein Kapitel im Lexikon meiner Kälte. Geschrieben mit nichts als mir fremden Worten. Und wie ich um die Ecke biege, fühle ich, dass er in mir doch schon zu Rost wird.

54

Diesen Text mochten auch

14 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Berührt mich bis ins letzte Glied!

    06.11.2017, 17:19 von baroudeuse
    • 1

      Urologin?

      06.11.2017, 22:34 von Fin_Fang_Foom
    • 0

      Ja woher wusstest du das bloß? 

      07.11.2017, 01:50 von baroudeuse
    • 0

      Du hast ja schon einen grandiosen Tipp geliefert!

      07.11.2017, 09:24 von Fin_Fang_Foom
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Stark!

    13.01.2017, 04:00 von Sonne_1982
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Nur seine Augen wollte er auch im Tod behalten. Das fand er gruslig. 


    Das passt irgendwo nicht.
    Sonst schwimmt der Text gut durch s Meer.

    06.11.2016, 17:48 von Filousoph
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schöne postkarten stelle!

    04.10.2016, 19:34 von sakonu
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Wow, das berührt. Doch Dein Lexikon der Kälte ... nun, ich wünsche Dir ein paar Menschen, die darin lesen dürfen und es auch verstehen, denn dann kann die Kälte in etwas ganz anderes, positives umgewandelt werden.

    23.09.2016, 00:01 von Cyro
    • Kommentar schreiben
  • 0

    irgendwie bemüht

    17.09.2016, 02:47 von EC_Lino
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wahnsinnig gut. 

    17.09.2016, 01:51 von riotsk
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Simply great.

    16.09.2016, 22:14 von MrMelancholia
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Sehr stark!

    16.09.2016, 19:01 von HerrJemine
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Oh ja, oh ja, oh ja!

    Endlich mal wieder ein Text, naja, etwas wirklich Lesenswertes hier in dem Verein!

    15.09.2016, 22:51 von Gluecksaktivistin
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Manchmal bin ich sehr begeistert, stimmt :) Das zeige ich dann auch gerne!

      29.03.2017, 19:45 von Gluecksaktivistin
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare