King-Lube-III 22.12.2010, 10:47 Uhr 11 23

Weihnachten, wie jedes Jahr

Ich befreite meine klaffende Wunde unterm Rippenbogen von Mutters Kartoffelschalen und vernähte sie selbst mit sauberen zwölf Stichen.

>Kaum hatte ich die elterliche Wohnung betreten, kam mir Mutter auch schon freudestrahlend, noch mit dem Küchenmesser in der Hand, entgegengestürmt. Dabei fiel mein sorgfältig gestapelter Geschenketurm um und ich hörte die hässlichen, aber von meinen Eltern geliebten und schweineteuren, Römergläser in tausend Teile bersten.

Nachdem ich Mutter abgeschüttelt hatte, befreite ich meine klaffende Wunde unterm Rippenbogen von Mutters Kartoffelschalen und vernähte sie selbst mit sauberen zwölf Stichen. Eine Gabe, die mir mein Vater vererbt hatte: Wenn ein Mann will, kann er alles.

Ich ging ins Wohnzimmer und sah, dass ich nichts sah: „Wo ist der Weihnachtsbaum?“, schrie ich fast schon hysterisch, denn mein größtes Glück bestand seit frühster Kindheit aus der autarken Dekoration der Christtanne, für die ich in diesem Jahr eigens nach Bethlehem gereist war, um dort handgedrechselte Christbaumkügelchen aus dem Originaldung der Esel aus Jesu Krippe bei Christie’s Bait Lahm zu ersteigern.
„Vater wollte ihn gerade sägen.“, rief Mutter aus der Küche zurück, begleitet von einem Geräusch, als wollte sie einem Huhn die Gurgel umdrehen.
„Wo ist Vater jetzt?“, schrie ich noch panischer, denn mir schwante böses.

„Er macht draußen Feuer.“, kreischte Mutter zurück, gegen einen Lärm ankämpfend, der sich nach einem abgestochenen Schwein anhörte.
„Scheiße.“, dachte ich nur, hätte ich es ausgesprochen, hätte ich mir von Mutter eine gefangen. Da kennt sie nichts.

Ich eilte nach draußen, als mir meine Schwester entgegenkam. Sie kam direkt von der Arbeit und hatte wohl noch keine Zeit gehabt sich umzuziehen. Sie arbeitete als Teilzeitprostituierte auf dem Straßenstrich auf 400 Euro-Basis. Sie hielt sich für besonders clever, weil sie keine Abgaben zu entrichten hatte. Abfällig betrachtete ich ihre Dienstkleidung: „Sieht nuttig aus.“, beleidigte ich sie spontan. „Danke.“, erwiderte sie und küsste mich links und rechts auf die Wangen. Ich wischte mir irgendeinen Schmier aus dem Gesicht. „Was ist das?“, fragte ich konstatiert und begutachtete den Schleim an meinen Fingern.
„Sperma?“, grinste sie zurück. Ich würgte. Sie verschwand in die elterliche Wohnung und ich hörte Mutter freudestrahlend auf sie zustürmen. Ich zog in Erwägung meine Schwester verbluten zu lassen, aber das konnte ich nicht tun, schließlich war sie meine Schwester.

Als ich in der Küche meine Hände abwaschen wollte, stolperte ich über ein totes Schwein. „Gibt es wieder frische Würstchen zum Kartoffelsalat?“, fragte ich Mutter. Meine Schwester kreischte: „Ich bin Vegetarierin, Mutter!“
Mutter zeigte nur wortlos auf das abgemurkste Hühnchen, das zum ausbluten kopfüber an der Lampe hing. Von draußen ertönte die Motorsäge, höchste Zeit den Baum zu retten.

Im Garten wehten mir bereits dichte Rauchschwaden entgegen. „Vater“, rief ich, „Vater tu’s nicht!“. Ich hustete, kämpfte mich durch den dichten, schneidenden Qualm, immer in Richtung des lodernden Lichtes. Wieder ging die Motorsäge. Ohne weitere Beachtung stieß ich einen metallenen Kasten um. Dann packte ich Vater von hinten. „Was?“, stieß er erschrocken aus und schnellte sich um. Zum Glück hatte ich ihn fest im Griff, so dass er mich mit herumriss und nicht in zwei Teile halbierte.

„Mein Junge“, rief er freudestrahlend und versuchte sich zu mir umzudrehen, aber ich ließ nicht locker. Das Motorsäge ging wie Butter durch die Stützpfeiler der Pagode, die daraufhin der Schwerkraft nachgab und uns darunter begrub. Ich lag auf Vater, Vater auf der Säge, die Pagode auf mir, der Feuerkorb mit dreiviertel des brennenden Tannenbaums war umgestürzt, außerdem stank es bestialisch nach Benzin. Jetzt fiel es mir ein: Kanister.
Im nächsten Moment war es taghell. Eine Stichflamme und der Garten brannte lichterloh. Mein dämliche Schwester rief: „Mutter, guck, Vater macht ein Osterfeuer.“
„Wir könnten das Schwein grillen.“, rief Mutter aus der Küche und ich war mir nicht sicher, wen von uns sie meinte.
„Mutter, ich bin Vegetarierin.“, protestierte meine Schwester.
„Dann eben das Hühnchen.“
Mutter war kurz davor sauer zu werden. Ich war kurz davor eine lebendige oder besser sterbende Fackel zu werden und Vater ächzte: „Schön, dass du da bist, mein Junge.“

Das letzte was ich hörte war meine Schwester, wie sie vor Freude in die Hände klatschte: „Das ist soooo schön, Mutter. Weihnachten, wie jedes Jahr.“ und so dachte ich noch zum krönenden Abschluss: Es war kein Sperma auf ihrer Wange, man hatte ihr das Gehirn rausgevögelt.

23

Diesen Text mochten auch

11 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    das neon bild für die kategorie "theater" scheint wie für diesen text gemacht! hurra!

    25.12.2010, 21:18 von eela
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @lavish was ist das "blutkotzesperma"-theater? noch nie von gehört und wieso frieren sie sich in bethlehem den arsch ab? in palästina ist es zur zeit eher warm, vermute ich???

      23.12.2010, 15:40 von King-Lube-III
  • 0

    absolut besinnlich... :-)

    23.12.2010, 09:49 von stefanunterthurner
    • Kommentar schreiben
  • 0

    geil, geil,geil!

    Danke

    23.12.2010, 09:36 von Faeliks
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Danke. So wird Weihnachten selbst für mich erträglich.

    Halleluja!

    23.12.2010, 08:11 von make_a_fool_of_me
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Auf WDR kommt jetzt ein alter Schimanski-Tatort.

    22.12.2010, 22:49 von frl_smilla
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Herrlich!
    Ich habe ernsthaft in Erwägung gezogen, diese Geschichte per E-Mail als Antwort auf die vielen "ich-bin-dann-mal-im-Urlaub-schöne-Weihnachten-und-nen-guten-Rutsch"-Mails auf der Arbeit an alle zu verschicken. :D
    Ich glaube, ich verkneif mir das.

    22.12.2010, 20:34 von nyx_nyx
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "und so dachte ich noch zum krönenden Abschluss: Es war kein Sperma auf ihrer Wange, man hatte ihr das Gehirn rausgevögelt."

    Ich schmeiß mich weg.

    Eigentlich wollte ich eine fiese, kleine Weihnachtsgeschichte schrieben, die Zeit kann ich mir jetzt sparen.

    Danke


    22.12.2010, 14:19 von sabbelwasser
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Rasant erzählt. Das 'Sperma' erinnert mich an das Haargel von Cameron Diaz in "Verrückt nach Mary" - von daher nicht ganz so originell. Trotzdem lustig.

    22.12.2010, 13:41 von Jackie_Grey
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare